Seite 5 von 7
#61 RE: Alltagsgeschichten von Elatan 04.02.2020 23:05

avatar

Ich finde diese Alltagsgeschichte wirklich sehr interessant, weil sie mit so vielen Details gespickt ist und du mit ihr ein richtiges Bild zeichnest, das einem hilft, sich alles vorzustellen. So soll es sein! :)

#62 Jakons Tag: Arbeitsalltag (Teil 3) von Nharun 05.02.2020 04:05

avatar

Was bisher geschah: Jakons Tag: Arbeitsalltag (Teil 2)

Jakons Tag: Arbeitsalltag (Teil 3)

„Kater!“, fluchte Jakon.

Es hätte ihm auffallen müssen, dass kein Abschirmer vor der Wohnung Wache stand. Die Nachtwache war schlampig, ja, das schon, aber eher was die schriftliche Dokumentation anging. Deshalb hatte er in den Aufzeichnungen auch gar nicht geschaut, ob ein Eintrag darüber vorhanden war. Das Fehlen eines Wächters hätte ihm aber auffallen sollen, auffallen müssen.

„Aufklärer Ermis-“

„Was?“, unterbrach Jakon den Seher wütend. Schloss kurz die Augen, schüttelte den Kopf und atmete schwer aus. Dann schob er nach: „Tut mir Leid. Was gibt es?“ Jakon war wütend auf sich selbst.

Eskar deutete durch die Tür auf eine Stelle in der Wohnung. Ein vom grünen Moos überwachsenes Etwas auf etwas, was ein Sofa oder eine Bank sein mochte, und angesichts der Größe der Wohnung wahrscheinlich ein Truhenbett war. Im überwachsenen Chaos hatte Jakon es zunächst für Kissen, Decken und Klamotten gehalten. Aber jetzt folgte er Eskars Geste, jetzt sah er unter Moos etwas, das nur eines sein konnte: Ein menschlicher Schädel.

Jakon schluckte. Der Instinkt schrie ihn an, sofort dorthin zu stürzen, das Moos mit seiner Abschirmung fortzudrängen und zu überprüfen, ob es sich um Morig handelte. Doch der Verstand wedelte mit der Dienstvorschrift und obsiegte.

„Eskar, fertige einen genauen Gedankenpalast vom Tatort an!“, trug er dem Seher auf und trat dabei selbst aus der Wohnung heraus. Die Abschirmung um ihn herum begann bereits zu flirren, ein untrügerisches Zeichen dafür, dass sie bald brechen würde.

Während Eskar die Wohnung betrat, sich alles genau ansah und dabei seine Schläfen mit Zeige- und Mittelfingern massierte, ließ Jakon draußen auf dem Flur die Abschirmung fallen und kontaktierte Offizier Merbas.

„Aufklärer Ermissuner! Wagen Sie es bloß nicht noch einmal, das Gespräch einfach zu beenden. Oder hat das Moos sie etwa angegriffen?“, der Offizier lachte herzlich.

„Entschuldigung, Offizier Merbas. Wir haben eine Leiche gefunden, ich mutmaße, dass es sich dabei um die abwesende Abschirmerin handelt.“

Jakon hörte, wie der Offizier sich an seinen eigenen Worten verschluckte und nur ein „Kater!“ entfleuchte. Danach beendete der Offizier das Gespräch wortlos.

Es dauerte nicht einmal zwanzig Minuten, bis ein halbes Dutzend Bärenkrieger in das 2. Stockwerk des Wohnblocks heraufgestürmt kam und sofort begann eine provisorische Abschirmung herbeizuzaubern. Nach weiteren 15 Minuten rückten weitere Bärenkrieger an und begannen zunächst das zweite Stockwerk, dann den ganzen Wohnblock hastig zu evakuieren.

Während der erste Trupp Jakon und Eskar weitestgehend ignorierte, kam mit dem zweiten Trupp ein Offizier der Königsgarde, der sie zur Seite nahm und sich Bericht erstatten ließ. Jakon kannte diesen Offizier, es war Finnik Modbansuner, ein junger, ehrgeiziger Kerl, mit dem Jakon als Aufklärer in der Dritten Ordnungshalle angefangen hatte. Allerdings hatte Finnik bereits nach einem Jahr zu den Bären gewechselt und war dann nach nur knapp einem weiteren Jahr in die Königsgarde berufen worden; über die genauen Gründe dafür kursierten in der Ordnungshalle wilde Gerüchte. Es störte Jakon ein wenig, dass Finnik die alte Bekanntschaft zu ignorieren schien, aber er erstatte pflichtbewusst Bericht.

Den Rest der Schicht verbrachten Jakon und Eskar dann in einem Schwarzen Zelt der Bärenkrieger, um dort von Verderbnis gereinigt zu werden. Sie hatten zwar beide Abschirmungen genutzt, aber angesichts der unerwartet hohen Verderbnis der Wohnung, war es Vorschrift, gründlich gereinigt zu werden – Jakon hatte dafür durchaus Verständnis. Wofür er kein Verständnis hatte, war jedoch die Dauer der Reinigung. Der mehrmalige Wechsel von Einölung mit stark riechenden Ölen und Abduschen fraß einfach zu viel Zeit. Außerdem war er sauer. Finnik hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass die Königsgarde die Aufklärungsarbeit in diesem Fall übernehmen würde. Er hatte den Fall verloren und wenn er Pech hätte, würde er von diesem widerlich arroganten Kerl auch noch als Laufbursche und Dienstbote umher gescheucht.

Als sie nach Stunden endlich mit der Reinigung fertig waren, wurde Eskar Gedankenpalast der Wohnung von einem Spezialisten der Königsgarde „übernommen“, wie sie es ausdrückten. Für Jakon war es eher „geraubt“ und so wie er Eskars Gesicht deutete, kam diesem der magische Eingriff in sein Gedächtnis eher wie eine Vergewaltigung vor. Der Spezialist kommentierte Eskars Miene nur mit einem lakonischen „Das erste Mal, hmm? Das ist immer schwer.“

Endlich wurden sie entlassen. Auf der Straße vor dem Wohnblock war eine gaffende Menge versammelt, die neugierig das Treiben der Bärenkrieger und Königsgarde beobachteten und sich an den Absperrungen drängten wie bei einem Konzert von Giskurva. Jakon grinste, denn ihm kam die Lautstärke auch vergleichbar vor. Als er seinen Offizier erblickte, befürchtete er für einen Moment, dieser würde ihn an die Absperrungen abkommandieren, wo einige Abschirmer damit beschäftigt waren, die Schaulustigen vom Tatort fernzuhalten. Aber Offizier Merbas erkundigte sich nur kurz nach seinem und Eskars Wohlbefinden und stellte sie dann für vier Tage frei. „Sieht die Dienstvorschrift nach so einem Erlebnis vor“, erklärte er, warf dabei aber einen kurzen Blick auf Finnik, der etwas abseits von ihnen mit einigen Vertretern der Presse sprach.

Auf dem Weg zur Ordnungshalle fluchte Jakon in einem fort. Dabei entwichen ihm so üble Verwünschungen, dass er an einer Straßenecke stehen blieb und sich umschaute, ob diese in der Verderbnis des Tatortes vielleicht irgendwelche Entitäten geweckt hatten. Aber hinter sah er nur ein anderes Selbstfahrzeug. Eskar schwieg die ganze Rückfahrt über und brachte an der Ordnungshalle nur ein leises „Bis bald“ hervor. Irgendwie tat der Tatortseher Jakon leid und aus diesem Mitleid, steckte er Eskar seine Visitenkarte in die Tasche: „Schlaf dich ordentlich aus, und meld‘ dich morgen mal bei mir, ja? Wir können ja was zu Mittag essen gehen oder so.“

Eine Nachricht von Freislav stimmte ihn auf dem Heimweg etwas besser: Am Abend würde er sich mit Freislav, Orana, Taron und Vamas treffen. Ein unbeschwerter Abend wäre genau das richtige, dachte er und murmelte halb laut vor sich hin: „und ein paar starke Getränke halten das Moos dann auch aus meinen Träumen fern.“

#63 RE: Jakons Tag: Arbeitsalltag (Teil 3) von Elatan 05.02.2020 09:08

avatar

@Nharun: Na das war ein Tag für Jakon … wer genau sind denn die Bärenkrieger?

