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#76 RE: Jakons Tag: Freizeittrott von Elatan 15.03.2020 19:55

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Deine Alltagsgeschichten sind immer sehr schön! Ich wollte eigentlich fragen, was ein Treller ist, aber ich glaube, spätestens am Ende habe ich es dann selbst herausgefunden.

#77 RE: Jakons Tag: Freizeittrott von Nharun 11.04.2020 00:18

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Das geschah zuvor: Freislavs Tag: Morgenroutine

Freislavs Tag: Arbeitsalltag

Freislav trotte durch die Tore der Gvangall-Fabrik, wie viele andere die aus allen Richtungen kamen. Seine Schritte wurden schwerer, genau wie seine Schultern. In seinem Magen breitete sich das ungute Gefühl der Unzufriedenheit aus. Seinen Mitarbeitern sah er an, dass auch sie nicht von der Freude an ihrem Werk zur Arbeit getrieben wurden.
In der Umkleide herrschte betretenes Schweigen, das nur hin und wieder von einem lauten Gähnen oder leisem Seufzer unterbrochen wurde. Er warf sich den Arbeitskittel über und wurde zu Nummer 373-B. Auf dem Weg in die Halle blickte er auf die große Diensttafel. „Na toll“, grummelte er, als er sah wo er heute eingeteilt war: Band A4, Aufladung.
In der Werkshalle arbeiteten die Maschinen und erfüllten die Luft mit einem monotonen Klackern, das vom beständigen, reibenden Quietschen der Fließbänder untermalt wurde. Als er sich seinem heutigen Platz näherte, schrillte die Schichtpfeife. Der Nachtdienst hatte Feierabend. Er löste 237-B ab, dessen richtigen Namen er nicht kannte. 237-B war bereits jenseits der 70, abgemergelt und von tiefen, schwarzen Augenringen gekennzeichnet. „N‘guten“, wünschte Freislav dem Mann, der lethargisch an ihm vorbei ging ohne ihn wirklich zu bemerken. Freislav schüttelte den Kopf. „Unverantwortlich“, brummelte er vor sich hin. Wie konnte der Schichtleiter nur einen so alten Kerl zum Aufladen abstellen, wo schon junge Männer wie er nach der Schicht ausgelaugt sind. Wenn 237-B eine ganze Woche hier arbeiten müsste, dann würde er am Ende der Woche im Armengrab liegen.
Freislav setzte sich auf die Stehhilfe am Fließband und legte die Hände auf die Markierungen in dem Gestell, das genau über dem Fließband angebracht war. Er blickte auf den Kontrollspiegel und verschaffte sich einen Überblick über die Formen, die darauf angezeigt wurden. Er hatte keine Ahnung, wofür sie genau standen, aber er wusste, dass bei einer kleinen Fehlinterpretation unvorhersehbare Komplikationen eintreten konnten. Aber er war gut darin, sich diese Muster schnell einzuprägen und begann bald sich auf diese konzentrieren.
Die Pfeife für den Schichtbeginn schrillte und riss Freislav wieder ins hier und jetzt. „Kater!“, fluchte er, denn er spürte eine Welle der Anspannung durch seine Muskeln ziehen. Vermutlich war er noch nicht wach genug, denn er wusste, dass es besser war zu warten. Er kämpfte seine aufwallende Aufregung nieder indem er den alten Konzentrationsreim innerlich immer wieder wiederholte und schloss die Augen. In seinen Gedanken visualisierte er Formen. Dreiecke, Quader, Kreise, Kegel, Pyramiden, Zylinder, Vielecke. Sie alle begannen vor seinem inneren Auge zu tanzen, zu verschmelzen, sich zu lösen. Dann kam dieses seltsame Gefühl der Kälte und Weite und des Schwebens, dieses schwere Erschlaffen des Leibes, während unter der Haut das Heer der Ameisen zu kriechen begann. Die Formen verwaberten in ein schwärzeres, anderes Dunkel und er spürte den Sog, der daraus entstand. Das quietschende Reiben des Fließbandes mischte sich mit jenem seltsamen Geräusch, das man am ehesten mit dem Geräusch beschreiben kann, das entsteht, wenn man Luft schnell und tief mit geschlossenen Zähnen einatmet. Einschließlich des seltsamen Gurgelns und Schmatzens, dass durch den Speichel hervorgerufen werden kann, nur dass sich hier seltsame Laute und Flüstern mithineinmischten.
Die Windungen seines Gehirns schrien auf und obwohl er seinen Körper nicht mehr vollends spürte, bemerkte er, wie sich seine Muskeln zur Flucht anspannten. Das Flüstern aus dem Dunkeln hallte in seinem Schädel nach und er begann einzelne Laute aus dem Echo zu greifen und vor sich hinzuflüstern. Er öffnete die Augen und sah dennoch nicht, wie unter seinen Händen die Realität flackerte, wie in tausend Mikrogewittern sich Blitze entluden, die keine Elektrizität waren. Vor seinen Augen war alles Dunkel, aber darin waren Fetzen eines anderen Dunkels, drohend, obwohl er sie kaum von der Schwärze unterscheiden konnte. Und Orana. Ein helles Abbild Oranas mit ihrem liebevoll fürsorglichen Lächeln, das sein Geist in die Schwärze projizierte um ihm Licht und Hoffnung zu spenden. Nachdem jedoch Klauen und Mäuler der schwärzeren Schwärze zu greifen schienen.
Das Fließband beförderte unablässig Spielzeuge unter Freislavs gestell hindurch, ließ sie für einen Moment in dem Wabern verharren und führte sie dann ab. Das ganze ging über Stunden, aber Freislav merkte das nicht. Erst als die Pfeife zur Pause pfiff und ihn aus dem Alptraum seines Geistes riss, nahm er wieder seine Umwelt wahr. Und sackte zusammen. Er atmete langsam und schwer und kniff die Augen mehrmals zusammen um den den düsteren Tunnel abzuschütteln, der seine Sicht noch immer trübte. Seine Gelenke knackten, als wäre sie von Frost überzogen und er spürte noch, wie das Heer der Myriaden Ameisen langsam über seine schmerzenden Muskeln abzog. Es dauerte einige Minuten, bis er die Kraft gesammelt hatte, die nötig war, um ihn zur Kantine zu schleppen. Das Gebrabbel der anderen Mitarbeiter war lästig, manche Laute taten sogar weh. Das Tablett war schon leer unglaublich schwer und er nahm gar nicht wirklich war, dass es an der Essensausgabe beladen wurde. Ob er selbst Speisen wählte oder man sie ihm einfach auftrug, hätte er nicht bezeugen können. Doch das Tablett gewann an Gewicht und er war froh, als er es auf einem Tisch abstellen konnte. Er begann zu essen, obwohl er keinen Appetit hatte. Er hatte auch keinen Hunger, denn sein Körper war noch nicht wieder dazu fähig, das einzuschätzen. Aber er wusste, dass er essen musste. Natürlich schmeckte alles nach fader Pappe. Zum Teil weil das Kantinenessen einfach schlecht war, aber zum Teil auch, weil der Geschmack noch nicht wieder da war. Er schmeckte Salz und Zucker. Seine Zunge war schnell wieder einsatzfähig, aber die Geschmacksarbeit seines Geruchsinns und seines Gehirns waren noch im Taumel.
„Wären wir in Qafta, würde ich dir eine Henurmischung machen, damit ginge es dir sofort besser“, brandeten die Worte von 379-C gegen seinen Geist. Zu seiner Verwunderung spürte er die Wärme einer Hand auf seiner Schulter.
Kalib, 379-C, setzte sich neben ihn an den Tisch und stocherte im Essen herum. Der Phecher war noch keine 20, arbeitete aber schon seit drei Jahren bei Gvanigall. Seit er von seinem Herren rausgeschmissen worden war, weil er zu alt geworden war. Kalib war einer von vielleicht einer handvoll Mitarbeitern, deren Namen Freislav kannte. Die beiden verstanden sich ganz gut, auch wenn Freislav nicht verstand, warum Kalib nicht versuchte nach Qafta heimzukehren. Er wusste, das Kalib mit 14 als Traller nach Arbeskire gekommen war, wie er dazu geworden war, wusste er nicht. Aber er hatte zwischen den Worten herausgehört, das Kalib hier kein leichtes Leben gehabt hatte.
„Wie geht es der Frau?“, fragte Kalib mit einem Lächeln. Freislav tat es leid, dass er das Lächeln nicht erwidern konnte und lediglich „Gut, gut“ brummte.
„Du wirst immer besser beim Aufladen. Ich hab mitbekommen, dass der Schichtleiter dich gelobt hat!“
„Kater! Dann darf ich bestimmt noch mehr Tage mich da auslaugen. Du hast echt Glück, dass du keine Schulbildung hast.“
Kalib verzog das Gesicht zu einem gequälten Lächeln. Freislav konnte gerade nicht einschätzen, ob er den Jungen beleidigt hatte, aber es tat ihm leid. „Ach, du weißt, dass ich das nicht böse meine.“
„Lass dich nicht unterkriegen. Aber sieh zu, dass du nach der Arbeit irgendwas unternimmst. Um den Kopf frei zu kriegen, sonst holen die Geister heute Nacht.“
Die Pfeife beendete das Gespräch jäh, aber Kalib steckte Freislav noch schnell ein paar Bonbons in den Kittel. „Lutsch‘ eins, bevor du dich wieder ranmachst, erhält deinen Geschmack.“
Die zweite Hälfte des Arbeitstages war genauso anstrengend wie die erste. Als die Pfeife schließlich zum Schichtende pfiff, trotte Freislav langsam und erschöpft nach Hause. Obwohl die Welt um ihn herum wie Nebel lag, schaffte er es mit seinem Armspiegel ein paar Nachrichten zu verschicken. Er wollte Kalibs Rat beherzigen und plante mit Jakon, Vamas, Taron und natürlich Orana heute abend ein Erinnerungspiel zu sehen.

