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#16 RE: Alltagsgeschichten von Teja 04.01.2020 19:06

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Dass er keine Geister an sein "bestes Stück" lassen will, finde ich ein besonders niedliches Detail!

#17 Tarons Tag: Arbeitsalltag von Nharun 05.01.2020 03:26

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Was bisher geschah: Tarons Tag: Morgenroutine

Tarons Tag: Arbeitsalltag

Über dem Eingang des Königlichen Gesundungshauses prangte das riesige Flachrelief, das Gott Asiranas darstellte der die in einer amorphen Masse aus Insekten, Katzen und Tentakeln personifizierte Krankheit erschlug und dabei die tatkräftige Unterstützung eines ziemlich beliebig aussehenden Königs erhielt, bei dem es sich dem Vernehmen nach um König Kalidon, den Stifter des Hauses und Ururgroßhorger des derzeitigen Königs Pfalenir handelte. Aber außer einem flüchtigen Blick schenkte Taron diesem imposanten Werk keine Beachtung.

Als er durch den Eingang trat begann seine Haut am ganzen Körper zu kribbeln, an manchen Stellen sogar regelrecht zu brennen, während der Schwellenzauber ihn von oberflächlicher Verderbnis und Krankheitserregern reinigte. Obwohl Taron wusste, dass weniger Magie in der morgendlichen Routine das ungute Gefühl vermeiden würde, hatte er noch nie darauf verzichtet.

Im Empfangsbreich war gegen halb 6 Uhr morgens noch nicht viel los. Der Pförtner schaute gähnend auf die Morgenzeitung, in einer Ecke war ein Reinigungsmann gerade damit beschäftigt den Boden zu wischen und eine Mitarbeiterin der Speisenversorgung beschriftete gerade die Tafel mit den Angeboten des Tages. Neben Taron waren da natürlich auch noch einige Mitarbeiter, deren Schicht ebenso wie seine um 6 Uhr begann. Die meisten kannte er vom Sehen, doch nur von wenigen kannte er den Namen. Man nickte sich grüßend zu, schenkte sich aber sonst wenig Beachtung. Wie die anderen, machte Taron kurz halt vor der Statue König Pfalenirs im Zentrum der Eingangshalle, um sich kurz zu verneigen, und ging dann auf die Umkleide zu.

Am Eingang der Umkleide hielt er seine Armbanduhr kurz gegen eine dort angebrachte Platte, auf der kurz sein Name erschien. Seine Ankunft war somit registriert worden. Auch seinen Spind öffnete er mit der Armbanduhr und begann sich auszuziehen. Händisch, denn es widersprach der hausinternen Hygienerichtlinie dafür Magie zu verwenden. An diese Vorschrift hielt er sich, wie die anderen auch, doch dann wartete er in seiner Unterhose dastehend einen Moment, bis er sicher war, dass niemand zu ihm sah und aktivierte den Zauber, der an seiner Spindtür angebracht war. Wie von Geisterhand bildete sich die weiße Arbeitskleidung um seinen Körper. Und genau das war Tarons Problem, denn eigentlich war es Vorschrift sich ganz auszuziehen, aber Taron war in dieser Hinsicht eigen.

Von der Umkleide aus ging er wie ferngesteuert zum Schachtzug und fuhr mit ihm in die vierte Etage und betrat seine Station. Er grüßte den Nachtpfleger freundlich und setzte sich dann im Pflegerzimmer nieder um noch einen Becher Moffa zu trinken und dabei auf die anderen zu warten. Dabei entdeckte er neues Plakat, das für den Eintritt in die Armee warb, stand auf und heftete den aktuellen Dienstplan so darüber, dass er das meiste verdeckte. Taron hatte nichts gegen die Armee. Drei seiner Brüder dienten im Heer und auch sein Leibvater, das wusste er von den Postkarten, aber Taron wollte nicht, dass sich seine Kollegen vielleicht doch von diesem Plakat oder einem ähnlichen abwerben lassen. In der Armee zahlten sie gut, fast das doppelte von dem, was man hier im Königlichen Gesundungshaus verdiente.

Nach und nach kamen Tarons Kollegen ins Pflegerzimmer und versammelten sich um den Tisch. Man tauschte Neuigkeiten aus, plauderte kurz und oberflächlich über dieses und jenes. Kurz nach 6 Uhr kamen noch der Stationsaufseher und der Nachtpfleger hinzu. Während der Übergabe stellte der Nachtpfleger die einzelnen Patienten kurz und knapp vor, berichtete aber nur bei zweien über Auffälligkeiten. Einem Patienten in Zimmer 4 hatte er in der Nacht ein Jegnefesterum, ein Mittel gegen Verderbnis, geben müssen, weil dieser zu stark auf die Heilzauber reagiert hatte, und eine Patientin in Zimmer 9 hatte über so starke Schmerzen geklagt, dass der diensthabende Heiler sie in magischen Schlaf hatte versetzen müssen, sie solle heute morgen als erstes vom Oberheiler untersucht werden. Der Stationsaufseher verteilte die Tagesaufgaben und wies den Pflegern ihre Bereiche zu. Taron und sein Kollege Jar bekamen den ersten Bereich zu gewiesen, in dem beide auffällige Patienten untergebracht waren.

Bei der Morgenvisite überprüften Taron und Jar die Patienten routinemäßig, aber freundlich und dokumentierten ihre Körpertemperatur, ihren Puls und Verderbnisindex. Der Patient in Zimmer 4 zeigte trotz dem Jegnefesterum deutliche Verderbnisanzeichen, die Haut seines rechten Armes war schuppig, an seinem Hals zeigten sich Pusteln und er hatte einige Haare verloren, die Überprüfung mit dem Verderbnisanzeiger ergab immer noch einen Wert von 73 Kelven, ganze 53 über dem Normwert. Die Frau auf Zimmer 9 lag friedlich in magischem Schlaf, aber ihre Körpertemperatur lag bei 312 1/6 Sebul, sie hatte Fieber.