#64 RE: Jakons Tag: Arbeitsalltag (Teil 3) von Nharun 05.02.2020 10:02

avatar

Eine Art "Magiepolizei"

#65 RE: Jakons Tag: Arbeitsalltag (Teil 3) von Elatan 05.02.2020 10:22

avatar

Oh, peinlich, das hatte ich gar nicht gelesen oder schon wieder vergessen. Hab ich auch irgendwo überlesen, woher sie ihren Namen haben?

#66 RE: Jakons Tag: Arbeitsalltag (Teil 3) von Nharun 05.02.2020 11:11

avatar

Zitat von Elatan im Beitrag #65
Hab ich auch irgendwo überlesen, woher sie ihren Namen haben?


Nein, das hast du nicht, glaube ich. Die "Bärenkrieger" (Arbisch Briorslachter ["Brörslachter"]) stehen in einer ziemlich alten Tradition. In der Antike und der vorasiranistischen Klassik gab es geweihte Männerbünde des Gottes Ertius, die neben der kultischen Verehrung des Bärengottes auch mit Schutz der Siedlungen vor Verderbnis und verderbten Bestien beauftragt waren (Der Bärengott ist der mythische Gegenspieler des Kraken Kjahullir, der als Sinnbild für die gesamte Verderbnis des Anderdunkels zu sehen ist). "Diese Eingeweihten mussten einen Zweikampf, auf Leben und Tod, mit einem ausgewachsenen Bären bestehen, um ihre Würdigkeit zu beweisen. Erst in der Spätphase seiner Verehrung wurde dies durch einen kultischen Kampf gegen einen Priester mit Bärenmaske ersetzt. Das ursprüngliche Initiationsritual war eine Abwandlung der in der Antike üblichen Todesstrafe: Der Verurteilte wurde, während er durch Schwarzmantelsporen unter Halluzinationen litt, in eine Bärenhöhle geschickt; konnte er in diesem Zustand den Bären bezwingen, so hatte er seine Unschuld vor Ertius und den Menschen bewiesen - und wurde gleichsam zu einem Eingeweihten des Kultes. Nur durch diese Bestrafung konnten auch Frauen Teil der Kultgemeinschaft werden, denen ansonsten der Zugang zu den Männerbünden verwehrt war." (Zitat von www.die-toraja.de).
Mit der Asiranisierung ging die kultische Bedeutung dieser Bünde zwar zurück, während Ertius langsam vergessen wurde, aber der Bär blieb als Sinnbild des Kampfes gegen die Verderbnis und "das Böse" erhalten. Die Bezeichnung der "Magiepolizei" als "Bärenkrieger" ist dann ein romantisierender Rückgriff in der Moderne, vermutlich irgendwann in der Zeit der Weltanschauungen (1650-1800 Nach), als sich Arbeskire als Staat festigt und der "Pan-Arbarismus" sich über Arbeskire, Sorbenien und Narva ausbreitet.

#67 RE: Alltagsgeschichten von Chrontheon 05.02.2020 13:15

avatar

Was bisher geschah...




Evlij Deravim: Paniśnaj

Morgen

Evlij's Schlaf wurde durch die Kinder beendet, die ins Schlafzimmer gestürmt kamen. Warum mussten sie immer so früh aufwachen, obwohl sie abends immer so spät schlafen gingen?

Ein Blick auf die Uhr – 06:15 – und schon war sie auf dem Weg ins Badezimmer. Evlij wusch sich das Gesicht, zog sich die Uniform an und bereitete das Frühstück für die Kinder vor. Rovin würde vermutlich etwas länger schlafen und Eli mitnehmen, wenn er den Bericht abgab.

Nach dem Frühstück ging Evlij mit den Kindern zum Bus, der sie direkt vor die Schule brachte. Das Gelände war groß, doch Rijn kannte sich schon gut genug aus, um seine Geschwister zum Aufenthaltsraum zu bringen.


Arbeit

Evlij ging, nachdem sie sich voneinander verabschiedet hatten, ins Schülergebäude, wo der Raum ihrer Klasse war. Nachdem sie den heutigen Unterricht vorbereitet hatte, traf sie sich mit einigen Fachlehrern, um die Fächerübergreifenden Themen zu besprechen.

Pünktlich um neun Uhr, zum Beginn der ersten Einheit, saß sie wieder im Klassenzimmer und schaute zu, wie die Schüler der Reihe nach eintrafen. Nachdem sie die Anwesenheit überprüft hatte, begann sie mit den inzwischen üblichen Einleitungsworten.

„Es freut mich, dass ihr wieder alle da seid, doch an der Pünktlichkeit müsst ihr noch arbeiten. Nur, weil wir drei Stunden haben, heißt das nicht, dass wir mehr Zeit verschwenden können. Ich muss den Stoff so oder so durchgehen. Also je mehr Zeit wir verlieren, desto kürzer werden die Pausen.“

Nach allgemeinem Raunzen aus den Reihen der Schülern begann Evlij den Unterricht. Die erste Einheit verwendete sie wie gewohnt mit Sprache und Literatur, die zweite für Geschichte und Recht, und die dritte teilte sie zwischen Geographie und Kultur und Flora und Fauna auf. Die anderen Hauptfächer legte sie in die Wahlfachzeit am Nachmittag.

In der Sprachstunde besprach Evlij mit der Klasse moderne Literatur. Zur Freude der Schüler wurden auch die Thaeon Chroniken erwähnt, eine von der modernen Jugend gern gelesene Buchreihe. Anlassgegeben stellte Evlij den Schülern die neue Klassenlektüre von Pergman vor: Iljasmejh.

In der Geschichtsstunde wiederholte sie die Stammbäume der letzten Königlichen Dynastie, und begann als neues Thema den Beginn des Fremdkaiserreiches. Nach einer weiteren kurzen Pause ging sie – in Anlehnung auf den Geschichtestoff der vorhergehenden Stunde – auf die kulturellen Änderungen seit Beginn der Kaiserzeit ein.

Am Ende der Kernzeit verabschiedete Evlij sich von den Schülern und ging in den Lehreraufenthaltsraum, um die Restwoche für die Vertretung vorzubereiten. Währenddessen unterhielt sie sich mit dem ein oder anderen Kollegen, mit Fachlehrern, die momentan keinen Unterricht abhielten, und den neuen Praktikanten.

Beim Mittagessen setzte sie sich mit ihrer Vertretung zusammen, um die kommenden Stoffgebiete, Übungsaufgaben und Projekte zu besprechen. Anschließend ging sie zurück zum Aufenthaltsraum, um sich auszuruhen, wurde jedoch vom Administrator in sein Büro gerufen, da die Vertragsverlängerung der Teilkarenz ausständig war.

Nach einigen Unterschriften konnte sie schließlich für eine Viertelstunde die Augen schließen und sich dann an die Vorbereitung des Nachmittagsunterrichts machen. Paniśnaj, das hieß zwei Stunden Haushaltskunde. Da Evlij schon etwas erschöpft war, würde sie eine kleine Kochstunde abhalten. Vielleicht eine Touristorte, die sollte den Kindern gefallen. Und so oft würden sie doch auch nicht an die Frucht kommen...

Der Nachmittag verlief recht entspannt. Es waren nicht alle Schüler anwesend, aber einige hatten zumindest die Entschuldigung, einen anderen Kurs zu besuchen. Die Kinder waren mit viel Freude dabei, am Ende hatten sie sogar so viel, dass jeder mehrere Stücke mit nach Hause nehmen konnte. Nachdem sie die Küche geputzt und die Einheit beendet hatten, packte Evlij noch ihre Stücke ein und machte sich auf den Heimweg.