#78 RE: Jakons Tag: Freizeittrott von Amanita 11.04.2020 09:05

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Der Job hört sich ja nicht sehr angenehm an...
Aber immerhin haben sie eine Kantine außerhalb vom Arbeitsplatz, wo sie ihr Mittagessen zu sich nehmen können. Das ist ja schonmal mehr als manche ArbeiterInnen in gefährlichen Branchen bei uns im 19. Jahrhundert so hatten.
Ich finde es auch wieder gut gelungen, wie du hier mit den Assoziationen spielst. Bei "Aufladung" denkt man ja eigentlich eher an harte, körperliche Arbeit, so wie sich das anhört, scheint es aber eher eine Art magischer Arbeit zu sein.
Durch welches System sind Freislav und seine Frau denn gefallen? Und hat der Name, wie man vom Deutschen her denken würde etwas mit einem freigelassenen Sklaven zu tun?

#79 RE: Jakons Tag: Freizeittrott von Nharun 11.04.2020 10:51

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Die Arbeit, die Freislav verrichtet, ist in der Tat "magisch", er leitet Energie aus dem Anderdunkel in das Spielzeug, um die (durch andere Zauber hervorgerufenen) Funktionen zu ermöglichen; im Prinzip lädt er den Akku auf. In der Moderne sind viele Gerätschaften das Ergebnis solch magischer Fließbandarbeit, selbst so etwas wie eine Kaffeemaschine wird industriell gefertigt und im gleichen Prozess mit Zaubern belegt, damit bspw. das Wasser auf Knopfdruck kocht.

Freislav und seine Frau sind durch das System der "normalen Gesellschaft" gefallen. Bei den Arben gehen Kinder (mit spätestens 6 Jahren) in die Obhut eines Horgers (Ausbilder-Ersatzvater-Lehrer) über, wo sie in gleichgeschlichtlichen Gruppen aufwachsen und neben einer allgemeinen Erziehung schon früh eine Ausbildung für bestimmte Tätigkeitsbereiche erhalten; Jakon & Freislavs Horger ist bspw. für die Heranziehung von Polizisten befähigt. Mit seinen "Geschwistern" lebt man dann auch im jungen Erwachsenenalter meist noch eine Zeit weiter beim Horger und hilft (neben der Arbeit), die jüngeren Geschwister zu erziehen. Je nachdem welche Möglichkeiten und welchen Zulauft ein Horger hat, nimmt er entweder im gleichen Maß neue Kinder an, wie er alte an die Gesellschaft entlässt, oder organisiert seine Arbeit in "Jahrgängen", die sich nur knapp überschneiden. Die meisten erwachsenen Arben leben nach ihrer Zeit beim Horger entweder mit ihren Geschwistern oder Arbeitskollegen zusammen in Gemeinschaftswohnungen/-häusern; diese Wohngemeinschaften sind zwar auch mehrheitlich noch geschlechtergetrennt, aber es gibt auch gemischte Gemeinschaften. Was es allerdings nicht so gibt, ist der monogame-heterosexuelle Lebenstil, den Orana und Freislav pflegen. Diese für uns vollkommen selbstverständliche Lebensweise ist für die Arben asozial und "gehört sich nicht", vor allem da die beiden ja nicht nur zusammen leben um mal eben Kinder in die Welt zu setzen (Zusammenleben auf Zeit um des Nachwuchses willen wird staatlich sogar gefördert).
Die beiden haben dadurch die Gunst ihres jeweiligen Horgers verloren und da es sich bei dem nicht nur um eine Art Elter handelt, sondern auch um einen Ausbilder, verlieren sie die wichtigste Referenz bei der Bewerbung um eine Arbeit. Sich ohne Zeugnis vom Horger in Arbeskire irgendwo zu bewerben, kommt einem "Ich hab zwar kein Schulabgangszeugnis, keinen Personalausweis und kein Konto, würde aber trotzdem wahnsinnig gerne als Arzt bei ihnen praktizieren!" nah.

Der Name hat nichts mit einem "freien Sklaven" zu tun, die lautliche Nähe bedingt hier falsche Freunde "Freislav" ist die moderne arbische Variante des arbarischen Namens "Frêslav" und bedeutet "Nachtfreund" ("frêer" ist "Freund", "slava" ist "Nacht": "Freund der Nacht"). Im modernen Arbischen ist Nacht als "slave" sogar noch irreführender; und "Freier" ist die moderne Form des Wortes "Freund" und bezeichnet nicht etwa den Käufer einer sexuellen Dienstleistung.

#80 RE: Jakons Tag: Freizeittrott von Teja 12.04.2020 19:27

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Seine Arbeit scheint ja echt unangenehm zu sein. Gleichzeitig kommt es mir so vor, als müsste er dafür nicht allzu viel "Können". Kann man bei dieser Aufladetätigkeit denn Fehler machen, die dann zu Verderbnis führen?

#81 RE: Jakons Tag: Freizeittrott von Nharun 13.04.2020 22:30

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Diese magische Fabrikarbeit ist in der Tat nicht gerade angenehm und ja, für das was Freislav da macht, muss man wirklich nicht viel können, es reicht eine "Grundausbildung" in Magie, wie sie die meisten arbarischen Kinder bekommen. Die Muster, die er sich einprägen muss und auf die er sich dann konzentriert erledigen den Hauptteil der Arbeit: Im Prinzip ist es so ähnlich wie das Sprechen eines Zaubers von einer Schriftrolle (in den meisten RPGs, die ich kenne) - es funktioniert, auch wenn du nicht weißt was du da genau machst. Gefährlich ist es in dem Moment, wo die Konzentration versagt oder man sich das Muster falsch eingeprägt hat. Wie ich einst beim arvelischen Schulsystem schon schrieb (und auch wenn die Arben ein anderes Schulsystem haben, lässt sich diese Information übertragen), lernen bereits Grundschulkinder sich richtig zu konzentrieren, auswendig zu lernen und sich komplexe Muster einzuprägen; das ist für moderne Torajaner also etwas leichter als für uns.

Für den Fall, dass doch mal etwas passiert, sind die Schichtleiter der Fabriken aber in der Regel "echte" Magier, also solche Menschen, die auch ein wenig Ahnung haben und mal improvisiert eingreifen können. Und man darf nicht vergessen, dass diese gefährliche Magie etwas alltägliches ist: So wie bei uns Feuerlöscher und Löschdecken überall platziert sind, wo man sie im Betrieb brauchen könnte, gibt es auch magische Hilfsmittel für den Fall der Fälle.