Um 7 Uhr kamen der Oberheiler, der Stationsheiler und einige Schüler zur Visite. Taron und Jar begleiteten sie in ihrem Bereich. Sie widmeten sich zuerst der Frau auf Zimmer 9. Der Oberheiler wirkte einen Diagnosezauber, der aber die Ursache des Schmerzes nicht enthüllte. "Welche Ursachen könnte ein auf diese Weise nicht diagnostizierbarer Schmerz haben?", fragte er seine Schüler. Einer antwortete: "Die Patientin könnte sich den Schmerz nur eingebildet haben." Taron schüttelte den Kopf, denn das würde das Fieber nicht erklären. Der Oberheiler lächelte und sprach Tarons Gedanken aus. Ein anderer Schüler, der einen Blick auf die Patientenkurve geworfen hatte, meldete sich zu Wort: "Die Patientin wurde nach einem Verkehrsunfall mit schweren inneren Verletzungen eingeliefert und einem Notfall-Heilungsritual unterzogen, durch dass ihre Innereien wieder repariert wurden. Da keine physische Ursache für den Schmerz mehr zu diagnostizieren ist, ist es wahrscheinlich, dass sich im Verlauf der Heilung ein Geist in ihren Innereien eingenistet hat. Ihr Körper reagiert auf die Besessenheit mit Fieber, während ihr Verstand das Eindringen als Schmerz registriert. Ich würde eine Austreibung mit dem Sorbenischen Exorzismus vorschlagen."

"Sehr gut", kommentierte der Oberheiler und richtete sich an Jar: "Bringen sie die Patientin in den Ritualraum." Während Jar sich an den Transport machte, dozierte der Oberheiler: "Geister, die sich im Rahmen eines Heilungsrituals in den Körper schleichen, sind häufig zunächst nicht durch die üblichen Diagnosezauber aufspürbar, da es sich meist nur um sehr schwache Geister handelt, die sich kaum von der allgegenwärtigen Verderbnis abheben. Es ist wichtig, dass Sie sich dieser Möglichkeit bewusst sind und auf ihre Beobachtungsgabe vertrauen können. Im Zweifelsfall ist es immer besser, einen Exorzismus durchzuführen, auch wenn keine Besessenheit vorliegt. Der Sorbenische Exorzismus ist hier das Standardverfahren, weil er auch diese Art von Begleit-Geistern zuverlässig entfernt.

Bezüglich des Patienten in Zimmer 4 stellte der Oberheiler lapidar fest, dass dieser eine zu schwache Widerstandskraft gegen Verderbnis besitze und eine weitere magische Behandlung nicht möglich sei. Der Patient solle mit Empfehlung sich von Magie fern zu halten entlassen werden; ihm sei nicht mehr zu helfen. Taron schämte sich, obwohl er nichts dafür konnte. Der Mann war ins Gesundungshaus gekommen um geheilt zu werden, doch die Heiler zogen außer ihrer Magie keine anderen Behandlungsmöglichkeiten in Betracht. Natürlich war die magische Heilung zuverlässig und in den meisten Fällen auch die beste für den Patienten, aber es gab auch andere Methoden. Die Heiler des Mittelalters verstanden sich noch darauf, Patienten mit eigenen Händen zu heilen und in ihren Werken fanden sich ganz erstaunliche Berichte darüber, wie Heiler den Körper von Patienten öffneten, um Geschwüre herauszuschneiden, wie Knochen gerichtet oder Organe entfernt wurden. Aber diese mittelalterlich-kisuvatischen Methoden lernten die Heiler heutzutage nur noch im Rahmen der Medizingeschichte kennen. Der Patient würde sein Glück in der Behandlung durch die halblegalen Heilpraktiker in den Straßen suchen müssen, die diese alte Tradition fortsetzten, unter denen sich aber viele Scharlatane befanden.

Der Rest seiner Schicht verlief ereignislos. Er half einigen Patienten mit ihrer Körperpflege, brachte einige zum Ritualraum für ihre Behandlung, verteilte Essen und wirkte kleine Linderungszauber, die von den Heilern angeordnet waren. Um 2 Uhr Mittags machte er sich auf den Heimweg.



Tarons Tag wird fortgesetzt mit Freizeittrott

#18 RE: Alltagsgeschichten von Teja 05.01.2020 10:33

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Ist diese Art von Bessessenheit das Äuqivalent zu OP-Instrumenten, die im Körper vergessen wurden? Auf jeden Fall ein sehr interessanter Einblick in den Alltag, der enthält doch wesentlich mehr Magie, als ich dachte!

#19 RE: Alltagsgeschichten von Nharun 05.01.2020 11:22

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Zitat von Teja im Beitrag #18
Ist diese Art von Bessessenheit das Äuqivalent zu OP-Instrumenten, die im Körper vergessen wurden? Auf jeden Fall ein sehr interessanter Einblick in den Alltag, der enthält doch wesentlich mehr Magie, als ich dachte!


Ja, im Prinzip trifft es das vergessene OP-Instrument sehr gut. Diese Besessenheit ist ein Risiko der Behandlung, denn obwohl Magie in der Moderne durchaus recht sicher ist und unerwünschte Nebeneffekte sehr selten sind, bleibt sie dennoch eine Kraft aus dem Anderdunkel. Das Risiko erhöht sich natürlich, wenn die Heiler beim Ritual schlampig arbeiten, sei es weil sie unkonzentriert sind oder sich aufgrund des Patientenzustand sehr beeilen müssen. So eine Besessenheit kann, wenn sie nicht entdeckt wird, auch sehr unschön für den Patienten werden, denn der anfangs schwache Geist nistet sich im Gewebe ein, wo dann Tumore entstehen und kann über Jahre hinweg stärker werden, besonders wenn er fein mit Verderbnis gefüttert wird, was bei den vielen Alltagszaubertricks schön regelmäßig in kleinen Dosen geschieht; da kann es sein das man Jahre nach einem Heilungsritual plötzlich von einem starken Geist in den hintersten Winkel des Gehirns gesperrt wird und eine Besessenheit "nach Lehrbuch" entsteht

#20 RE: Alltagsgeschichten von Amanita 05.01.2020 12:45

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Bis jetzt dachte ich ja immer, dass die moderne Toraja noch die angenehmste der hier im Forum vorgestellten Welten ist, aber jetzt stelle ich das doch wieder in Frage. Wenn ich in eine der Welten müsste, dann doch in meine, da kenne ich mich wenigstens aus.