Nach der Arbeit

Am Campustor wartete Nija. Ihr Klassenlehrer hatte anscheinend wieder die letzte Einheit überzogen, weshalb sie die Abfahrt ihrer Brüder verpasst hatte. Gemeinsam fuhren sie nach Hause. Im Bus sprachen sie über dieses und jenes, was der Lehrer jetzt schon wieder besprochen hatte, das so lange dauern musste ...

„An der Unteren Au“, kam die Durchsage des Busses, und Evlij und Nija stiegen aus, sobald der Bus hielt. Sie nahmen den Weg durch den Park, den Rovin immer nach der Arbeit einschlug, und bestaunten gemeinsam die nimmergrünen Blätter an den Bäumen. „Das sehen Rijn und Dijn nicht“, meinte Nija. „Genau. Sie hätten auf dich warten müssen.“

Zuhause angekommen, wurden sie von Rovin und Eli begrüßt. Rovin erzählte, wie er mit Eli zur Dienststelle gegangen war, um den Einsatzbericht abzugeben, wie alle begeistert davon waren, dass er Eli dabei hatte und wie Evlin und Ljun aufgrund des aktuellen Personalmangels selbst fahren mussten. Da Nija ihre Hausaufgaben in der Schule schon gemacht hatte, verbrachten sie die Zeit bis zum Abendessen mit Kartenspielen.

Als Rijn und Dijn heimkamen, mussten sie den Tisch decken, während Evlij und Nija das Abendessen vorbereiteten. Neben dem Resteintopf, den Rovin zu Mittag gemacht hatte, Brot und Aufstrichen gab es noch die Touristorte aus der Schule.


Abend

Nach dem Abendessen zwang Evlij die Buben, die den ganzen Nachmittag im Seepark verbracht hatten, ihre Hausaufgaben zu machen, und setzte sich dann zu Nija ans Bett, um ihr eine Gutenachtgeschichte vorzulesen.

„Welche willst du heute hören?“

„Elotran!“

„Das ist aber keine Geschichte zum Einschlafen!“

„Mmm... Dann Der Silberfisch!“

So las Evlij ihrer Tochter die Geschichte eines Fisches vor, der sein ganzes Leben auf der Suche seines größten Schatzes war; bis er aus den Tiefen des Meeres ans Licht kam und erkannte, dass er der größte Schatz war.*

Als dann auch Rijn und Dijn eingeschlafen waren, legte Evlij sich zu Rovin. Auch seine Augen waren bereits zugefallen. Vorsichtig nahm sie ihm Eli ab und legte ihn ins Kinderbett. Lange Zeit konnte sie jedoch nicht einschlafen. Was, wenn die Vertretung einen Fehler machte? Sie war vier bis fünf Tage in der Woche in der Klasse, während Evlij nur einen oder zwei Tage hatte. Und sie war unerfahren! Naja, die Woche musste sie noch durchhalten, dann würden die ersten Prüfungen beginnen, und in dem Zeitraum konnte sie kaum etwas falsch machen! Nach einem Blick auf morgigen Stundenplan schloss Evlij ein letztes Mal die Augen.

°'°'°'°'°'°'°'°'
* Der Silberfisch, Band 114, Georg von Gutenacht



Nächster Tag...

#68 RE: Jakons Tag: Arbeitsalltag (Teil 3) von Elatan 05.02.2020 13:26

avatar

Bei der Geschichtsstunde wäre ich gerne dabei gewesen, um selbst mehr zu erfahren! Um was geht es in den Thaeon Chroniken?

#69 RE: Jakons Tag: Arbeitsalltag (Teil 3) von Teja 06.02.2020 19:45

avatar

Zitat von Nharun im Beitrag #62
„Kater!“, fluchte Jakon.

Was hat er gegen Kater?

#70 RE: Jakons Tag: Arbeitsalltag (Teil 3) von Nharun 06.02.2020 20:17

avatar

"Kater" müsste man vermutlich mit so etwas wie "Teufel auch!" übersetzen, sinngemäß geht aber auch so etwas wie "Mist, verdammter", "Scheiße!" oder "Fuck!". Es geht dabei tatsächlich auf den bösen Bruder der Totengöttin zurück, Kattir, der in Gestalt von Katzen die Seelen der Toten auffraß, wenn sie die lebenden (in Mäusegestalt) besuchten; während Kattir selbst im asiranistischen Mittelalter zur Märchengestalt, einem (hinter)listigen Kater (auch der arbischen Version des "gestiefelten Katers") und sein Name zur Bezeichnung von Katzen allgemein wurde, entwickelte sich sein Name in der Form "Kater" zum Fluchwort.