#82 RE: Jakons Tag: Freizeittrott von Nharun 14.08.2021 19:04

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Nach langer Pause geht's mal weiter ...

Freislavs Tag: Freizeittrott



Mit schweren Schritten verließ Freislav das Gelände der Gvangall-Fabrik. Die Arbeit erschöpfte ihn häufig, doch ermattete sie eher seinen Geist, so dass er sich wie durch einen trüben Nebel nach Hause kämpfte. Heute war jedoch sein Körper ausgelaugt und es kam ihm vor, als würde sein hellwacher Verstand wie ein Reiter einen störrischen, lahmen Esel reiten. Dennoch gelang es ihm auf seinem Armspiegel eine Einladung an Varnas, Taron und Jakon zu schicken, um sich mit ihnen heute Abend am Runvidher zu treffen. Aus irgendeinem Grund schickte er die Nachricht auch an Orana weiter, obwohl er ihr von dem Plan auch zuhause hätte erzählen können. Sie hätte sicherlich Verständnis.
Der Heimweg dauerte heute länger als gewöhnlich. Bisweilen bemerkte er die abfälligen Blicke von Passanten. Hielten sie ihn für einen Säufer?
Als sein Weg ihn durch die Pfeilgasse führte blieb sein Körper plötzlich stehen, was seinem Verstand aber erst Momente später bewusstwurde. Er blickte sich an und sah sich überwuchert von grünem Moos, als habe sein Leib Jahrzehnte am Ort gestanden. Als er es schaffte sich die Hand vor Augen zu führen, war das Moos verschwunden. Er schüttelte sich und damit den seltsamen Moment fort. Sich wieder in Bewegung setzend erblickte er hier und dort grüne Flecken, die aber nach einem Zwinkern wieder fort waren. "So übel hat mir das Anderdunkel noch nie mitgespielt", brummte er vor sich hin und trottete weiter.

"Schön auch eingeladen zu werden", begrüßte Orana ihn schnippisch, "Vielleicht habe ich ja heute Abend schon etwas vor? Mal daran gedacht?"
Freislav ließ sich auf einen Stuhl fallen.
"Orana, es tut mir leid. Aber du freust dich doch aus die anderen wieder zu sehen, nicht wahr?"
Orana lächelte und sie ließ sich auf seinen Schoß fallen und strich ihm durch die Haare. Natürlich hatte Orana nichts dagegen, Jakon, Varnas und Taron waren die einzigen echten Freunde der beiden, machten nie abfällige Bemerkungen über ihren Lebenstil.

Nachdem sie eine Kleinigkeit zu Abend gegessen hatten, machten sie sich fertig. Freislav fühlte sich immer noch matt und erschöpft. Während er sich am Waschbecken wusch, hatte er das Gefühl grünen Schleim von sich zu waschen, sah bisweilen kleine Stückchen Moos im Wasser tanzen, die jedoch nach einem Augenzwinkern oder Kopfschütteln verschwunden waren.

Vor dem Rundvidher trafen sie auf den bereits wartenden Jakon. Er wirkte abwesend und bemerkte sie erst, als Freislav ihn auf linke und Orana ihn auf die rechte Wange küssten. Im gleichen Moment kamen auch Taron und Varnas hinzu und die fünf begannen nach einer freundlichen Begrüßung damit zu diskutieren, was sie sich anschauen wollten. Nach einigem Hin und Her entschieden sie sich für „Geder IV: Die Rückkehr der Kahulvar“, ein Superheldenstück, des Vorgängerteile sie bereits unterhalten hatte.
Während der zwei Stunden des Erinnerungsspiels konnte Freislav endlich etwas ausspannen, auch wenn mit den in seinen Verstand projizierten Erinnerungen irgendetwas nicht stimmte: Alles hatte einen seltsamen Grünstich. Obwohl er sich vornahm sich darüber zu beschweren, war er nach dem Erinnerungsspiel immer noch körperlich erschöpft und hatte keine Lust auf diese Anstrengung.
Am liebsten wäre nach dem Erinnerungsspiel direkt wieder nach Hause gegangen, doch er ließ sich von den anderen zu einem Abstecher in die „Kreiche“ überreden, einem nahgelegenen Mjudehol, dass sie seit Jahren immer wieder aufsuchten. Dort versuchte er den seltsamen Tag mit genügend Alkohol fortzuspülen und die Mischung aus Alkoholrausch und wildem Tanz weckte seine Lebensgeister. Es war bereits nach drei Uhr morgens, Varnas war bereits nach Hause gegangen, da verabschiedete er sich von Taron und Jakon und machte sich mit Orana auf den Heimweg.
Zuhause angekommen fiel er sofort ins Bett und einen tiefen Schlaf. Auch in seinem Traum lag er mit schweren Gliedern da und fühlte, wie langsam eine Decke aus Moos über ihn zu wachsen begann. Was zunächst beinahe wohltuend war, wurde bald schmerzhaft, während sich das Moos in seine Haut zu fressen begann.
Er wollte Schreien, aber sein Mund war bereits mit Moos gefüllt.
Er wollte Aufwachen, aber das Moos hielt ihn in seinem Traum gefangen.

#83 RE: Jakons Tag: Freizeittrott von Elatan 16.08.2021 10:48

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Freislav sollte sich vielleicht wirklich mal nach einem anderen Job umsehen ...

#84 RE: Jakons Tag: Freizeittrott von Teja 19.08.2021 08:40

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Es wird spannend! Wird Freislav wieder erwachen? Wird er noch Herr seiner Sinne sein? Das alles erfahrt ihr in der nächsten Folge, die hoffentlich bald kommt!

#85 RE: Jakons Tag: Freizeittrott von Chrontheon 26.08.2021 23:45

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Da wird sich Jakon freuen, wenn er erfährt, dass das Moos auch auf seine Freunde übergreift ...

Ich hab das Gefühl, dass die Sache größer ist, als ursprünglich vermutet; vielleicht sogar über den normalen Alltag hinausgeht. Wird Jakon den Fall lösen, oder wird es das Ende der Welt bringen? Wir werden es nie erfahren ...

... weil hier nichts über diesen einen Tag hinausgeht ...

#86 RE: Jakons Tag: Freizeittrott von Nharun 27.08.2021 00:01

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@Chrontheon Doch, die Geschichte geht hier weiter

#87 Alltagsgeschichten von Elatan 02.10.2021 14:12

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Ein Tag im Leben von Tenia Selil, Sklavin in Egemenoi