Jedenfalls ein sehr interessanter Einblick in den Alltag eines arbarischen Krankenpflegers. Ich mag die magischen Äquivalente irdischer Technologie und bin auch ein großer Fan von moderner Technik mit Magie, wo man dann Dinge wie magische Smartwatches findet.
Die Weigerung der Heiler, andere als die magischen Methoden in Betracht zu ziehen, wenn dies nicht bei allen Patienten möglich ist, finde ich nicht sonderlich sinnvoll. Ist das eigentlich überall so, oder eine arbarische Spezialität?

So ganz allgemein drängen sich mir da noch ein paar Fragen auf.
Grundsätzlich ist Magie jetzt allgemein akzeptiert. Gibt es aber trotzdem noch Magiegegner, so wie bei uns Atomkraftgegner? Oder gibt es Leute, die einen "magiefreien Lifestyle" praktizieren wollen und Lebensmittel, die für diesen Kundenpreis als "Ohne Magie" etikettiert sind?

#21 RE: Alltagsgeschichten von Nharun 05.01.2020 14:21

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Zitat von Amanita im Beitrag #20
Jedenfalls ein sehr interessanter Einblick in den Alltag eines arbarischen Krankenpflegers. Ich mag die magischen Äquivalente irdischer Technologie und bin auch ein großer Fan von moderner Technik mit Magie, wo man dann Dinge wie magische Smartwatches findet.
Die Weigerung der Heiler, andere als die magischen Methoden in Betracht zu ziehen, wenn dies nicht bei allen Patienten möglich ist, finde ich nicht sonderlich sinnvoll. Ist das eigentlich überall so, oder eine arbarische Spezialität?


Ich denke, das ist ein verallgemeinerbarer Standesdünkel der universitär gebildeten Heiler; es wird sicherlich auch Heiler geben, die unmagische Medizin und Chirurgie berücksichtigen, so wie es deutsche Ärzte gibt, die Akkupunktur, Ajurveda oder andere nicht-westliche Therapieformen nicht generell ablehnen und sie durchaus auch Patienten empfehlen. Es soll ja auch Ärzte geben, die an die Wirkung von diesen Zuckerbonbons glauben, und für die meisten modernen Heiler liegt die mundane Medizin irgendwo zwischen "Nicht-westliche Behandlungsmethode, Globuli und schierem Aberglauben". Mit dieser Ansicht kaschieren torajanische Heiler jedoch, dass sie letztlich gar nicht so viel über den Körper und seine Krankheiten wissen, denn seit dem in der Renaissance die magische Behandlung über die richtige medizinische Therapie zu siegen begann, ging auch die medizinische Forschung zurück. Torajanische Heiler werden ein grundlegendes Wissen über den menschlichen Körper haben, aber ich glaube nicht, dass es so ausgereift und umfassend ist, wie das unserer Ärzte.

Allerdings sieht die Situation bspw. in Qafta auch ganz anders aus, denn dort ist die Menschenwürde, wie in den meisten Ländern, die mehrheitlich der Dscha'ila anhängen, heilig und der Wille jedem zu helfen viel stärker ausgeprägt, als in den Ländern des Nordens. Auch hier wird Medizin zwar größtenteils magisch ausgeübt, aber in den Krankenhäusern Qaftas gibt es durchaus auch Chirurgen und Heilpraktiker, die mundane Methoden anwenden; allerdings gibt es davon im Schnitt weniger und ihre Dienste sind teurer. Je nach politischer Lage und persönlichen Geldmitteln, könnte der Patient aus Zimmer 4 aber durchaus eine Reise nach Qafta nehmen, um sich dort behandeln zu lassen (wobei er dafür auch in die kartenische Föderation könnte, was billiger und einfacher für ihn wäre)

Zitat von Amanita im Beitrag #20
So ganz allgemein drängen sich mir da noch ein paar Fragen auf.
Grundsätzlich ist Magie jetzt allgemein akzeptiert. Gibt es aber trotzdem noch Magiegegner, so wie bei uns Atomkraftgegner? Oder gibt es Leute, die einen "magiefreien Lifestyle" praktizieren wollen und Lebensmittel, die für diesen Kundenpreis als "Ohne Magie" etikettiert sind?


Ja es gibt Magiegegner, sogar gar nicht mal so wenige. Die radikalsten Magiegegner sind sicherlich die "Kaisestiden", die ich im Religionsthread schon einmal als strenge asiranistische Sekte kurz vorgestellt habe. Dort habe ich einer Antwort an Elatan auch geschrieben: " Ich könnte mir auch vorstellen, dass es eine nicht religiöse Art Anti-Magiologie-Bewegung gibt, die versucht Alternativen für alles mögliche zu finden, ähnlich wie Veganer, die Ersatz für Klamotten etc. finden müssen." Mittlerweile (das ist ja auch schon ein halbes Jahr her) bin ich soweit, dass die Einstellung zur Magie in der Gesellschaft durchaus differenziert ist. Der im Norden herrschende Asiranismus, der die Kultur prägt, ist ja der Magie gegenüber eher skeptisch, um es mal freundlich auszudrücken, d.h. in der Gesellschaft gibt es eine gewisse Prägung darauf, Magie gegenüber ein Stückweit skeptisch zu sein. Bei meinem Alltagsprotagonisten ist es das Detail mit der Unterwäsche und dem Glauben daran, dass Geister da involviert sind, obwohl man ihn ansonsten eher als den Typen ansehen müsste, der (bei uns) jeder technischen Neuerung und jedem neuen Gadget nachrennt.