#71 RE: Jakons Tag: Arbeitsalltag (Teil 3) von Amanita 08.02.2020 20:49

avatar

Elementarmagiestation

Danach hatte Corin seine Mittagspause und am Nachmittag ging es auf der Elementarmagierstation weiter. Zunächst stand dort seine Sprechstunde auf dem Programm. Der erste Patient war ein junger Sauerstoffmagier, der bei der Berufsfeuerwehr tätig war. Bei einem Einsatz hatte er mit seiner Gabe alleine ein Feuer in einem Gebäude beendet. Dabei hatte er sich überanstrengt und war kollabiert. Vor einer Woche hatte er das Krankenhaus wieder verlassen und sollte nun zu einer Nachsorgeuntersuchung vorbeikommen.
Glücklicherweise konnte Corin jedoch feststellen, dass mit seiner Magie wieder alles in Ordnung war. Dies gönnte er dem Mann von Herzen, denn sein Einsatz hatte drei Kameraden und zwei kleinen Kindern, die den brennenden Kindergarten nicht mehr verlassen konnten, das Leben gerettet. Unerwartet war diese Entwicklung jedoch nicht. Elementarmagische Überanstrengung verursachte meist keine Folgeschäden, wenn der Betroffene den initialen Schock überlebte.
„Für einen weit ausgebildeten Adepten ist es möglich, so etwas zu leisten“, sagte Corin. „Es gibt sogar eine Untergruppe für Sauerstoffmagier im Brand- und Katastrophenschutz im Alchimistenzirkel, die regelmäßige Seminare dazu abhalten.“
Während seines Studiums hatte Corin dort auch regelmäßig teilgenommen, später hatte er sich dann jedoch auf das Erlernen der medizinischen Anwendungen seiner Gabe konzentriert.
„Wenn Sie weiterhin Ihre Gabe bei den Einsätzen nutzen wollen, würde ich Ihnen dringend empfehlen, sich dort zu melden und zu trainieren. Elementarmagie ist wie alles andere. Wenn man maßvoll trainiert sind Höchstleistungen möglich, aber nicht auf Anhieb.“
Corin gab dem jungen Mann die Kontaktdaten dieser Organisation und wünschte ihm alles Gute. Wenn nicht unerwarteterweise doch noch Beschwerden auftraten, musste er nicht mehr wiederkommen.
Der nächste Patient in seiner Sprechstunde war ein wesentlich schwierigerer Fall. Der junge Mann war mit einer alkoholkranken Mutter aufgewachsen, die vor einem Besuch des Jugendamts versucht hatte, die Kakerlaken in der Wohnung mit dem phosphororganischen Insektizid „InsektEx A“ zu beseitigen. Die Aktion hatte für alle Familienmitglieder im Krankenhaus geendet, allerdings war es den Ärzten nicht gelungen, seinem jüngeren Bruder zu helfen, die Mutter wurde durch die Folgen der Vergiftung in Kombination mit dem Alkohol zum Pflegefall. Der Patient selbst trug keine Vergiftungssymptome davon, da er phosphormagische Fähigkeiten entwickelt hatte, allerdings verbunden mit einer schweren Anpassungsstörung. Ohne starke, elementarmagiedämpfende Medikamente entwickelte er lebensbedrohliche Komplikationen und musste fünfzehn Jahre später immer noch eine Kombination aus diesem Medikamenten, Psychopharmaka und Medikamenten, die deren Nebenwirkungen lindern sollten, nehmen. An guten Tagen konnte er in einer Behindertenwerkstatt arbeiten. Corin konnte nicht viel für diesen Patienten tun, außer den Verlauf der Erkrankung und die richtige Einstellung der Medikamente bestimmen, doch an diesem Tag hatte er denn noch Nachrichten, die vielleicht ein wenig Hoffnung brachten.
„Der Antrag ist endlich durchgegangen“, erzählte er seinem Patienten. „Sie können in dieser ruarischen Spezialklinik behandelt werden.“
Nach fast drei Jahren Papierkram war es Corin endlich gelungen, die Krankenversicherung davon zu überzeugen, die Kosten für diese Behandlung zu übernehmen. Die ruarische Klinik wurde von einer Phosphormagierin geleitet, die eine Koryphäe auf ihrem Gebiet war. Patienten aus ganz Silaris wurden dort behandelt und sie hatte auch schon einigen scheinbar hoffnungslosen Fällen helfen können.
„Glauben Sie wirklich, dass das etwas hilft?“, fragte der junge Mann zweifelnd. „Diese ganze Reise, die Kosten. Nur, damit sie mir dann vielleicht auch wieder sagen, dass sie nichts tun können.“
„Die Ärzte dort konnten schon einigen Patienten helfen, die in ähnlichen Situationen waren wie Sie“, sagte Corin. „Versuchen Sie es wenigstens, Sie haben nichts zu verlieren. Die Krankenversicherung wird für die Kosten aufkommen, da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.“
Er sprach mit dem Patienten die nötigen Formulare durch und erklärte ihm Schritt für Schritt, was er tun musste.
Als dieser Patient gegangen war, brauchte Corin erst eine Pause. InsektEx-A durfte inzwischen nicht mehr an Privatleute verkauft werden, für gewerbliche Anwender war es aber immer noch erlaubt, weil die Landwirtschaft angeblich nicht ohne das Mittel auskam. In fast allen anderen Ländern von Silaris gelang dies aber problemlos, sodass Corin eher die gute Lobbyarbeit von Ultiria hinter dieser Entscheidung vermutete. Nach den jüngsten Erkenntnissen hatte er auch noch einen anderen Verdacht. Vielleicht wurde die Produktion dieses Gifts ja nur beibehalten, damit es leicht möglich war, auf Wunsch des Verteidigungsministeriums hin, auf chemische Kampfstoffe umzuschwenken.
Corin engagierte sich gemeinsam mit der Mehrheit der anderen elementarmagischen Ärzte und vieler weiterer Bürger schon lange für ein Verbot, doch bis jetzt war das Gift noch im Umlauf und auf der Station lag eine weitere junge Patientin, die sich das Zeug in der elterlichen Gärtnerei über den Arm geschüttet hatte. Bei ihr sollte nachher zum ersten Mal die Gabe der dämpfenden Medikamente eingestellt werden, damit Corin sich den Zustand ihrer Magie anschauen konnte.
Zunächst hatte er jedoch noch zwei Routinefälle. Eine junge Natriummagierin, die wegen ihrer Übergangskrankheit auf der Station gewesen war, kam zur Kontrolle vorbei. Wie dies bei überstandenen Übergangskrankheiten der Normalfall war, sah ihre Magie zwar noch chaotisch und ungezähmt aus, aber nicht mehr krankhaft. Ihrer Ausbildung im Alchimistenzirkel stand nichts mehr im Wege.
Die nächste Patientin war ebenfalls ein junges Mädchen. Sie war nicht krank, sondern Corin sollte das Vorliegen von Elementarmagie überprüfen.
Anina war sechzehn Jahre alt und kam mit ihren Eltern. Sie trug eine schwarze Hose und ein ebenfalls dunkles T-Shirt mit irgendeinem Fantasymotiv, während der Vater in Anzug und Krawatte gekommen war, die Mutter mit Bluse und Rock.
Der Konflikt zwischen den Eltern und ihrer pubertierenden Tochter, den Corin schon anhand der Kleidung erahnt hatte, zeigte sich sehr schnell, als Corin fragte, wie die Eltern auf die Idee kamen, dass ihre Tochter Elementarmagierin sein könnte.
„Anina war ja schon immer so jähzornig“, erzählte die Mutter. „Ständig streitet sie mit ihrer jüngeren Schwester. Melinda ist gar nicht so, ein richtiger Sonnenschein.“
Aninas Gesichtsausdruch bei diesem Kommentar sagte alles. Als er Blickkontakt mit dem Mädchen hielt, bemerkte er bereits, dass er tatsächlich eine noch sehr unausgebildete, aber gesunde Sauerstoffmagierin vor sich hatte.
„Anina ist immer so aggressiv zu ihrer Schwester.“
„Ja, ja ich bin immer die Böse, dabei provoziert die mich dauernd“, warf Anina ein.
„In letzter Zeit ist es aber richtig schlimm geworden“, fuhr die Mutter fort, ohne den Einwand ihrer älteren Tochter zu beachten. „Dinge fangen an zu brennen, oder verrosten, wenn sie einen ihrer Wutanfälle hat. Neulich sogar bei Melindas Geburtstagskuchen. Sie war mal wieder eifersüchtig und hat irgendwas mit den Kerzen gemacht und dann stand der ganze Kuchen in Flammen.“
„Das war ich nicht. Ich hab den blöden Kuchen nicht mal angefasst“, sagte Anina.
„Und dass der Löffel im Essen verrostet ist und ich alles wegwerfen musste, weil es dir nicht schmeckt, war auch Zufall, oder was?“
„Ja, war es!“
„Ich glaube, es wäre am besten, wenn ich mich mal mit Anina alleine unterhalten würde“, sagte Corin. Er hatte keine Lust, sich diese Familienstreitigkeiten noch länger anzuhören.
Zu seiner Erleichterung stimmten die Eltern zu und Corin wandte sich an das Mädchen. „So Anina, jetzt können wir ganz in Ruhe miteinander sprechen. Hast du denn schon jemals etwas über Elementarmagie gehört?“
„Ja, ein bisschen. Aber da kriegt man doch eine Übergangskrankheit und alles. Und es passiert nicht einfach so was, oder?“
„Eine Übergangskrankheit bekommt man unserem. Auch wenn dir das noch nicht klar ist, du bist ganz eindeutig eine Sauerstoffmagierin. Und ja, du hast diese Dinge bewirkt, wenn du dich über deine Familie geärgert hast. Wahrscheinlich nicht absichtlich, aber wenn die Gabe noch so frisch und unausgebildet ist, geht das schnell. Sauerstoff ist da besonders gefährlich. Einerseits natürlich wegen seiner Eigenschaften und andererseits, weil wir immer genug davon um uns herum haben. Andere müssten erstmal einen Salzkristall spalten, oder einen Elementar rufen, beides geht ohne Übung nicht so einfach. Bei uns ist das anders.“
„Sie meinen also, ich war das wirklich? Mit dem Feuer auf dem Kuchen und dem Papierkorb und dem Rost und alles? Ich bin eine Sauerstoffmagierin? Und jetzt muss ich zum Alchimistenzirkel?“
„Ja, auf alle diese Fragen. Ich werde dich beim Alchimistenzirkel anmelden und dann können sie einen Adepten für dich aussuchen. Bis dahin musst du aber unbedingt aufpassen, dass du dich im Griff hast. Ich habe auch eine kleine Schwester und ja, die können manchmal nerven. Anzünden darf man sie aber trotzdem nicht.“
Anina lachte.
„Ich bin mir sicher, dass du deiner Schwester und deinen Eltern nicht wirklich etwas antun willst, oder?“
„Ja klar, also nein. Wir haben nur dauernd Streit. Meinen Eltern passt einfach nichts, was ich mache. Sie mögen meine Musik nicht und verstehen nicht, dass ich keine Lust auf Partys und Shopping habe und die Leute an meiner Schule langweilig finde. Die sind alle so hohl und oberflächlich und interessieren sich für nichts, was wichtig ist wie Umwelt, Menschenrechte und so. Stattdessen bin ich eben viel im Internet und in Keriaja-Fanforen. Da gehe ich auch zu Treffen und schreibe Fanfictions und so. Aber das passt meinen Eltern auch nicht. Sie finden, dass ich nur in Fantasiewelten leben und dass das zu blutrünstig ist und meinen, ich sollte was Eigenes machen, wenn ich schon schreiben will. Meine FFs sind aber nicht einfach nur blutrünstig. Ich beschäftige mich da eben damit, was Erlebnisse wie Folter und Vergewaltigung mit Menschen machen.“
Corin ließ sie reden, auch wenn das alles nicht viel mit seinem Job als Arzt zu tun hatte.
„Es ist völlig normal in deinem Alter, dass die Eltern nicht immer begeistert über das sind, wofür ihr euch interessiert“, sagte Corin. „Es ist völlig in Ordnung, Fantasyromane zu lesen und Fanfiction dazu zu schreiben, aber vielleicht solltest du doch schauen, dass du dich nicht nur damit beschäftigst, sondern auch noch etwas anderes machst. Du sagst, dass du dich für Menschenrechte und Umweltschutz interessierst. Schau doch mal, ob es da nicht irgendwelche Gruppen in deiner Nähe gibt, wo du dich engagieren könntest.“
„Vielleicht“, sagte Anina.
Corin war aber guter Dinge, dass sie irgendwann etwas Sinnvolles aus ihrem Leben machen würde. Das war bei Sauerstoffmagiern eigentlich fast immer so und Ansätze dazu gab es ja schon, auch wenn ihr Temperament aktuell noch etwas fehlgeleitet war.
„Du musst aber unbedingt darauf achten, dass du dich besser unter Kontrolle hast. Lass dich doch von deiner Schwester nicht so provozieren. Du bist Sauerstoffmagierin, du gehst zum Alchimistenzirkel und lernst viele Menschen in hohen Positionen kennen, sodass du sicherlich später auch eine gute Arbeitsstelle finden wirst. Da hast du es gar nicht nötig, dich wegen so ein bisschen Teeniegequatsche aufzuregen.“
„Irgendwie ist das ja schon cool, Sauerstoffmagie zu haben“, sagte Anina.
„Ja, ist es. Pass in Zukunft auf, dass nichts passiert und wenn das nicht klappt, musst du Tabletten zur Dämpfung nehmen, bis du genug gelernt hast, die werde ich euch auch aufschreiben.
Anina versprach sich Mühe zu geben und Corin sprach noch einmal kurz mit den Eltern, denen er nahelegte darauf zu achten, keine ihrer Töchter vorzuziehen und etwas mehr Verständnis für Aninas Interessen zu haben.
Als die drei wieder weg waren, stellte er fest, dass er viel zu lange gebraucht hatte und keine Zeit mehr für seine Pause hatte, dabei brauchten die eigentlich eher eine Familientherapie als elementarmagische Medizin.