»Aufstehen!«
Die gebieterische Stimme der Sklavenvorsteherin Hena war nicht gerade die angenehmste Weise, geweckt zu werden, aber Tenia wusste aus eigener Erfahrung nur zu gut, dass es noch schlechtere gab. Sie richtete sich sogleich in ihrer Pritsche auf, um der Müdigkeit gar nicht erst für einen kurzen Moment nachzugeben. Die Sklavenvorsteherin war eine grässliche alte Vettel, die an ihren ›Schützlingen‹ wohl all den Frust ausließ, den sie seit dem Sturz der Magierfürsten, deren glühende Anhängerin sie gewesen war, aufgestaut hatte.
»Das gilt auch für dich, Nelye!«
Ein Mädchen am anderen Ende des kleinen Schlafsaales – eines von vielen im Sklavenhaus von Egemenoi – quittierte dies nur mit einem schläfrigen Grunzen, wofür die Vorsteherin sie an den Haaren packte und von ihrer Pritsche auf den kalten Steinfußboden zerrte. Nelye war erst seit gestern hier im Sklavenhaus, weil ihr Meister in einer Schlacht im Norden gefallen war und seine Erben sie nicht brauchten.
»Was glotzt du so?«, fragte die Vorsteherin Tenia, die ganz schnell aufstand und begann, sich mit dem Wasser aus dem großen Eimer am Fenster zu waschen und anzuziehen, während die anderen aus ihrem Saal mit verschränkten Armen warteten.
»Tenia, dir fällt es zu, Nelye alles zu zeigen und zu erklären«, sagte Hena, während sich die junge Frau, die etwas Nachhilfe beim Aufstehen gebraucht, fertigmachte und ihr dabei einen bösen Blick zuwarf. Zu ihrem Glück war Tenia die Einzige, die dies sah, denn hätte die Vorsteherin es bemerkt, so hätte Nelye sich wohl noch auf eine Tracht Prügel mit dem Rohrstock, den die Vorsteher immer bei sich trugen, eingehandelt.
»Natürlich«, sagte Tenia und schaute dann zu Nelye, nachdem die Vorsteherin den Saal verlassen hatte.
»Wenn diese Alte noch einmal so mit mir umspringt …«, begann Nelye, aber Tenia schnitt ihr sofort das Wort ab.
»Was dann? Ziehst du dann auch an ihren Haaren oder verpasst ihr einen Hieb?«
»Meinst du, das könnte ich nicht?«, fragte Nelye und tatsächlich glaubte Tenia nicht, dass Nelye der Vorsteherin einen guten Kampf geliefert hätte. »Sie ist auch nur eine Sklavin.«
»Es gibt Sklaven und Sklaven«, sagte Tenia mit einem Schulterzucken.
»Genau«, sagte Nelye, »und wenn du mich fragst, dann sollte ihre Art uns unterstehen und nicht andersherum. Sie war doch selbst treue Dienerin der Magier. Wir haben hingegen zu der Zeit noch nicht einmal gelebt und müssen nur ausbaden, was unsere Eltern verbrochen haben.« Sie lachte. »Allerdings stimmt das nicht einmal! Mein Vater war insgeheim ein Spitzel der Rebellen. Er konnte das nur später nicht beweisen.«
»Ja, meiner auch«, sagte eine andere Frau und begann dann mit den anderen zu lachen.
»Natürlich«, sagte Tenia zu Nelye und konnte sich ein Grinsen auch nur mühsam verkneifen. Solche Geschichten hörte sie andauernd. Wenn man dieses Gerede jedem Sklaven glaubte, dann war jeder einzelne Soldat in den Heeren der Magierfürsten eigentlich ein Widerstandskämpfer, der sich fügen musste, um nicht aufzufliegen, der aber im Verborgenen den Sieg gegen die Magier erst möglich machte.
»Glaubst du mir nicht?«, fragte Nelye und stemmte die Fäuste in die Hüfte. Sie war ein Stück größer als Tenia, und ihr war anzusehen, dass sie bei ihrem letzten Herrn gut behandelt worden war und im Gegensatz zu den Bewohnern des Sklavenhauses wohl nie hungrig zu Bett gegangen sein musste.
»Doch doch«, sagte Tenia. »Aber jetzt sollten wir uns beeilen.«
Sie führte Nelye aus ihrem Schlafsaal hinaus auf den Korridor, wo sich bereits andere Sklavinnen beeilten, zu ihrer Arbeit zu kommen. Es war in der letzten Zeit ziemlich voll geworden. Im Krieg im fernen Norden waren viele Männer umgekommen und ihre Frauen hatten daraufhin oft ihre Verträge mit den Sklavenmeistern aufgehoben, da sie nun sparen mussten und nicht mehr das Geld hatten, um permanent Sklaven bei sich zu haben.
»Zu allererst werden wir hinausgehen und die Pflanzen im Garten bewässern«, sagte Tenia zu Nelye, die ihr lustlos folgte. »Das müssen wir machen, bevor die Sonne so herunterknallt.«
»Ich bin nicht diese Art von Sklavin«, sagte Nelye.
»Was?«
»Meine Aufgabe ist es, meiner Herrin Gesellschaft zu leisten und ihr zum Beispiel zu helfen, die richtigen Kleider auszuwählen.«
Tenia musste sich ein Lachen verkneifen.
»Willst du mal zur Vorsteherin gehen und sie fragen, ob du ihr Gesellschaft leisten und Kleider heraussuchen darfst?«
Nelye wurde rot, sagte aber nichts mehr.
Der große Garten befand sich von hohen Mauern umgeben vor dem Gebäudekomplex des Sklavenhauses, der aus dem Flügel der Männer und dem der Frauen bestand, die das Verwaltungsgebäude in der Mitte flankierten. Gegenüber und in der Nähe des Tores befanden sich Stallungen für Esel und Elande, die, wie die Sklaven selbst auch, an Bürger Egemenois vermietet wurden, und Hühnerställe. In einer Kolonne marschierten Sklaven aus dem Tor heraus, um in der Stadt bei Bauarbeiten oder am Hafen zu helfen, während die Frauen sich den Pflanzen im Garten widmeten, so wie es nun auch Tenia und Nelye taten. Das Wasser schöpften sie aus dem Brunnen vor dem Hauptgebäude und füllten es dann in Gießkannen ab, die sie zu den Beten schleppten.
»Wir hätten zuerst frühstücken sollen«, sagte Nelye nach kurzer Zeit und wischte sich Schweiß von der Stirn. »So kann man nicht arbeiten.«
»Am besten sprechen wir das nachher einmal an«, sagte Tenia. »Länger schlafen, gut frühstücken und nach dem Mittag Freizeit, um in der Stadt zu bummeln.«
»Du hast eine furchtbare gehässige Art«, sagte Nelye. »Hat dir das einmal jemand gesagt?«
»Nicht nur einmal.«

Nach der Arbeit im Garten begaben sie sich in die Stallungen, obwohl Tenia recht genau wusste, dass dort nicht viel Arbeit mehr für sie über sein würde. Die Männer hatten sich bereits um die Tiere gekümmert. Das Wichtigste war eigentlich nur, so zu tun, als habe man alle Hände voll zu tun, bevor die Vorsteherin bemerkte, dass dies nicht wirklich der Fall war. Nun, da so viele Sklaven zugegen waren, war die Arbeit für den Einzelnen recht überschaubar, aber einfach nur faul herumzusitzen und nichts zu tun, konnte schnell dafür sorgen, dass die Vorsteher dann doch noch eine äußerst unliebsame Beschäftigung für einen fanden. Tenia erinnerte sich daran, wie in der vergangenen Woche die Idee im Raum stand, einige der Sklaven nach Ulga zu schicken, wo Arbeit in den Minen wartete. »Unsere Männer brauchen wir hier in der Stadt, aber einige der Mädchen können durchaus auch unter Tage arbeiten – vor allem die kleineren. Besser als Kinder wären sie geeignet«, hatte der Sklavenmeister, ein hoher Beamter und freier Mann, zu den ihm untergebenen Vorstehern gesagt, und dass sein Blick gerade bei der letzten Bemerkung auf Tenia gefallen war, hatte ihr ganz und gar nicht gefallen und sie hatte daher viel Wert darauf gelegt, hier unentbehrlich zu erscheinen.
So kam es, dass Tenia nun neben einem der Elande stand und dem großen Tier das kurze Fell bürstete, während Nelye sich vorsichtshalber lieber nur einem der kleinen Esel zuwandte.
»Ich will doch nicht, dass der mich mit einem seiner Hörner aufspießt«, hatte sie nur gesagt, was Tenia und Almon, den alten Stallmeister, zum Lachen gebracht hatte.