Es wird also einerseits eine, mehrheitlich junge, Gruppe geben, die jeden neuen Trend mitmacht und überaus eifrig Zauber einsetzt; dann eine größere Gruppe, mehrheitlich mittelalter Leute, die sich der magotechnischen Gerätschaften erfreuen, die das Leben erleichtern, aber sich nicht unbedingt einen Hausgeist oder gar eine Auxa anschaffen, und die vermutlich gar nicht genau darüber nachdenken, was mit ihnen im Krankenhaus passiert, wie ihr Fastfood zubereitet oder ihre günstige Wäsche hergestellt wird. Und dann gibt es noch eine kleine Gruppe radikalerer Magiegegner, die sich dem magischen Fortschritt aus religiösen, ethischen, lifestyle oder sonstigen Gründen entziehen wollen, mit radikalen Terroristen am äußersten Pol. Zwischen diesen drei Gruppen, gibt es natürlich auch verschiedene Abstufungen, wie wir sie auch aus unserem Lebensumfeld kennen (verschiedene Abstufungen von grünen Ökos; Vegetarier, Pescetarier, Veganer, etc.; fromme, bibeltreue Christen, moderne junge Christen, Evangelikale etc). Daher würde ich zwar oberflächlich von einer "magischen Gesellschaft" sprechen, denn viele Gerätschaften, wie die Armbanduhren (die erwähnte ist ja eher eine Smartwatch), der Moffabereiter, möglicherweise sogar die Duschen sind magische Gegenstände, aber letztlich ist es bei den meisten Geräten so, wie man den deutschen Durchschnittsbürger danach fragt, wie ein Fernseher oder Computer funktioniert.

Da ich ja gerade schon einmal den vergleich zu Qafta gezogen habe: Dort ist Magie noch wesentlich stärker verbreitet und kann auf eine längere magische Tradition zurückblicken. Zusammen mit dem demokratisch-liberalistischen Charme der sozioreligiösen Umgebung ist es ein Paradies für alles Magische und es gibt weniger Grenzen; während in Ländern wie Arbeskire die zum Einsatz kommenden magischen Gerätschaften und freigebenen Zauber aufgrund der magieskeptischen Prägung strengeren Auflagen unterliegen, gründlicher und häufiger geprüft werden und nur nach ausreichender Prüfung überhaupt in den Umlauf gelangen.

#22 RE: Alltagsgeschichten von Elatan 06.01.2020 21:58

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Also Qafta wirkt auf mich schon mal sympathischer dadurch, dass Patienten auch dann geholfen wird, wenn Magie nicht angebracht ist. Wie sieht es aber eigentlich mit Krankenversicherungen und sowas aus?

#23 RE: Alltagsgeschichten von Nharun 06.01.2020 22:08

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Zitat von Elatan im Beitrag #22
Wie sieht es aber eigentlich mit Krankenversicherungen und sowas aus?


Die Frage habe ich mir auch schon gestellt und noch keine definitive Antwort darauf gefunden. Ich bin mir recht sicher, dass in Qafta ein amerikanisches System ohne Obama Care existiert. Für Arbeskire und die anderen nördlichen Länder überlege ich noch, wie ich das aufziehe. Ich hatte erst überlegt, ob sich eine medizinische Grundversorgung irgendwie staatlich ergeben könnte, bin mittlerweile aber eher am Überlegen, ob in Arbeskire der Arbeitgeber für die medizinische Versorgung seiner Angestellten aufkommt, da ich mir aufgrund des aristokratisch geprägten Weltbildes ohnehin vorgestellt hatte, dass Arbeitgeber in der neueren Zeit quasi die Lehnsherren darstellen ... richtig in Stein gemeißelt ist da aber nichts; die staatliche Versorgung könnte ich auch aus dem Königsheil ableiten, der Vorstellung, dass Kranke durch die Berührung des Königs gesunden. *grübel*

#24 Tarons Tag: Freizeittrott von Nharun 09.01.2020 18:43

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Was bisher geschah: Tarons Tag: Freizeittrott

Tarons Tag: Freizeittrott

In der Umkleide traf er auf den Heiler Drisben, wie so oft. Obwohl Drisben auf einer ganz anderen Station des Königlichen Gesundungshauses eingesetzt war, hatte er beinahe immer Schichtende mit Taron. Das war ihm freilich erst aufgefallen, nachdem die beiden sich letztes Jahr auf der Krönungstagsfeier des Hauses näher kennen gelernt hatten. Seit dem duschten sie häufig nach der Arbeit gemeinsam und suchten die Aale, auch heute. Eine Pflegerin, die in den Duschraum kam, während sie miteinander beschäftigt waren, fragten sie, ob sie sich anschließen wollte, doch sie schüttelte nur den Kopf, stellte sich kurz unter die Dusche und meinte, während sie sich hastig abtrocknete, dass sie noch einen dringenden Termin habe und sich beeilen müsse.

Trotz ihres zur Routine gewordenen Duschens wusste Taron nur wenig über Drisben und umgekehrt, aber das störte keinen der beiden. Es tat einfach gut sich nach der Arbeit gemeinsam zu entspannen. Das machten andere schließlich auch, ohne das mehr daraus wurde. Nach dem Ankleiden begleitete Drisben Taron noch zur Haltestelle, wohl aus dem schlechten Gewissen heraus, dass er Taron heute länger als üblich unter der Dusche gehalten und dieser seinen Bus verpasst hatte. Sie unterhielten sich belanglos über dieses und jenes, zur gegenseitigen Verblüffung stellten sie fest, das beide Fans von Brörkenga waren, was sie ein Lächeln austauschen ließ. Als der Bus endlich kam und Taron einstieg, hielt Drisben seine Hand für Tarons Geschmack einen Moment zu lange fest.