Er trank etwas Wasser und machte sich dann gleich auf zur Visite bei seinen vier stationären Patienten. Neu-Elementarmagier wurden immer in Einzelzimmern untergebracht, unabhängig von ihrem Versicherungsstatus, denn alles andere war zu gefährlich, solange sie ihre Fähigkeiten noch nicht unter Kontrolle hatte. Aktuell hatte Corin zwei Natriummagier, eine Chlormagierin und eine Phosphormagierin. Die meisten seiner Patienten waren Halogen- und Alkalimetallmagier, da diese Elemente fast immer mit schweren Übergangskrankheiten einhergingen. Alkalimetallmagier sah Corin dabei noch deutlich häufiger. Natrium und Kalium waren beide sehr häufige Elemente, während das bei den Halogenen nur auf Chlor zutraf. Fluormagier waren viel seltener und Brom- und Iodmagier gab es im Binnenland so gut wie nie. Außerdem hatte Corin den subjektiven Eindruck, dass Alkalimetallmagier eher mit ihren Problemen ins Krankenhaus gingen als Halogenmagier.
Die erste Natriummagierin war eine junge Polizistin. Sie war inzwischen fieberfrei und konnte salzhaltige Kost nicht nur bei sich behalten, sondern hatte sogar einen regelrechten Heißhunger darauf entwickelt. Das bedeutete, dass die Übergangskrankheit weitgehend überstanden war und sie bald nach Hause konnte.
Die junge Frau reagierte jedoch nicht übermäßig erfreut, als sie erfuhr, dass der Alchimistenzirkel mit ihr Kontakt aufnehmen würde. „Ich habe überhaupt keine Zeit für diesen Unsinn, unser Revier ist chronisch unterbesetzt und was bringt es mir da als Alchimistenzirkelfußabtreter meine Zeit zu verschwenden. Und diese Alkalimetallaktivisten sind ja auch nicht wirklich besser. Ich kann damit einfach nichts anfangen. Warum muss ich ausgerechnet Natrium als Element haben?“
Patienten, die mit ihren Elementen unzufrieden waren, waren für Corin Alltag.
„Natriummagie kann in Ihrem Beruf sehr nützlich sein“, sagte Corin. „Schließlich können Sie damit herausfinden, ob Sie jemand anlügt. In manchen Ländern werden Natriummagier ganz gezielt für die Polizeiarbeit gesucht.“
Die Patientin sah immer noch nicht sonderlich überzeugt aus, aber Corin verabschiedete sich zügig. Gesundheitlich war hier alles in Ordnung, noch ein Tag zur Beobachtung und dann konnte sie nach Hause gehen.
Der zweite Natriummagier war deutlich jünger und Corin musste über seine Entlassung entscheiden. „Warum muss ich ausgerechnet Natrium als Element haben? Das ist doch ein Element für Mädchen. Jetzt denken doch alle, dass ich ein Weichei bin.“
Corin sprach es nicht aus, aber ihm ging das ewige Gejammer der Natriummagier wegen ihres Elements gehörig auf die Nerven. Er verstand diese Leute nicht. Selbst wenn sie mit ihrem Element nicht so viel machen konnten, was bei Natrium gar nicht stimmte, hatten sie dadurch ja keinen Schaden, sondern immerhin ein bisschen dazugewonnen.
Gesundheitlich war jedoch auch bei diesem Natriummagier alles in Ordnung und Corin konnte ihn entlassen. Vielleicht würden die beiden ihr Element im Laufe ihrer Ausbildung noch zu schätzen lernen.
Die junge Chlormagierin hustete immer noch, allerdings waren Fieber und Übelkeit deutlich besser. Ihr durfte Corin jetzt die Nachricht überbringen, dass sie nicht an einer Lungenentzündung litt, sondern an einer elementarmagischen Übergangskrankheit.
„Chlormagierin? Aber ich bin doch nicht lesbisch, oder sowas. Warum habe ich sowas?“
Corin hielt sich davon ab, den Papierkorb in der Ecke zu intensiv anzuschauen, denn dann konnte er trotz Adeptenausbildung für nichts mehr garantieren. Diese schwachsinnigen Klischees regten ihn dermaßen auf, vor allem, wenn er genügend Patienten mit echten Problemen hatte.
„Das Element hat nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun. Dass hier in Arunien mehr Frauen Alkalimetallmagier werden und mehr Männer Halogenmagier hängt mit den traditionellen Geschlechterklischees zusammen. Da wir die aber glücklicherweise langsam hinter uns lassen, ändert sich das. In Ländern wie Sarilien, Tessmar, Avechain oder Dageyra, wo es diese Vorstellungen nicht gibt, treten diese Gaben völlig geschlechtsunabhängig auf.“
So ganz überzeugt sah die Fünfzehnjährige nicht aus. Offenbar hatte sie Angst, in der Schule wegen ihres Elements in eine Schublade gesteckt zu werden, genau wie der Junge mit Natrium.
Aktuell gab es bei dieser Patientin nichts zu tun. Corin wünschte ihr gute Besserung und suchte dann seine letzte und vermutlich schwierigste Patientin auf, die siebzehnjährige Phosphormagierin, die sich InsektExA auf den Arm geschüttet hatte und jetzt aus ihrem künstlichen Dämmerschlaf erwachsen sollte.
Corin beobachtete genau, wie der Spiegel des Medikaments im Blut des Mädchens sank und die Magie immer deutlicher erkennbar wurde. Zu seiner Erleichterung sah es deutlich besser aus, als er befürchtet hatte. Noch sehr ungeformt, aber es gab auch eine deutliche Verbindung zwischen Magierin und Element, sogar schon stärker als bei Elanja.
„Weißt du, wo du bist?“, fragte Corin das Mädchen.
Sie schaute sich um. „Im Krankenhaus“, murmelte sie. „Wegen der Vergiftung, oder? Konnten Sie etwas tun? Ich versteh das gar nicht. Erst ging es mir ja gut und dann habe ich abends doch noch Fieber bekommen und mein Vater ist mit mir zum Arzt. Dabei bekommt man von dem Mittel normal gar kein Fieber, das habe ich gelesen.“
„Es war sehr leichtsinnig, nicht sofort den Notarzt zu rufen“, sagte Corin.
Musste man das bei einem Pestizid mit der Kennzeichnung „Lebensgefahr bei Hautkontakt“ wirklich noch dazusagen?
„Ich kann dir aber sagen, warum das so abgelaufen ist. Du hattest keine Vergiftungssymptome, weil du Phosphormagie entwickelt hast. Sie hat dich geschützt und das Fieber kam durch die Übergangskrankheit.“
Die Augen des Mädchens leuchteten auf. „Phosphormagie? Wirklich? Ich wollte schon immer Elementarmagierin sein und Phosphor ist mein Lieblingselement.“
„Es freut mich, das zu hören“, sagte Corin und meinte es von ganzem Herzen, nicht nur wegen des Gejammers seiner übrigen Patienten, sondern auch, weil er befürchtet hatte, vielleicht einen weiteren Fall wie den jungen Mann von vorhin zu haben. Von einer Anpassungsstörung war bei ihr jedoch weder emotional noch in der Struktur der Magie irgendetwas zu erkennen.
Die junge Phosphormagierin versuchte offensichtlich direkt, ihre neuen Fähigkeiten auszuprobieren und suchte den Kontakt zu Corins Gabe. Er schob sie aber vorsichtig zurück. Die Anziehungskraft zwischen den beiden Elementen war für eine völlig ungeübte Magierin noch zu gefährlich.
„Ich darf zum Alchimistenzirkel“, sagte sie fröhlich. „Endlich.“
Corin kam ein Verdacht. „Du hast aber nicht absichtlich mit dem Gift herumgespielt, oder?“
„Nein, also wenn ich ehrlich sein soll, ich habe schon gesagt, dass ich das Spritzmittel mischen will, weil ich gehofft habe, aber ich habe es mir nicht absichtlich über den Arm geschüttet.“
„Gut, so etwas ist nämlich verdammt gefährlich“, sagte Corin. „Ich werde dann den Alchimistenzirkel informieren, aber zunächst solltest du noch ein paar Tage zur Beobachtung hierbleiben. Als erstes werde ich aber deine Eltern informieren, denn die machen sich große Sorgen.“
Die Mutter der Patientin war wütend auf ihren Ehemann, weil der zugelassen hatte, dass seine Tochter mit dem giftigen Insektizid hantierte und nach dem Unfall nicht einmal zum Arzt ging. Corin konnte diese Wut verstehen, aber er hoffte, dass sich die beiden wieder einigten, nachdem jetzt klar war, dass ihre Tochter alles gut überstanden hatte.
Er rief direkt bei den Eltern an, die sehr erleichtert waren und verkündeten, wie stolz sie waren, eine Tochter im Alchimistenzirkel zu haben.
Diese Art von Anrufen bei Angehörigen war Corin die liebste und so ging er mit einem positiven Abschluss des Arbeitstags nach Hause. Elanja war ebenfalls heil von der Arbeit zurückgekommen und so konnte er den Tag in Ruhe beschließen.