Als sich die Mittagszeit näherte, geleitete Tenia Nelye in die große Küche, die sich im Hauptgebäude befand, um dort den anderen Frauen unter den strengen Blicken der Vorsteherinnen bei der Zubereitung des Essens zu helfen. Die Küchenarbeit war nicht gerade Tenias Lieblingsbeschäftigung und sie merkte, dass es sie ärgerte, wie viel geschickter sich Nelye hier zeigte. Während Tenias Teig am Rollholz immerzu kleben blieb, waren die Fladen, die Nelye formte, makellos.
»Mir läuft schon das Wasser im Munde zusammen«, sagte Nelye, als sie schließlich mit Tenia zu der heißen Steinplatte gingen, auf der die Fladen kurz gebacken wurden, und es bereitete Tenia ein gemeines Vergnügen, sie darauf hinzuweisen, dass sie aber noch nicht essen würden, da dies für die Männer in der Stadt sei. Nelyes Stimmung inzwischen recht gute Stimmung verschlechterte sich darauf wieder und sie füllte die Fladen lustlos mit Käse und Gemüse und rollte sie dann zusammen und legte sie in mit Leinentüchern ausgelegte Körbe. In einem Moment, in dem sie nicht beobachtet wurden, schob Tenia Nelye ein Stück des Käses zu, den sie eigentlich für sich allein stibitzt hatte.
»Nicht, dass du mir bis zum Mittagessen verhungerst«, sagte sie und grinste.
Tenia meldete sich jedes Mal freiwillig, um die Körbe mit dem Essen zu den Sklaven zu bringen, die an verschiedenen Orten in der Stadt und manchmal auch vor ihren Mauern die unterschiedlichsten Arbeiten verrichteten. Es war besser, als den ganzen Tag in den Mauern des Sklavenhauses eingesperrt zu sein.
Als Tenia sich bei der Vorsteherin zur Auslieferung meldete, bestimmte diese, dass sie Nelye mitnehmen sollte. Tenia wusste nicht recht, was sie davon halten sollte, aber die Alternative wäre wohl gewesen, selbst auch im Sklavenhaus zu bleiben und Nelye zu zeigen, wie man am besten die Böden schrubbte.
Sie gingen aus der Küche, ließen das Haus hinter sich und verließen das Grundstück durch das große Tor, an dem zwei Soldaten, die Tenia bereits kannte, Wache hielten. Die Soldaten beachteten sie gar nicht und ließen sie passieren, da ihnen ihr Gespräch über die Wettkämpfe in der Arena wichtiger waren.
»Sie passen gar nicht richtig auf«, sagte Nelye und blickte über die Schulter zurück, als sie der Straße hinunter zum Hafen folgten.
»Mich kennen sie schon und weglaufen können wir eh nicht«, sagte Tenia und zuckte mit den Schultern. »Uns erkennt jeder in ganz Atamerés als Sklaven.«
Sie zeigte die Narbe auf dem Rücken ihrer rechten Hand, so als habe Nelye nicht auch eine solche. Tenia konnte sich immer noch ganz genau daran erinnern, wie man sie als Kind mit dem glühenden Eisen gebrandmarkt hatte. Das Symbol der Magier war einst ein geöffnetes Auge. Ihre Anhänger und deren Nachkommen trugen das geschlossene Auge; ein Oval, welches längs mit einem Strich durchzogen war.
Nelye strich sich über die eigene Brandnarbe und Tenia wusste, dass auch sie sich noch ganz genau daran erinnerte, wie es sich anfühlte, Kind der falschen Eltern zu sein.

Auf den Straßen von Egemenoi herrschte ein reges Treiben und je näher sie dem Hafen kamen, desto öfter mussten sie Reitern, Wagen und Bürgern ausweichen, die gar nicht daran dachten, Sklaven überhaupt zu beachten. Am Hafentor wurden ihre Plättchen etwas gründlicher beäugt. Als sie hindurchgegangen waren, beschwerte sich Nelye bei Tenia darüber, dass sie in Begleitung ihrer Herrin nie kontrolliert worden war, aber so war es nun einmal, wenn zwei Sklavinnen alleine unterwegs waren.
Am Hafen stürzten sich die Männer geradezu auf sie, aber sie waren doch geduldig genug, darauf zu warten, dass die Frauen ihnen ihre Portionen aus den Körben gaben.
»Hat jeder etwas bekommen?«, fragte Nelye schließlich, als alle dasaßen und sich die Münder vollstopften. »Gut.«
»Ich würde noch einen zweiten nehmen!«, rief ein Mann und einige lachten.
Nelye warf Tenia einen fragenden Blick zu, aber diese zuckte nur mit den Schultern.
»Für jeden einen«, sagte sie und dann machten sie sich auf den Weg zurück.
An einer ruhigen Straßenecke an einem Tempel hielt Nelye Tenia am Saum ihrer Tunika zurück, schaute sich verstohlen um und griff dann in ihren Korb.
»Ein Fladen ist übriggeblieben«, sagte sie. »Da hat sich wohl jemand in der Küche verzählt.«
Tenia zögerte einen Moment.
»Das kommt schon mal vor«, sagte sie.
»Hier, nimm«, sagte Nelye und riss den Fladen vorsichtig darauf bedacht, dass nichts von der Füllung herunterfiele, in der Mitte durch und bot Tenia die Hälfte an. »Für das Stückchen Käse vorhin.«
Tenia nahm es und merkte jetzt erst, wie hungrig sie eigentlich war.
»Wir sollten es aber essen, bevor uns irgendjemand von den anderen Sklaven sieht«, sagte sie und setzte sich auf die niedrige Mauer, die das Grundstück, auf dem sich der Tempel befand, umgab. »Es gönnt einer dem anderen nichts.«
Nelye setzte sich neben sie und sie aßen eine Weile schweigend.
»Weißt du, mein Vater diente zwar den Magiern, aber er ist wirklich kein schlechter Mensch«, sagte Nelye. »Er traute sich einfach nicht, sich den Rebellen anzuschließen. Bis zum Ende des Krieges hatte er befürchtet, dass die Magierfürsten doch noch die Oberhand gewinnen könnten.
Tenia nickte. Ihr gefiel das Thema nicht.
»Es waren ja nicht alle schlechte Menschen«, fuhr Nelye fort. »Die Magier natürlich schon und es ist richtig, dass sie vernichtet wurden, aber ich meine die einfachen Leute.«
»Ich verstehe schon«, sagte Tenia und klatschte dann, als sie aufgegessen hatte, in die Hände. »Und jetzt beeil dich, sonst kommen wir noch zu spät zum Mittagessen.«
»Zum zweiten Mittagessen«, sagte Nelye und grinste. »Wir speisen schon fast so wie der Kaiser in seinem Turm.«

Im Speisesaal im Sklavenhaus erwartete sie das gleiche Essen wie das, was die Männer erhalten hatten, wenngleich ihre Portionen kleiner waren, was Nelye und Tenia aber nun nicht weiter störte. Während des Essens redeten die Sklaven allesamt durcheinander und selbst die strengsten unter den Vorstehern, die selbst auch nur Sklaven waren, ermahnten nur hin und wieder jemanden, etwas leiser zu sprechen.
»Wir sind hier schließlich nicht in einem Kriegslager der Inmesed«, sagte ein älterer von ihnen mit erhobenen Zeigefinger.
»Neis kun te tates bis?«[1], fragte Tenia leise und legte eine Hand auf die Wange, die sie schnell zum Mund fahren ließ, um ihr Grinsen zu verbergen.
Nelye glotzte Tenia an.
»Was?«
Tenia winkte ab.

Nach dem Mittagessen folgten der Abwasch und das Säubern des Speisesaales und der Küche sowie der Vorhalle des Hauses. Tenia hasste es, die Böden zu feudeln, damit alles einen tadellosen Eindruck machte, wenn Bürger kämen, um Sklaven mitzunehmen. Als ob irgendjemand aufgrund eines Staubkornes den Entschluss fassen würde, doch ganz gut ohne Sklaven zurechtzukommen.
»Wir wollen heute einen guten Eindruck hinterlassen«, sagte der Sklavenmeister mit hinter dem Rücken verschränkten Händen. »Heute erwartet uns hoher Besuch aus Ulga. Ein Stollen ist dort eingestürzt und viele Sklaven fanden den Tod. Ich denke, sie haben damit ihre Schuld abbezahlt.«
Der alte Mann schloss die Augen und nickte. Er war vermutlich von dem, was er sagte, wirklich selbst überzeugt. Tenia spürte, wie ihr plötzlich das Essen schwer im Magen lag. Es war keineswegs ein Witz gewesen, dass auch Frauen in den Minen arbeiten konnten und sollten. Es war denen, die jetzt die Macht im Reich hatten, völlig egal, ob Sklaven bei der Arbeit starben. Sie drückte den Lappen, den sie in ihren Händen hielt, fester, als könne sie sich so irgendwie an Egemenoi und ihr Leben hier klammern, das zwar nicht perfekt, aber doch zu ertragen war. Sie schaute zu einer Sklavin, die schon am Ende der Rebellion alt gewesen war. Tenia selbst war zu dieser Zeit nicht einmal ein Jahr alt gewesen.
»Was ist los?«, fragte Nelye, die neben Tenia hockte, leise, aber Tenia schüttelte nur den Kopf.