Auf der Rückfahrt war der Bus ziemlich voll, ziemlich laut und ziemlich stickig, doch er leerte sich bis zur Hälfte der Fahrtstrecke deutlich und Taron fand einen Sitzplatz. Er projizierte mit seiner Armbanduhr eine Anzeige auf die Lehne der Sitzbank vor ihm und begann die neusten Nachrichten zu lesen. Bei der Konferenz in Himma war eine Bombe explodiert und hatte neben den Diplomaten aus Huba und Sambaheti einige hochrangige Offizielle des Weltkongresses getötet, ersten Informationen nach war unter den Todesopfern auch der Vorsitzende Lendras Eukippas, weshalb nicht nur in Huba und Sambaheti wieder mobil gemacht wurde, sondern in den verschiedenen Zeitungen auch über ein Eingreifen Arveliens in den Konflikt diskutiert wurde. Taron schüttelte den Kopf und murmelte: "So dumm sind die Arvelen nicht".

Er kam gerade rechtzeitig um mit seinen Brüdern, seinem Horger und dessen neuen Kindern zu Mittag zu essen. Wie ihr Horger waren seine Brüder alle in der Stahlindustrie beschäftigt, so wie es die neuen Kindern auch werden würden und er es auch hätte werden sollen, wäre er nicht der Eichelhäher der Familie und hätte sich trotz der Ausbildung zum Metallarbeiter zu einem Gesundungshelfer umschulen lassen. Obwohl sein Horger und seine Brüder, selbst die Kleinen, ihn deshalb immer wieder aufzogen, war sein Horger unglaublich stolz auf ihn. Die Kleinen hatten weniger Verständnis dafür, liebten ihn aber, weil er ihnen bei den Hausaufgaben half. Obwohl Taron die Aufgaben fast auswendig kannte, da sein Horger sich nicht die Mühe gegeben hatte neue Aufgaben zu stellen, tat er oft so, als müssten die Kleinen ihm erst einmal erklären worum es überhaupt geht.

Nach dem Mittagessen gingen seine Brüder wieder ins Stahlwerk und er legte sich hin, um ein wenig zu schlafen. Weil er ein Hase war und morgen der Hasentag standen zwei freie Tage vor ihm. Heute Abend würde er mit Vamas und einigen Freunden einen Drauf machen. Den Nachmittag verbrachte er vor dem Fernspiegel, ignorierte jedoch die Nachrichtenprogramme und ärgerte sich über die Laufnachrichten über die Situation in Himma, während er sich von "Raumschiff Enral" berieseln ließ. Dieser Captain Kiral war schon sexy.

Am Abend gingen Taron und Vamas zum Runvidher, der nur drei Straßen entfernt war, und trafen sich dort mit Jakon, Freislav und Orana. Jakon und Freislav kannten sie bereits aus Kindertagen, weil sie die Kinder eines mit ihrem Horger befreundeten Horgers waren, Orana war Freislavs Geliebte, mit der er, ganz untypisch, seit zwei Jahren zusammen eine kleine Wohnung teilte. Sie diskutierten eine Weile, welches Erinnerungsspiel sie sich anschauen sollten, entschieden sich dann aber zu Gunsten von "Geder IV: Die Rückkehr des Kahulvar", einem Superheldenstück. Das Erinnerungsspiel dauerte zwei Stunden, danach nahmen sie eine Absacker in einem nahegelegenen Mjudechol um dann ins "Kreiche" weiterzuziehen. In der Tanzhalle genossen sie Alkohol und tanzten ausgiebig zur neusten arbischen Musik. Wie die Musik war auch der Tanz wild und im Zusammenspiel mit dem Alkohol durchaus anstrengend. Irgendwann nach drei Uhr morgens gingen erst Vamas, erschöpft von Arbeit und Abend, dann Freislav und Orana nach hause. Erschöpft aber noch lange nicht müde beschlossen Taron und Jakon noch ins Fanichol zu gehen und entspannten dort bei den sanften Klängen der offiziell verbotenen qaftischen Musik und dem Rauchen einer ebenso verbotenen Henur. Neben Moffa war das Henurrauchen ein weiteres demokratisches Laster, zu dem Taron nicht nein sagen konnte.

Arm in Arm wankten die beiden nach Hause, als es schon dämmerte, um sich neben dem schon friedlich schlummernden Vamas ins Bett fallen zu lassen. Eng umschlungen fielen beide aber schnell in den Schlaf.



Tarons Tag ist abgeschlossen; die Geschichte geht weiter mit: Drisbens Tag: Morgenroutine

#25 RE: Tarons Tag: Freizeittrott von Elatan 09.01.2020 18:50

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Zitat von Nharun im Beitrag #24
Eine Pflegerin, die in den Duschraum kam, während sie miteinander beschäftigt waren, fragten sie, ob sie sich anschließen wollte, doch sie schüttelte nur den Kopf, stellte sich kurz unter die Dusche und meinte, während sie sich hastig abtrocknete, dass sie noch einen dringenden Termin habe und sich beeilen müsse.


Na die sind da ja sehr offen, was sowas angeht.

Zitat von Nharun im Beitrag #24
wäre er nicht der Eichelhäher der Familie und hätte sich trotz der Ausbildung zum Metallarbeiter zu einem Gesundungshelfer umschulen lassen

Was genau hat es mit dem Eichelhäher auf sich? Hast du das mal erwähnt? Aus dem Kontext kann ich mir schon erschließen, was das bedeutet, aber ich bin trotzdem neugierig.

#26 RE: Tarons Tag: Freizeittrott von Nharun 09.01.2020 19:09

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Ja, die Arben sind recht freizügig in dieser Hinsicht.