#72 RE: Alltagsgeschichten von Chrontheon 13.02.2020 16:20

avatar

Was bisher geschah...




Rijn Deravim: Leśnaj

Morgen

Rijn wurde von seinem Bruder geweckt. Es war noch dunkel, doch das ließ die beiden nicht länger schlafen. Leise waren sie nach dem aufwachen gewiss nicht mehr, so kam auch bald Nija, um sich aufzuregen, und die Eltern, um den Streit zu schlichten.

Zur Belohnung ihres frühen Aufstehens durften die Brüder die Küche putzen und den Esstisch decken. Rijn beanspruchte das letzte Stück der Touristorte, das vom Vorabend übriggeblieben war. Ansonsten aß er wie gewöhnlich sein Müsli und packte dann seine Schulsachen zusammen.

Nachdem sie ihre Uniformen angezogen hatten, gingen die Kinder nach den letzten mahnenden Worten der Mutter - „Diesmal dürft ihr sie nicht mehr vergessen!“ - gemeinsam zum Bus, der sie zur Schule bringen sollte. Unterwegs trafen sie Palin, der normalerweise immer später zur Schule kam. Sofort begannen sie ein Gespräch, aus dem Rijns Geschwister ausgeschlossen waren.

Am Schulgelände angekommen, ging Dijn seinen eigenen Weg, und Rijn brachte Nija in den Aufenthaltsraum, bevor er mit Palin den Weg zum Klassenzimmer einschlug.


Schule

Rijn und Palin verbrachten die Zeit bis zum Unterrichtsbeginn mit Kartenspielen, in die einige der ankommenden Schüler einstiegen. Lang dauerte es dann aber nicht, bis der Klassenlehrer den Raum betrat und eine erdrückende Stille herrschte. Jeder ahnte es, doch niemand wagte, nachzufragen.

„Alle“, begann der Lehrer, „alle, die den Test geschrieben haben, haben versagt. Ich weiß nicht, was ihr euch dabei gedacht habt! Ich weiß nicht, was ihr in eurer Freizeit macht, anstatt zu lernen. Ihr seid die erste Klasse, die den Einstiegstest mit einem Punktedurchschnitt von unter 20 abgeschlossen hat!“

Die Schüler schauten beschämt zu Boden.

„Kann mir das einer erklären?“

Keine Reaktion.

„Nun denn, der Test wird freilich wiederholt. Doch da ich mir die leichtesten Fragen für den ersten Antritt ausgewählt habe, dürft ihr euch darauf vorbereiten, einen wirklich schweren Test zu bekommen!“

Ohne weitere Worte händigte er die Tests persönlich aus. Rijn hatte 21 Punkte. Wie sollte er das seinen Eltern erklären? Der Lehrer war bald fertig und begann die Stunde: Analyse des Gutenacht-Klassikers „Elotran“ aus Band 127. Die Geschichte kannte Rijn zum Glück sehr gut, da konnte er einige Punkte zurückholen. Dennoch hielt er sich zurück, um seine Kollegen nicht schlecht dastehen zu lassen.

In den nächsten zwei Einheiten befassten sie sich mit der Verfassung und dem Bündnisvertrag, und mit den Gebirgszügen des Landes. Danach konnte die Klasse ein bisschen aufatmen, da sie fernab des Klassenlehrers dem Physiksaal entgegenstrebten. Eine praxisorientierte Einheit über Magnetismus war genau das, was die Schüler jetzt brauchten.

In der Mittagspause setzten sich Rijn und Palin mit Dijn zusammen, um auszumachen, wie sie Nija nach Hause bringen sollten.

„Ich kann nicht nochmal in NFS fehlen“, meinte Rijn. „Du hast aber noch eine Freistunde, also musst du sie nachhause bringen.“

Dijn war anderer Meinung. „Ich treffe mich aber mit Lin!“

„Das kannst du auch nachher machen! Ihr geht in die gleiche Klasse!“

„Das ist schon lange ausgemacht!“

Sie diskudierten noch eine Weile, bis Palin den Vorschlag machte, das Sekretariat einfach zuhause anrufen zu lassen, damit Nija abgeholt werden konnte. „Evlij kann das Baby doch mitnehmen!“

Also gingen sie nach dem Essen ins Sekretariat, ließen den Anruf tätigen, und sagten Nija schließlich, sie solle am Campustor warten. Anschließend eilten Rijn und Palin zur Sprachstunde.