Nachdem sie mit dem Putzen fertig waren, bekamen die Sklaven nun Zeit zu ihrer freien Verfügung, doch Tenia konnte sie nicht genießen. Immer wieder musste sie daran denken, in einem Stollen eingeschlossen zu werden. Sie konnte es sich viel zu gut vorstellen. Als sie noch ein kleines Mädchen in einem Kinderheim außerhalb der Stadt gewesen war, hatte es ein Erdbeben gegeben – nichts völlig seltenes in der Nähe des Gol-tar-Inat, jenes Vulkanes, an dessen Fuße der Turm des Kaisers stand, den einst der Magierfürst Torios errichtet hatte, und von dem es hieß, er sei unzerstörbar. Tenia war mit einem Freund zu diesem Zeitpunkt gerade aufgrund ihrer dummen Neugier allerdings in den Keller einer Ruine in der Nähe des Kinderheimes geklettert und das Beben der Erde hatte den Eingang zum Einsturz gebracht. Es war der schlimmste Tag ihres Lebens gewesen. Nun saß allein im Schatten eines uralten Olivenbaumes im Garten. Wo Nelye war, wusste sie nicht, und es interessierte sie auch nicht. Sie hatte es ihr gesagt, aber Tenia hatte gar nicht hingehört.

Schließlich rief einer der Vorsteher alle Sklaven in die Vorhalle, wo sich die Männer rechts und die Frauen links der Treppe, die hinauf zu den Schreibstuben und Archiven führte, an den Wänden aufstellten und Reihen bildeten. Nelye stellte sich neben Tenia und zupfte dieser zur Begrüßung am Ärmel..
»Wehe jemand von euch macht uns Schande, wenn gleich der Gesandte aus Ulga kommt!«, drohte der Sklavenmeister.
»Dürfen wir dann zur Strafe nicht mit ihm gehen, um in den Minen zu verrecken?«, hörte Tenia eine Sklavin flüstern.
»Wer hat das gesagt?«, fragte der Sklavenmeister, dem diese freche Bemerkung nicht entgangen war, doch ehe jemand antworten konnte, ging die Tür auf und einer der älteren Sklaven, die hier ihren Lebensabend verbringen sollten, da niemand sie mehr gebrauchen konnte, führte einen jungen Mann herein, der etwas verblüfft schauend stehenblieb und den Blick über die Reihe der Sklaven schweifen ließ.
»Es ist mir eine Ehre, Euch begrüßen zu dürfen«, sagte Sklavenmeister, legte seine rechte Hand, wie es Brauch war, zum Gruße aufs Herz und verneigte sein Haupt. »Ich hoffe, Ihr hattet eine angenehme Reise.«
Der Mann erwiderte die Begrüßung.
»Eine Reise würde ich es vielleicht nicht gerade nennen, aber es war ein netter Spaziergang.«
Der Sklavenmeister lachte.
»Ein netter Spaziergang«, wiederholte er. »Einige Sklaven brauchen wir bei Arbeiten in der Stadt, aber das heißt keineswegs, dass die, welche Ihr hier seht, nicht ebenso geeignet für alle schweren Arbeiten sind. Ich hörte, Ihr ließet Kinder in den Minen die Schuld ihrer Eltern abbezahlen. Nun, mit Kindern kann ich nicht dienen, aber wir haben hier einige kleinere, kräftige Sklaven, die sich ideal für diese Arbeit eignen sollten. Es soll ja durchaus von Vorteil sein, wenn man beim Bergbau nicht zu groß ist, nicht wahr? Die Zwerge können davon wohl ein Lied singen.«
Er lachte erneut, aber der junge Mann kratzte sich nur am Hinterkopf und ließ seinen Blick über die Reihe der Sklaven schweifen.
»Ich denke schon«, sagte er, »aber ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht.«
Der Sklavenmeister schaute ihn verdutzt an.
»Ihr seid doch der Gesandte aus Ulga?«
»Nein, ich brauche eigentlich nur einen Haussklaven, der lesen kann«, sagte er.
Der Meister schaute den alten Sklaven, der den Mann hineingeführt hatte, grimmig an.
»Mit größtem Bedauern muss ich Euch sagen, dass Ihr etwas ungelegen kommt.«
»Sagt jetzt bitte nicht, dass ich völlig umsonst den ganzen Weg hierher gelaufen bin und alle diese Sklaven jetzt nach Ulga sollen.«
»Nein nein«, sagte der Sklavenmeister und schaute sich ein wenig nervös um. »Einer, der lesen kann, ja?«
»Ich könnte eine Hilfe brauchen beim Durchschauen von Büchern und Schriftstücken«, sagte er. »Ich will Inquisitor werden, wisst Ihr.«
»Das ist höchst ehrenwert!«, sagte der Sklavenmeister. »Ich mag mir nicht vorstellen, wo wir ohne die Inquisition wären, die uns vor jenen Magiern schützt, die im Verborgenen danach trachten, die alten Zustände wiederherzustellen. Nun denn! Alle, die lesen können, treten vor!«
Von denen, die einen Schritt nach vorne machten, waren die meisten bereits älter und männlich. Tenia und Nelye stachen geradezu hervor.
»Ich durfte meiner Herrin immer Gedicht vorlesen«, flüsterte Nelye und Tenia nickte.
»Ihr habt die Wahl, Herr«, sagte Sklavenmeister und deutete auf einen älteren Sklaven. »Dieser hier war Gerichtsschreiber im Dienste Torios’ und versteht daher sein Handwerk.«
Der Mann machte noch einen Schritt vor, legte seine vernarbte rechte Hand aufs Herz und verneigte sich.
»Es wäre mir eine Ehre, Euch zu …«
»Ich spreche elbisch!«, rief Tenia und trat in die Mitte des Ganges.
»Du freches Gör sprichst vor allem nur dann, wenn du gefragt wirst!«, fuhr sie Hena an.
Der junge Mann und der Sklavenmeister schauten zu ihr und Tenia beschloss, dass sie nun dreist sein musste.
»Wenn Ihr Inquisitor werden wollt, dann beschäftigt Ihr euch …«
»Kannst du denn nicht hören?«, fragte Hena und zog ihren Rohrstock, aber der junge Mann kam gefolgt vom Sklavenmeister auf sie zu und hob beschwichtigend die Hand.
»Ja?«, fragte er zu Tenia gerichtet.
»Viele Texte der Magierfürsten sind auf Elbisch und Ihr werdet euch doch sicherlich mit ihnen beschäftigen müssen. Ich spreche Elbisch.« Sie schaute dem Fremden in die Augen. »Und ich spreche die Sprache der Inmesed!« Sie biss sich auf die Lippe und murmelte dann: »Auch wenn das vielleicht weniger wichtig ist …«
Der Sklavenmeister schaute zu Perilos.
»Sie hat recht, es wäre gut, wenn sie Elbisch spräche.«
»Gut«, sagte der Sklavenmeister und wandte sich dann an die Sklaven. »Wer elbisch spricht, trete nun vor.«
Für Tenia war dies wie ein Schlag ins Gesicht. Sie konnte elbisch! Warum jetzt einen anderen suchen?
Nelye machte einen Schritt nach vorn und Tenia glotzte sie an.
»Du?!«
Nelye lächelte und verneigte sich höflich vor dem Fremden.
»Wollt Ihr eine Kostprobe, Herr?«, fragte sie.
»Öhm, natürlich«, sagte er und schaute Tenia dabei an, die merkte, dass ihr der Mund offenstand, und nun wütend die Zähne zusammenbiss.
Nelye räusperte sich.
»Ess me tapiolin, me gelinan a te,
Lirenan maira, me gelirnan a te,
Me falan in hilm, me gelirnan a te,
Avan tumrin, me naersinan a te.
Voi umbran! Me enan ven emes te.
«[2]