Zitat von Elatan im Beitrag #25
Was genau hat es mit dem Eichelhäher auf sich? Hast du das mal erwähnt? Aus dem Kontext kann ich mir schon erschließen, was das bedeutet, aber ich bin trotzdem neugierig.


Ich weiß nicht, ob ich das mal erwähnt habe. Die Bezeichnung geht auf den antiken arbarischen Gott Mavunus zurück:

"In Gestalt des Eichelhähers lockte er mit seinem Ruf die jungen Männer aus ihren Dörfern und sang von fernen Ländern und Abenteuern - daher auch der bis in die Renaissance reichende Brauch eine Feder des Eichelhähers am Reisegewand zu tragen." (Toraja-Website)

In der Moderne ist der Begriff "Eichelhäher" davon ausgehend zum arbischen Begriff für einen jugendlichen Rebellen oder ein "schwarzes Schaf" geworden, also für Menschen, die nicht den Erwartungen der Familie entsprechen.

#27 Drisbens Tag: Morgenroutine von Nharun 10.01.2020 18:27

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Zuvor in dieser Geschichte: Tarons Tag

Drisbens Tag: Morgenroutine

Um Fünf Uhr morgens riss das rasselnde Klingeln des Aufziehweckers Drisben so arg aus dem Schlaf, dass er sich für einen Moment mit schweren Knochen im Dunkel treibend wähnte, als habe das Anderdunkel obsiegt und ihn verschlungen. Doch mit dem Gefühl in seinen Fingerspitzen kehrte auch das Bewusstsein über seinen Aufenthaltsort zurück. Er lag in seinem Bett, in dem kleinen Apartment, das er allein bewohnte. Obwohl es nur knapp dreißig Quadratmeter groß war, kam es ihm jetzt während des Wachwerdens wie eine gewaltige leere Halle vor, eine große dunkle Weite der Stille. Seit drei Jahren wohnte er hier und noch immer hatte er sich nicht daran gewöhnt, so sehr ihn die Geräusche und Gerüche der anderen oft gestört hatten. Aber Drisben ertappte sich in letzter Zeit immer häufiger dabei, sich einsam zu fühlen.

Er stieg aus dem Bett und stapfte unbeholfen durch die Dunkelheit in Richtung des Bades, stieß dabei einen Stapel erotischer Erinnerungsspiele um, die er sich zur Bekämpfung seiner Einsamkeit besorgt hatte, hüpfte aufgrund des Schrecks die letzten zwei Meter auf einem Bein. Im Bad schaltete er das Licht an, kniff aber gleich seine Augen zusammen, so grell war es. Dann stand er eine gute Viertelstunde unter der kalten Brause, oder besser wusch sich hektisch, hüpfte beinahe unter dem kalten Wasser, das den restlichen Schlaf verjagte. Das Handtuch mit dem er sich abtrocknete war rau.

Endlich wach ging er lockeren Schrittes aus dem Bad in die kleine Wohnküche, setzte sich an den Tresen, goss sich einen großen Becher Ammelge der Marke Knigger ein und schaltete den Fernspiegel ein. Es war eine lästige Angewohnheit, dachte er über sich selbst, doch Kniggerprodukte schmeckten einfach besser als die der Konkurrenz, vor allem seine Lieblingssorte mit Draugergeschmack; bei den anderen schmeckte das einfach nur künstlich und süß oder war ein simpler Geschmackszauber. Magie im Essen ist etwas für Banausen und arme Schlucker - und er war keins von beidem: Drisben hatte einen sehr feinen Geschmackssinn, auf den er besonders stolz war, und als Heiler am könglichen Gesundungshaus von Arkeng war er alles andere als arm.

Im Fernspiegel sah er die neusten Meldungen über den Aufstand in der sorbenischen Provinz Letien. Die Bilder waren grauenhaft: Brennende Häuser, gehängte und gepfählte Menschen, teile des Fürstenpalastes von Darheim in Trümmern. "Wie barbarisch", brummte Drisben in seine Knigger-Ammelge, um dann auf den Tresen zu hauen und laut gegen den Fernspiegel zu rufen: "Da, Kirmod, hast du die Quittung für diese dämliche 'Wir schießen nicht auf unsere eigenen Untertanen, auch mit Andersdenkenden kann man vernünftig reden'-Politik!"

Drisben schnaubte. Man hätte diese demokratischen Rebellen direkt erschießen sollen, da war er sich sicher. Die Geschichte, da war er sich um so sicherer, würde es als Kirmods größten Fehler ansehen, dass er die Demokraten in Umerziehungslager hatte einsperren wollen, wo sie sich gegenseitig noch weiter radikalisieren und Pläne schmieden konnten. Als dieser Adrissuner und seine Leute dann das größte Lager von innen heraus eingenommen hatten, hätte man einfach einen Luftschlag dagegen ausführen sollen. Jetzt war es zu spät. Hoffentlich würde König Pfalenir ein demokratisches Sorbenien nicht dulden, denn diese Entwicklung schien unausweichlich. "Wo kämen wir denn dahin, wenn jeder einfach Politik machen könnte?", fragte er den Fernspiegel und bekam als Antwort eine Stellungnahme des arbischen Kriegsrates Freivuld: "... haben wir nach Erhalt der Nachricht durch unseren Informationsdienst umgehend die Streitkräfte entlang der arbisch-sorbenischen Grenze in höchste Alarmbereitschaft versetzt und im Auftrag unseres Königs dem sorbenischen König unsere volle Hilfsbereitschaft angeboten." Drisben nickte. Stellte den Becher in die Spüle und ging zurück ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Den Fernspiegel ließ er währenddessen weiter laufen, auch wenn das Geschwätz über die ständigen noronteischen Konflikte ihn langweilte. Sollten die Demokraten sich doch gegenseitig die Köpfe einschlagen, wie es ihnen gefällt.