Der Nachmittag verlief recht interessant. In NFS lernten sie neue Vokabel durch Dialoge, in M-LAB waren sie im Computerraum, und MG und HW fielen spontan aus, weil der Sohn des Klassenlehrers einen Unfall gehabt hatte.


Nach der Schule

Also waren sie um halb drei schon im Aupark. Dort hatten sie vor einigen Wochen eine Stelle entdeckt, die anscheinend niemand sonst kannte. Außer Rijn und Palin wusste nur Dijn davon, aber er musste doch mit Lin abhängen! Ob er nun da war oder nicht, sie würden den Höhleneingang heute erkunden!

Die Höhle war leider nicht so groß, wie sie gehofft hatten. Nur ein, zwei Räume, die durch engere Öffnungen miteinander verbunden waren. Als sie auch nach längerer Suche nichts neues mehr fanden, wurde ihnen schnell langweilig.

„Willst du zu mir kommen? Ich hab ein neues Brettspiel!“

Rijn nahm die Einladung an, und so saßen sie eine halbe Stunde später in Palins Wohnzimmer und spielten Vljoitecni – ein Spiel, von dem Rijn noch nie gehört hatte. Es musste wohl aus dem Ausland kommen. Sie spielten es eine Weile, wurden jedoch nicht fertig, bevor ein Anruf kam. Es war Evlij. Rijn musste sofort nach Hause kommen, also verabschiedeten sie sich und machten sich aus, das Spiel beim nächsten Mal zu beenden.

Zuhause angekommen waren nur Rovin und Dijn da, die am Esstisch 4 gewinnen – Das Kartenspiel spielten. Rijn stieg ein, und gewann ein paar Runden. Eine Weile später kam Evlij mit Nija und Eli vom Einkaufen zurück.

„So so, ihr beide hattet also keine Zeit?“

Die Brüder wussten sofort, was gemeint war.

„Ich hatte Schule!“, rief Rijn.

„Ich hatte ... etwas vor!“, rief Dijn.

Evlij lächelte. „Das ist doch nicht schlimm. Wir hatten auch einen schönen Nachmittag, stimmts?“ Nija nickte.

Schnell bereiteten die Damen des Hauses das großzügige Abendessen vor, das die Familie dann gemeinsam verspeiste. Als jeder von seinem Tag erzählte, verschwieg Rijn jedoch die schlechte Note in S&L. Er konnte das nicht vor seinen Geschwistern sagen...


Abend

Nach dem Essen setzte Rijn sich an seine Hausaufgaben und lernte noch gründlich für die Testwiederholung. Wenn er sein Versagen vor seinen Eltern schon zugeben musste, dann musste er auch dafür sorgen, dass er den Test das nächste Mal bestand!

Rovin kam um 22 Uhr in sein Zimmer, um das Licht auszuschalten. Nach einigen letzten Worten ging er dann ins Bett, doch fiel es ihm schwer, einzuschlafen. Was, wenn er das Schuljahr nicht positiv abschloss? Er wollte nicht in einer Sonderschule landen! Nach einer endlos scheinenden Zeit der Zweifel und Ängste landete doch auch Rijn im Reich der Träume...

#73 Jakons Tag: Freizeittrott von Nharun 06.03.2020 13:23

avatar

Was bisher geschah: Jakons Tag: Arbeitsalltag (Teil 3)

Jakons Tag: Freizeittrott

Das Erste, was Jakon zuhause aufsuchte war die Dusche. Schon auf dem Weg dorthin riss er sich die Kleidung vom Körper, ließ die einzelnen Stücke wie eine Fährte ins Bad führen. Er begrüßte die kalte, nasse Berührung des Wassers wie eine göttliche Offenbarung und ließ sie die Anstrengung und den unterschwelligen Schrecken fortspülen, der tief in seinem Inneren zu wuchern begann. Während er unter der Brause stand, schien die Zeit um ihn herum einzufrieren. Er hörte seine jüngeren Brüder durchs Haus tollen. Die gedämpften Wortfetzen, stampfenden Schritte und glücklichen Jauchzer des Jetzt vermischten sich mit seinen Erinnerungen, die geradezu bildhaft auf ihn tropften, wie es gleichsam das kalte Wasser tat. In die Erinnerungen mischten sich die Gedanken an die abendliche Verabredung und erregten Blitzlichter-Erinnerungen an die Abenteuer mit Vamas, Taron und den anderen, aber auch an seinen eigenen Bruder Freislav. Plötzlich hörte er das wütende Geschrei seines Horgers, die laute Ablehnung seiner Brüder und fühlte den Schmerz wieder, als Freislav die Familie verließ, um mit seiner Freundin zusammenzuziehen. Heute war er der Einzige aus der Familie, der noch Kontakt zu Freislav hielt, keiner seiner Brüder und schon gar nicht ihr Horger duldete Freislavs Lebensstil. Jakon begrüßte Freislavs Entscheidung auch nicht, es war falsch, dass ein Mann und Frau zusammenwohnten, vor allem da die beiden keine Anstalten machten Nachwuchs in die Welt zusetzen. Es gehörte sich einfach nicht. So lebten nur Rudlenger, die keine Ahnung von kulturellen Errungenschaften hatten. Aber Freislav war sein Bruder und würde es immer bleiben, selbst wenn er bis ans Lebensende kinderlos mit Orana zusammenwohnen würde. Vor allem war Orana nicht die Hexe, als die ihr Horger sie gerne darstellte. Sie war eigentlich ganz nett. Vor ein paar Jahren, als Freislav und Orana noch kein Paar waren, hatte er ein paar mal mit ihr geschlafen, manchmal mit Freislav zusammen.

Auch wenn er vom Gefühl her Stunden unter kaltem Wasser und Erinnerungen verbracht hatte, stand er nicht einmal eine Viertelstunde unter der Dusche. Doch sein Körper und sein Geist waren wie betäubt. Für die folgenden Stunden fühlte er sich nicht als Teil der Welt. Er zog sich um, aß mit seinem Horger und den Brüdern, aber er nahm nicht an ihren Gesprächen teil, lächelte höchstens verkrampft, wenn jemand etwas von ihm wollte. Doch er sagte nichts. Das Wasser hatte den Schrecken nicht ausgelöscht und jetzt sah er das zerbrechliche Idyll seines Zuhauses und fürchtete sich. Etwas in seinem Magen murmelte, dass dies alles bald vorbei sein würde, ein letzter unbeschwerter Tag für die kleinen Brüder mit ihrem energetischen Lachen und den neugierigen Augen.

Ein Kuss von Freislav auf die linke und Orana auf die rechte Wange holten Jakon zurück ins Diesseits. Er stand mit den beiden vorm Runvidher und blickte in ihre fröhlichen Gesichter. Er hatte keine Ahnung, wie er dorthin gekommen war. Gerade wollte er beginnen, sich zu wundern, da kamen auch schon Taron und Vamas hinzu. Im vollständigen Kreis der Freunde fühlte Jakon sich plötzlich befreit, ja, glücklich. Er genoss es in den nächsten Minuten mit den anderen angeregt darüber zu diskutieren, welches Erinnerungsspiel sie erleben wollten. Sie einigen sich nach einem langem Hin und Her auf "Geder IV: Die Rückkehr des Kahulvar". Ein Stück mit Superhelden, die die Welt retteten war jetzt auch genau das, was Jakon brauchte. Das Stück war unterhaltsam, motivierend und riss Jakon aus den Klauen der ihn ergreifenden Lethargie und so war es sein Vorschlag noch ins "Kreiche" weiterzuziehen, wo sie nach einem kurzen Abstecher in ein Mjudechol schon etwas angeheitert ankamen. In der Mischung aus Alkohol und der harten arbarischen Musik versuchte Jakon die nagende Furcht in ihm zu betäuben. Beim wilden Tanz kamen er und Taron sich wieder einmal näher. Zwar taten sie es immer mal wieder, aber seit einiger Zeit war nichts mehr zwischen den beiden gelaufen. Jetzt stürzte sich Jakon geradezu in Tarons Arme, als suche er Schutz. das Vamas, Freislav und Orana irgendwann verschwunden waren, merkte Jakon erst später, als die Erschöpfung sich in seinen Gliedern ausbreitete. Nur Taron war noch da und aus Sorge vor dem Schlaf, stimmte Jakon zu ins Fanichol weiter zuziehen. Nüchtern hätte er dem nie zugestimmt. Diese klimpernde qaftische Musik und qualmende Henur, die im Fanichol angeboten wurden, waren verboten. Im Prinzip machte er sich strafbar, aber das war ihm gerade egal. Zu den Klängen von Klavier und Geige lag er im Fanichol in Tarons Armen, teilte mit ihm den Schlauch einer Henurpfeife und genoss das Gefühl von Wärme und Geborgenheit.