»Deine Aussprache ist grauenhaft!«, sagte Tenia. »Hast du überhaupt auch nur ein Wort verstanden?«
»Ja«, sagte Nelye und verschränkte die Arme vor der Brust. »Es ist ein trauriges und wunderschönes Liebesgedicht.«
»Anwe! Telm vinte ten phiman!«,[3] sagte Tenia. »Tarine an ambelan ei tingwe alvarinwe!«[4]
»Wa-…?«
»Sie versteht kein Wort!«
»Niemand sagte etwas vom Verstehen!«
Der Fremde musste nun grinsen.
»Das wäre allerdings schon von Vorteil.«
Der Sklavenmeister seufzte.
»Dann steht Eure Wahl wohl fest?«
»Ich denke schon.«

Wenig später saßen der Fremde und der Sklavenmeister in dessen Schreibstube, während Tenia neben dem großen Schreibtisch stand.
»Nun gut«, sagte der Sklavenmeister. »Perilos Parenin ist Euer Name, sagtet Ihr?«
»Richtig«, sagte Perilos. »Hier aus Egemenoi. Ursprünglich aus Comenis.«
Der Sklavenmeister nickte und machte einige Notizen.
»Und für wie lange gedenkt, Ihr die Sklavin bei Euch aufzunehmen?«
Perilos kratzte sich am Kinn.
»Das kann ich noch nicht so genau sagen.«
»Das macht nichts. Es geht mir eher darum zu wissen, wie Ihr zahlen möchtet. Monatlich, vierteljährlich, halbjährlich …?«
»Spare ich denn Geld, wenn ich direkt im Voraus für halbes Jahr bezahlen würde?«, fragte Perilos und lachte.
»Ja, das würdet Ihr tatsächlich.«
»Oh. Das ist natürlich gut«, sagte Perilos und nahm eine Blatt Pergament entgegen, das der Sklavenmeister ihm gab.
»Dort steht alles.«
»Bei einem ganzen Jahr im Voraus würde ich wirklich sehr gut sparen«, sagte Perilos nachdenklich und schaute dann zum Meister. »Also nicht, dass ich es nötig hätte, aber …«
Der Sklavenmeister lächelte und nickte.
»Dann vielleicht … direkt jährlich?«
»Wenn sie Ärger machen sollte, könnt Ihr sie natürlich zurückbringen und würdet einen Teil des Geldes erstattet bekommen.«
»Ich werde keinen Ärger machen!«, fuhr es aus Tenia heraus, die sich die ganze Zeit schon zusammenreißen musste, ruhig zu stehen. Sie kannte diesen Kerl zwar nicht, aber er machte einen anständigen Eindruck und es war allemal besser, als in den Minen von Ulga zu schuften.
»Das wird sich noch zeigen«, sagte der Sklavenmeister. »Sag mir noch einmal deinen Namen.«
»Tenia, Silios' Tochter. Silil.«
»Gut, dann werde ich den Ring holen«, sagte er, stand auf und ließ Tenia mit ihrem neuen Herrn allein.
Er füllte die Urkunde aus, die ihm der Sklavenmeister gereicht hatte. Er wirkte nicht wie ein Inquisitor. Nicht einmal ein angehender. Als er zu ihr schaute, sah sie rasch aus dem Fenster. Er sollte nicht glauben, sie würde ihn dämlich anstarren wie ein Rindvieh.
»Wie kommt es, dass du Elbisch sprichst?«, fragte er.
»Meine erste Anstellung hatte ich bei einem alten Geschichtsschreiber, der sich sehr für die Elben interessierte, die in Atamerés gelebt haben. Vor den Magierfürsten. Er brachte es mir bei, weil er meinte, ich sei ihm so dienlicher. Er und seine Frau waren sehr freundlich.«
Perilos wollte etwas erwidern, aber in dem Moment kam bereits der Sklavenmeister mit einem ernsten Gesicht wieder. In der einen Hand hielt er ein Schriftstück, in der anderen vermutlich den Ring.
»Es ist mir furchtbar peinlich, Herr Perilos, allerdings muss ich Euch etwas zu dieser Sklavin sagen.« Er schaute Tenia vorwurfsvoll an.
»Was?«
»Ihr Vater, Silios, war … nun ja.«
»Ein Magier«, sagte Tenia leise. Nun würde er sie ablehnen und sie würde nach Ulga müssen. Oder sie würde für immer hier bleiben, weil niemand die Brut von Magiern wollte.
Perilos schwieg und schaute sie an, als sie ihm in die Augen sah, schüttelte er den Kopf.
»Das ist dann eben so.«
»Es tut mir wirklich aufrichtig leid. Vielleicht könntet Ihr zunächst die andere Sklavin mit Euch nehmen und wir geben Euch Bescheid, wenn ein …«
»Nein nein«, sagte Perilos. »Ich meinte, dass ich sie trotzdem mitnehmen werde.«
»Ha!«
Die beiden Männer schauten zu Tenia, die sich eine Hand vor den Mund hielt.
»Entschuldigung.«
»Nun gut, dann soll es so sein«, sagte der Sklavenmeister, nahm die ausgefüllte Urkunde entgegen, ging um seinen Tisch und setzte sich. »Das scheint alles zu passen. Jährlich.«
Perilos nickte und holte einen schwarzen Lederbeutel hervor, aus dem er einige goldene Münzen nahm und sie dem Meister hinschob. Dieser legte nun den kupfernen Ring, den er in der Hand gehalten hatte, vor Perilos auf den Tisch. Er nahm ihn und betrachtete die Schriftzeichen. Tenia wusste, was in ihn eingraviert war: Tenia Silil aus Egemenoi dient mir.
»Hast du deinen Ring?«, fragte der Sklavenmeister sie und sie holte ihren eisernen Ring hervor. Sie hatte ihn an ein ledernes Band gehängt, wie es die meisten Sklaven taten. Auf ihm stand: Tenia Silil, Sklavin aus Egemenoi.
»Schwörst du, Perilos Parenin zu dienen, bis er dich fortschickt, einer von euch in Tesseias Hallen geht, oder die Schuld deiner Väter abbezahlt ist?«
»Ich schwöre es«, sagte Tenia, wohl wissend, dass letzteres für sie nie der Fall sein würde. Vierhundert Jahre hatten die Magierfürsten geherrscht und dreimal so lange sollten ihre Anhänger und deren Nachkommen dafür den einst Unterdrückten dienen.
»Muss ich auch noch irgendetwas schwören?«, fragte Perilos.
»Nein«, sagte der Sklavenmeister mit einem Lächeln. »Ihr solltet sie nur nicht weglaufen lassen. Wenn sie entkommt, dann müsst Ihr so lange weiter für sie bezahlen, bis sie wieder aufgetaucht ist.«
Perilos lachte nervös. »Eine Kette habt Ihr nicht zufälligerweise?«

Als Tenia mit ihrem neuen Herrn das Sklavenhaus hinter sich ließ, schaute sie nur einmal zurück. Ob Nelye in die Minen geschickt werden würde? Erst dachte sie, dass sie es ihr gönnen würde – gerade nach ihrem letzten Auftritt. Aber Tenia konnte sie auch verstehen und auf eine gewisse Weise bedauerte sie es, sich nicht von ihr verabschiedet haben zu können. Vermissen würde sie jedoch weder das Sklavenhaus selbst, noch irgendeinen, der dort lebte. Allerhöchstens vielleicht die Tiere oder den guten, alten Almon. Es war gut, dort endlich fort zu sein. Perilos nahm, während sie Richtung Marktplatz gingen, eine Halskette ab, die er um den Hals trug. An ihr hing ein Stein in einem Geflecht aus silbernem Draht. Der Stein war schwärzer, als alles, was Tenia jemals gesehen hatte. Perilos ließ den Ring auf die Kette gleiten und hängte sie sich dann wieder um.
»Ein Familienerbstück«, sagte er. »Mein Vater hatte mir gesagt, dieser Stein schütze vor Magie.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber er für mich ist er eine gute Erinnerung und ein Glücksbringer.«

Als sie weitergingen, unterhielten sie sich ein wenig über Tenias Talente.
»Die meisten Inquisitoren sprechen kein Wort Elbisch«, sagte Perilos. »Sie lernen einfach die häufigsten Zaubersprüche auswendig, um sie im Notfall erkennen zu können. Dieses andere Mädchen hat mich daran ein wenig erinnert, weißt du?«
Tenia musste grinsen.
»Vielleicht würde sie eine gute Inquisitorin abgeben?«
Sie wollte sich bereits für diese etwas freche Bemerkung entschuldigen, aber Perilos lachte.
»Ich hoffe, dass du mir jedenfalls die Sprache richtig beibringen kannst«, sagte er. »Ich finde, wir sollten unsere Feinde so gut wie möglich kennen und verstehen können. Sie haben teilweise nicht nur ihre Zaubersprüche in der elbischen Sprache verfasst, sondern ganze Schriftrollen und Bücher, und wenn man selbst jedes zweite Wort nachschlagen muss, ist es eine Folter. Daher möchte ich, dass du mir hilfst und mir die Sprache beibringst.«

Tenia wollte sofort ihre Nützlichkeit unter Beweis stellen und begann, ein paar einfache elbische Sätze mit ihrem neuen Herrn zu sprechen, um zu sehen, wie viel er schon konnte – es war nicht viel aber doch mehr, als sie erwartet hatte.