Kurz nach halb Sechs schaltete er den Fernspiegel ab und aktivierte beim Verlassen des Apartments den Alarmzauber. Dann stieg er in den Schachtzug und fuhr runter in die Lobby, aber außer dem Pförtner und einem anderen Haustraller, der den Boden wischte, war um diese Uhrzeit noch niemand da. Die meisten anderen Bewohner des Apartmentturmes waren in der Verwaltung oder Finanzwirtschaft beschäftigt und begann erst später mit ihrer Arbeit.

Er schlenderte durch den Park, der seinen Apartmentturm vom Königlichen Gesundungshaus trennte und betrat dieses durch einen Seiteneingang, der ihn an Hauswirtschaft und Küche vorbei direkt zu den Umkleiden führte. Beim Hereingehen flirrte die Luft kurz auf, als der Schwellenzauber ihn von oberflächlicher Verderbnis und Krankheitserregern reinigte, wie Drisben daran erkannte, müsste er bald wieder aufgeladen werden, aber das war nicht seine Aufgabe. Auf halbem Weg drehte er um, er hatte vergessen sich mit seiner Armbanduhr zum Dienst zu melden.




Drisbens Tag wird fortgesetzt mit: Arbeitsalltag

#28 RE: Drisbens Tag: Morgenroutine von Teja 19.01.2020 10:10

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@Nharun Das mit dem Eichelhäher finde ich ein echt interessantes Detail, das zeigt schön, dass du viele Sachen ganz anders besetzt hast, als man es gewohnt ist.

Du schreibst, Drisben ist alles andere als arm und er lebt in einer 30 Quadratmeterwohnung. Ist das eine "normale" Größe oder wie ist es mit dem Platz, ist Platz Luxus in deiner Welt?
Bei Drisbens Geschichte warte ich jetzt gespannt darauf, was er von Taron denkt.

#29 RE: Drisbens Tag: Morgenroutine von Nharun 19.01.2020 10:29

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Danke @Teja.

Bei den Arben sind 30 m² für eine Person Luxus pur. Arben leben traditionell in großen WGs mit einem Dutzend Mitbewohnern, meist ihren (gleichgeschlechtlichen) Geschwistern oder auch mit Freunden oder Arbeitskollegen zusammen, wobei es dabei noch üblich ist, dass alle in einer Art Schlafsaal schlafen - es gibt eigentlich keine "persönlichen" Rückzugsorte und kaum Privatsphäre. Das ist die moderne Form der antiken Wohnhallen, geprägt durch das Horgersystem.

Eigene Wohnungen (oder gar Häuser) sind selten, entsprechen nicht der Norm und wer zu lange allein (oder nur zu zweit) in einer solchen lebt, erleidet schnell ein soziales Stigma als Sonderling, Eigenbrödler und potentieller Krimineller. Solche Wohnungen sind oft noch kleinere Einraumapartments und dienen meist als zeitweises Liebesnest (Mirnhus) für Pärchen, die nicht zusammen wohnen (was gerade bei heterosexuellen Paaren typisch ist, da beide Partner meist in ihrer WG leben) oder für Eltern, die gerade ein Kind bekommen haben und es versorgen, bis sie es an einen Horger abgeben. Gerade "professionelle Brüder" (Arben, die ihr Geld vor allem durchs Kinderkriegen in Form von staatlicher Unterstützung und dem Mirngalla verdienen) bewohnen dauerhaft so "große" Wohnungen wie jene, die Drisben allein bewohnt.

Dass Drisben alleine eine Wohnung bewohnt ist auch erst seit den 1950ern (die Alltagsgeschichten spielen 1980) rechtlich ohne größere Probleme möglich und haben den "chirischen Einfluss" als Ursache, der sich besonders bei Arben findet, die längere Zeit im Ausland verbracht und dort richtige Privatsphäre kennen - und schätzen - gelernt haben.

[Edit: Kurze Handynachricht korrigiert & ausgebaut]

#30 Drisbens Tag: Arbeitsalltag von Nharun 21.01.2020 01:14

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Das geschah zuvor: Morgenroutine

Drisbens Tag: Arbeitsalltag

Nachdem Drisben in der Umkleide seine magische Robe angelegt hatte, schlenderte er langsam zum Schachtzug, grüßte auf dem Weg den Reiniger, der den Boden der Lobby säuberte und fuhr dann auf seine Station. Er meldete sich bei den Pflegern, ging dann aber ohne eine Reaktion abzuwarten in sein Dienstzimmer und begann die bereitgelegten Berichte zu überfliegen. Er seufzte: Wieder einmal nur Standardfälle. Irgendwelche Adligen, die wegen Magenproblemen gekommen waren, einem Heilritual unterzogen wurden und dann nach spätestens drei Tagen wieder nach Hause geschickt wurden. Dreiviertel von denen würde eine Ernährungsumstellung schon helfen, weniger chirisches Getreide, weniger Milchprodukte und sie wären gesund. Das andere Viertel sollte sich einfach vom Alkohol fernhalten. Auch wenn er es so niemandem gesagt hätte, legte er seine ganze Hoffnung auf die sechs Neuaufnahmen, die sich heute vorstellen sollten.

Bis zur Morgenvisite lehnte er sich entspannt zurück und spielte ein Puzzle auf dem Dienstspiegel.

Bei der Morgenvisite setzte er ein freundliches Gesicht auf und versuchte seine Verachtung für seine Patienten zu überspielen. Wie immer ließ er die Pfleger den Großteil der Arbeit verrichten, zelebrierte seine Diagnosezauber mit mehr Tamtam, als es nötig war - die Patienten waren aber immer beruhigt, wenn die Luft um sie herum flirrte, magische Nebel aufwallten und seine Augen aufleuchteten. Das lernten Heiler schon während der Ausbildung. Für einen Patienten nahm er sich mehr Zeit, fühlte seinen Puls, maß den Blutdruck, tastete den Magen ab, scherzte. Nicht, weil der Patient besonders krank war, sondern weil Drisben den jungen Mann sehr anziehend fand. Die Vorschriften verbaten zwar, dass er mit einem Patienten anbändelte, aber im Rahmen der Vorschriften konnte er sich bemühen, so viel Kontakt wie möglich herzustellen.