Erst in den frühen Morgenstunden gingen die beiden nach Hause, Arm in Arm, weil keiner von beiden mehr richtig laufen konnte. Sie gingen zu Taron, einfach, weil es näher gelegen war. Es dämmerte schon, als sie dort ankamen. Obwohl sie glaubten leise durch Haus und Schlafhalle zu schleichen, polterten sie wie eine Herde Wildpferde und ließen sich dann neben Vamas ins Bett fallen, der bis dahin friedlich geschlafen hatte. Aus dem Schlaf gerissen, quälte er sich damit ein Auge zu öffnen und sah die beiden, eng umschlungen halb auf seinen Beinen liegen. Noch nicht wach genug, um dagegen etwas zu unternehmen, sah er die aufblickenden Symbole auf Jakons Armband, die eine Vielzahl von Kontaktversuchen anzeigten, fiel aber wieder in Schlaf, bevor er sich Gedanken darüber machen konnte. Jakon wiederum versank in einem tiefen, traumlosen Traum.

#74 RE: Jakons Tag: Freizeittrott von Elatan 06.03.2020 13:56

avatar

Wieder mal ein schöner Einblick in diese Kultur, die der unsrigen dann in solchen für uns selbstverständlichen Dingen so fremd ist.

#75 RE: Jakons Tag: Freizeittrott von Nharun 15.03.2020 19:35

avatar

Das geschah zuvor: Jakons Tag

Freislavs Tag: Morgenroutine

Der Wecker riss Freislav und die neben ihm liegende Orana um Punkt 6 Uhr morgens aus dem Schlaf. Er gähnte laut und streckte sich. Orana gab ihm einen Kuss und verschwand unter der Dusche, während er den Wecker mit einem unsanften Schlag zum Schweigen brachte. Er blieb noch einen Moment liegen. Er wollte nicht aufstehen. Er hatte keine Lust aufzustehen. Es graute ihm vor der bevorstehenden Schicht im Werk. Als er hörte, dass Orana die Dusche abgestellt hatte und in der Küche zu werkeln begann, raffte er sich auf, ließ kurz Wasser über sich laufen und gesellte sich dann zu seiner Frau an den Frühstückstisch. Auf der kleinen Theke in der kleinen Wohnküche stapelte sich gebrauchtes neben ungebrauchtem Geschirr.

„Wir brauchen einen Treller“, schmunzelte Orana und nickte mit dem Kopf in Richtung der Unordnung.

Freislav nahm einen großen Schluck Tee und ignorierte den Kommentar. Sie hatten das Thema schon ausgiebig diskutiert. Es war kein Geld da, um einen Treller zu kaufen, geschweige denn einen unterzubringen und zu füttern. Seine Anstellung als Fließbandarbeiter und ihre als Reinigungshelferin reichten gerade um über die Runden zu kommen, es blieb nicht viel übrig, um sich einen solchen Luxus leisten zu können. Außerdem wäre es für die beiden mit ihrer unkonventionellen Lebensweise auch schwer gewesen, eine Lizenz zu bekommen.

Er überflog die Schlagzeilen auf dem Handspiegel ohne sie wirklich zu lesen, während Orana für beide Brote schmierte und sie in kleinen Boxen verstaute.

„Ich werde mir eine neue Anstellung suchen“, brummte er, „da halte ich es nicht mehr aus. Vielleicht irgendwas in einer Mjudhol. Um Mjud auszuschenken braucht man kein Zeugnis vom Horger. Oder ich liefere Pakete aus.“

„Spinn‘ nicht rum, Schatz, als Paketboten nehmen die lieber ihre Werkstreller, da hast du keine Chance. Sprich doch mal mit deinem Bruder, vielleicht kann er dich als Techniker in der Ordnungshalle unterbringen.“

„Jakon? Nein, dem will ich nicht zur Last fallen. Nicht schon wieder. Außerdem hat er sich schon ein Bein ausgerissen, damit ich am Fließband bei Gvangall stehen kann.“

„Das Angebot von Frau Morig steht immer noch, ich könnte ...“

„Ich will nicht, dass du als Bager arbeitest!“

„Sie hat gesagt, ich könnte gut verdienen ...“

„Das ist Treller-Arbeit!“

„Ja, schon, aber Frau Morig sagte, dass man als freie Frau höhere Preise erzielen kann.“

„Nur über meine Leiche. Eher lass ich mich für Geld ficken, als dass ich dich das tun lasse.“

„Na, dann wissen wir ja, was für eine Anstellung du als nächstes ausprobierst“, lachte Orana.

Freislav brummte, stürzte den restlichen Tee herunter und schnappte sich seine Box. Er küsste Orana und machte sich auf den Weg zur Arbeit. Wie jeden Morgen hatte er einen Fußweg von fast einer Stunde vor sich, weil er das Geld für eine Busfahrkarte lieber sparte. Es war eine der wenigen Möglichkeiten wenigstens etwas Geld zu sparen.

Auf den Straßen war so früh am Morgen schon einiges los. Aus den Eingängen der großen, quaderförmigen Wohnblocks strömten die Menschen zur Arbeit oder einer der vielen kleinen Garküchen oder Händlerstände, die sich auf den Gehwegen breit machten. Die Straßen füllten sich mit Fahrzeugen. Auch viele seiner Nachbarn waren unterwegs, auch wenn Freislav sie nur vom Sehen her kannte. Wenn man die Ordnungshüter nicht wegen irgendeiner Lärmbelästigung zu den Nachbarn schickte, ließ man sich in Ruhe. In diesem Teil der Stadt lebten die „Gedder“, die „Gefallenen“. Freigelassene Treller, Ausländer und Menschen wie er und Orana, die sich nicht in das System einfügen wollten. Wer keine schlechtbezahlte Arbeit gefunden hatte, musste sich als Tagelöhner durchschlagen oder vom Gvardgalla leben, dieser kleinen Großzügigkeit des Königs, von der man zwar nicht verhungerte, aber auch nicht Leben konnte.

Nach wenigen Minuten durchquerte er die Pfeilgasse, eine der „besseren“ Wohngegenden dieses Stadteils, in der viele Sjalfer lebten, also Leute, die allein lebten, aber nicht aus dem System gefallen waren, wie er. Hier war es ruhiger, sauberer. Es lungerten weniger Säufer herum, es stank weniger nach Pisse und die Mauern waren nicht hinter mehreren Schichten schlechter Graffiti versteckt. Freislav atmete auf. In seiner Nachbarschaft hatte er immer ein schlechtes Gefühl im Magen, die ungute Vermutung, jemand würde ihm wegen der paar Münzen in seiner Tasche ein Messer in den Bauch rammen oder ihm einen Knüppel auf den Schädel hauen, um ihn dann irgendwo nach Narva als Minen-Treller zu verkaufen.

Aber schon nach wenigen Schritten lief es ihm kalt den Rücken herunter. Irgendetwas stimmte hier nicht, auch wenn er nicht ausmachen konnte was. Einfach ein schlechtes Gefühl im Magen, der Vorschatten eines schrecklichen Ereignisses, das kommen mochte – oder auch nicht. Was auch immer es war: Es beschleunigte seine Schritte so sehr, dass er beinahe rannte. Er wurde erst wieder langsamer, als er im südlichen Industriebezirk ankam und er die rauchenden Schlote der Gvangall-Fabrik erblickte.

Xobor Forum Software von Xobor
Datenschutz