An einer Taverne auf dem Marktplatz machten sie schließlich einen Zwischenhalt. Perilos bestellte Getränke für sie und sich und platzierte dann mit einigen Goldmünzen eine Wette auf einen Kampf, der am nächsten Tag in der Arena stattfinden sollte.
»Wenn wir Glück haben«, sagte er, »werde ich mit dem Geld, dass ich jetzt gespart habe, indem ich gleich für ein ganzes Jahr bezahlt habe, das andere wieder hereinholen.« Er hob einen Zeigefinger. »Und es ist nicht nur Glück. Beim Wetten kommt es vor allem darauf an, sich gut mit der Sache auszukennen.«
Tenia nickte nur, als Perilos ihr alles Mögliche dazu erzählte, womit er auch nicht aufhörte, als sie beide ausgetrunken hatten und weiter zu ihm nachhause gingen. Erst am Tor zum Innenhof seines Hauses beendete er schließlich seine Ausführungen. Nachdem sie eingetreten waren, kam ihm direkt eine Frau entgegen, die etwa im gleichen Alter wie Perilos und damit nur wenige Jahre älter als Tenia selbst sein musste. Sie beäugte Tenia von oben bis unten, ehe sie sich Perilos zuwandte.
»Aha«, sagte sie.
»Was?«
»Nichts.«
Die Frau drehte sich um und begab sich wieder ins Haus. Perilos wies Tenia an, kurz draußen zu warten und folgte ihr dann.
Tenia konnte das Gespräch der beiden sehr gut mit anhören, ohne überhaupt lauschen zu müssen. Die Frau, Miona, war wohl nicht besonders zufrieden mit der Auswahl ihres Geliebten, und erst als er schließlich aufgebracht fragte, ob er Tenia wieder wegbringen sollte, und sie ihm stattdessen selbst bei seiner Arbeit helfen wolle, gab sie nach.
»Ich bin nicht eifersüchtig, falls du das glaubst!«, sagte sie. »Ich weiß, dass dich nie mit einer Sklavin einlassen würdest. Ich wunderte mich nur, dass du niemanden mit mehr Erfahrung mitgebracht hast.«
»Es gab keinen, der Elbisch sprechen konnte«, sagte Perilos und schließlich kamen die beiden wieder heraus.
»Ich heiße dich herzlich willkommen«, sagte Miona und Tenia verneigte sich auf die übliche Weise vor ihr.
»Ich danke Euch«, sagte sie. »Ich hoffe, dass ich Euch gut dienen kann.«
»Das hoffe ich auch«, sagte Miona, und wandte sich dann an Perilos. »Willst du nicht heute Abend zu mir kommen? Mein Bruder ist wieder auf Reisen und es ist schrecklich langweilig.«
»Natürlich«, sagte Perilos.
»Und du kannst dir derweil deine Stube einrichten«, sagte sie zu Tenia.

Viel einzurichten gab es allerdings nicht. Ihr Zimmer war recht klein und lediglich eine Truhe und ein Bett befanden sich in ihm. Nachdem sie ihre wenigen Habseligkeiten, die sie aus dem Sklavenhaus mitgenommen hatte, verstaut hatte, und zu Abend gegessen hatte, schaute sie sich in dem Haus um, das sie nun für sich allein hatte, da ihr neuer Herr wohl nicht vor dem nächsten Morgen wiederkommen würde. Es war nicht besonders groß, aber hatte alle Annehmlichkeiten, die man sich wünschen konnte und von einigen Fenstern aus konnte sie zum Meer schauen, hinter dem gerade die Sonne zu versinken begann. Tenia glaubte, dass es ihr hier gefallen könnte.


Fußnoten

  • 1. Inmesedisch: »Sind wir nicht?«
  • 2. Siehe hier.
  • 3. Elbisch: »Gut! Dann zeig dein Können!«
  • 4. Elb.: »Erzähl mir von der Liebe und sprich Elbisch!«

#88 RE: Alltagsgeschichten von Teja 03.10.2021 15:44

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Eine schöne Geschichte, aber ich habe so einige Probleme mit deinen Sklaven. Sie sind mir zu gebildet (damit meine ich nicht das Elbisch, sondern den geschichtlichen Abriss gerade am Anfang), zu selbstständig und zu keck. Ich würde erwarten, dass man ihnen solche Eigenschaften austreiben, va wenn sie schon als Kinder versklavt wurden.

#89 RE: Alltagsgeschichten von Elatan 03.10.2021 16:12

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Zitat von Teja im Beitrag #88
Eine schöne Geschichte, aber ich habe so einige Probleme mit deinen Sklaven. Sie sind mir zu gebildet (damit meine ich nicht das Elbisch, sondern den geschichtlichen Abriss gerade am Anfang), zu selbstständig und zu keck. Ich würde erwarten, dass man ihnen solche Eigenschaften austreiben, va wenn sie schon als Kinder versklavt wurden.

Das mit der Bildung kann ich nicht so ganz nachvollziehen, aber vielleicht habe ich hier einiges auch nicht deutlich genug gemacht: Tenia und Nelye sprechen ja von ihren Eltern, die den Krieg und damit die Magierherrschaft noch persönlich erlebt haben und zu jener Zeit auch keine Sklaven waren. Ich habe mich hier bewusst etwas vage gehalten und keine konkrete Zahl genannt, aber das Ende der Rebellion dürfte ca. 17 Jahre zurückliegen. Nelye erzählt Dinge, die sie von ihrem Vater wusste und die auch kein besonderes historisches Fachwissen sind, sondern Allgemeinwissen, das jeder Atamerer, ob nun frei oder Sklave, nicht nur aufschnappt, sondern mit dem er auch immer wieder konfrontiert wird. Ein Sklave weiß, dass er Sklave ist, weil er oder seine Eltern (später dann Großeltern etc.) den Magierfürsten treu ergeben waren – auch die 400 Jahre Herrschaft der Magier oder grobes Wissen über die Elben ist nichts besonderes, da von diesen Sachen immer wieder erzählt wird, so wie man sich im antiken Rom Geschichten über z.B. Romulus und Remus oder im Mittelalter über Begebenheiten aus der Bibel erzählte.

Was das kecke und selbstständige angeht, kann ich dir in diesem Fall schon in gewisser Weise recht geben. Weder Tenia noch Nelye sind wirklich Paradebeispiele, da sie bei ihren vorigen Herren ungewöhnlich gute und angenehme Leben führten – anderen ergeht es hier nicht ansatzweise so gut, wie das Ulga-Beispiel zeigt. Es ist aber zu sagen, dass Sklaven in Atamerés tatsächlich mitunter wesentlich besser behandelt werden als andernorts oder auch in einigen realen Kulturen und Epochen. Viele Atamerer sehen in Sklaven trotzdem immer noch Menschen und vor allem Mit-Atamerer und behandeln sie daher nicht wie Dreck, obwohl sie das durchaus dürften, solange sie die Sklaven nicht gleich umbringen oder „nutzlos“ machen.

#90 RE: Alltagsgeschichten von Nharun 04.10.2021 16:46

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@Elatan Das ist eine schön erzählte Geschichte mit interessanten Einblicken; ich bin schon gespannt auf den Roman!

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