Im Lauf des Vormittags trafen die Neuaufnahmen auf der Station ein. Die Aufnahmeuntersuchungen wurden bereits unten am Empfang erledigt und die Pfleger führten das abschließende Aufnahmegespräch, aber es lag in Drisbens Verantwortung die gesammelten Informationen in eine Diagnose umzuformen, noch ein paar Untersuchungen durchzuführen und dann ein Heilritual zu verordnen; auch wenn die Art des Heilrituals im Normalfall bereits feststand. Auch wenn es für die Patienten neu und aufregend war, für Drisben war es Routine und seine größte Leistung bestand darin, seine Langeweile zu überspielen und sich beim Abspulen der immer gleichen Aufklärung über das durchzuführende Ritual nicht zu verhaspeln.

"Wir werden bei ihnen ein Heilritual nach Koll durchführen. Das Ritual entfernt die Verderbnis in ihren Eingeweiden und aktiviert die körpereigenen Mechanismen zur Selbstheilung, die durch magische Energien für einige Tage beschleunigt und verstärkt werden. Ihre Schmerzen werden dadurch umgehend behoben, aber es ist wahrscheinlich, dass Sie leichte Zuckungen, etwas wie Magengrummeln und einen Juckreiz bemerken. Das ist nicht ungewöhnlich und kein Grund zur Sorge, das gehört dazu. Aufgrund des Einsatzes von Magie ist es möglich, wenn auch unwahrscheinlich, dass ihr Körper mit Haarausfall, Hautausschlag oder Hautverfärbungen reagiert, in seltensten Fällen kann es zu einer leichten Besessenheit durch eine Null-Entität kommen, auf die Sie jedoch getestet werden und die wir beheben, bevor dadurch ein Schaden für Sie entstehen kann. Nur in einem von Hunderttausend Fällen kommt es vor, dass das Heilritual keine Wirkung erzielt, weil ihr Körper unempfänglich für diese Art der magischen Manipulation ist. Bei dem Heilritual nach Koll handelt es sich um eine Metamorphose geringen Grades, bei der keine langfristigen Nebenwirkungen zu erwarten sind, Sie müssen aber darauf achten, in den kommenden vier Wochen keine weiteren Metamorphosen durchführen zu lassen oder Präparate zu sich zu nehmen, die metamorphische Wirkungen haben. Sollten Sie auf derartige Behandlungen angewiesen sein, dann nur in direkter Absprache mit ihrem Hausheiler. In den sechs Stunden vor dem Ritual müssen sie nüchtern sein und dürfen erst drei Stunden nach Ritualdurchführung wieder Nahrung zu sich nehmen."

Die Patienten fragten dann in der Regel noch mehrfach bestimmte Details nach, auf die er in Variationen der schon gegebenen Aufklärung antwortete. Die meisten hörten nämlich nicht richtig zu. Dann ließ er ein Protokoll unterschreiben, verstaute es in einer Akte und führte das gleiche Gespräch mit dem nächsten Patienten.

Während der Mittagspause genoss Drisben es innerlich, das Kantinenessen zu sich zunehmen, während seine Patienten nüchtern bleiben mussten. Mit seinen Kollegen von anderen Stationen plauderte er über diese und jene Belanglosigkeit, spürte dann aber starken Neid in sich aufwallen: Palen, der Stationsheiler von Station 7, berichtete von einem Patienten, der nach seiner Rückkehr aus Narva von einer Art "Magischem Moos" befallen war, das sich innerlich und äußerlich ausbreitete und laut des letzten Diagnosezaubers auch bereits das Hirn befallen hatte. Das war ein Fall, wie Drisben ihn sich wünschte. Die Heiler diskutierten über mögliche Ursachen und Behandlungen, zumal dieses "Moos" erstaunlich unempfindlich gegenüber Magie zu sein schien. Leider war die Mittagspause viel zu schnell vorüber und Drisben musste sich für den Ritualraum vorbereiten.

Im Ritualraum leitete er die Heilungsrituale für die Patienten seiner Station. Nachdem es in der Vergangenheit vorgekommen war, dass Patienten in Panik versucht hatten aus dem Ritualraum zu fliehen, war es üblich sie zunächst in einen magischen Schlaf zu versetzen. Das machte auch die weitere Ritualdurchführung einfacher, denn man konnte auf unnötiges Brimborium verzichten. So standen nur im Schlafraum irgendwelchen antiken Zauberrequisten herum, während der Ritualraum bis auf eine Beschwörungskreis und einen Berechnungsspiegel leer war. Im Berechnungsspiegel passte Drisben das Heilungsritual nach Koll auf Zeit und Patienten an und folgte dann den Anweisungen des Spiegels. Als Ritualleiter bestand seine Aufgabe mehr darin, die Ritualhelfer in Position zu bringen und ihnen bestimmte Anweisungen zu erteilen, die eigentliche Arbeit lag bei den Ritualhelfern. Dennoch arbeitete Drisben konzentriert und hielt mehrere Zauber zur Geisterabwehr bereit, nur für den Fall, dass irgendwelche unerwünschten "Besucher" aus dem Anderdunkel versuchten die Gelegenheit zu nutzen.

Nachdem er das letzte Ritual beendet hatte, endete auch schon seine Schicht. Er verabschiedete sich auf der Station und ging dann freudigen Schrittes in Richtung der Umkleiden. Er freute sich. Nicht nur auf das Ende einer weiteren, langweiligen Schicht, sondern auf das, was ihm in den Feierabend wie üblich versüßen würde.




Drisbens Tag wird fortgesetzt mit: Freizeittrott

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