#1 Viele Baustellen, wenige Ergebnisse? von Artifex Nerracis 05.01.2020 15:18

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Aus akuter Betroffenheit und langem "Leiden" mal ein Thema, das mein Weltenbauen schon lange begleitet:

So viele Anfänge, so wenige Enden

Ja, gewissermaßen ist es Teil des Weltenbaus, unvollendet zu sein, immerhin ist eine Welt zu groß für eine endgültige Erschließung und sicherlich ist der Weg bzw. das Beschreiten desselben das Ziel.

Und doch ist da dieser Eindruck, dass es zu viele offene Baustellen gibt, zu viele Ideen, zu viele angefangene Dinge, zu viele Bausteine und die Zahl der vorläufig fertigen Gebäude in keinerlei Verhältnis dazu steht. Das erzeugt Druck und es hindert daran, die Welt in irgendeiner Form zu präsentieren.

Fragerunde:

1) Kennt ihr das? Wenn ja, in welcher Form, in welchem Umfang?
2) Empfindet ihr das als störend? Als Druck? Als Mangel? Ganz anders?
3) Wie geht ihr damit um? Habt ihr Strategien, um Baustellen "fertig" zu bekommen? Habt ihr Ursachen gefunden?
4) Wie ist das bei Autoren bekannter/öffentlicher Welten? Denkt ihr, die machen etwas anders?

#2 RE: Viele Baustellen, wenige Ergebnisse? von Nharun 05.01.2020 15:35

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Ich habe viele Baustellen und bin dankbar dafür, denn sie sind die Möglichkeit an meiner Welt herumzuwerkeln. Was meinen Weltenbau angeht, fahre ich abseits inspirationeller Schübe und Geistesblitze, ganz gut damit, meine großen Baustellen in kleine, überschaubare Etappen einzuteilen. Statt mich also durch die Vollendung der Baustelle "Arbarische Sprache" selbst unter unerfüllbaren Leistungsdruck zu setzen, setze ich mir als Ziel innerhalb eines Hobbynachmittags oder einer Woche oder einem Monat den "Lautwandel von Antike bis zur Moderne" fertig zu haben. Kleinere Ziele zu erreichen ist ein Erfolgsmoment und Motivator. Durch das alternieren solcher Etappenziele aus verschiedenen Baustellen, kann ich auch Abwechslung erzielen, die mich sonst vielleicht dazu verleiten würde andere Bauststellen zu bearbeiten.

Die großen Baustellen bleiben dadurch zwar offen, aber die kleinen Schritte werden fertig und erreichen oft eine präsentable Form, die ich dann hier oder auf der Website einstellen kann. Das Feedback hier im Forum bringt mich dann auch dazu, ein Etappenziel noch etwas weiter auszubauen.

Wenn mich beim Werken an einem Etappenziel ein anderes Thema, eine neue Frage oder ein abschweifendes Detail anspringt, notiere ich es mir für die spätere Bearbeitung.

Im Prinzip ist es eine Abwandlung der von @Elatan öfter vorgeschlagenen Pomodoro-Technik:

  • Konkretes, nicht zu umfangreiches Etappenziel setzen
  • Realistische Deadline setzen
  • Weltenbau
  • Pause und dann eine andere Etappe


Bei den Etappenzielen, hilft es mir oft eine konkrete Frage zu stellen und eine Antwort auf diese zu erarbeiten. Das mit der realistischen Deadline ist schwierig, aber ich kann mich und meine Freizeit oft gut genug einschätzen, um sie einzuhalten; wenn dann Verabredungen, plötzlich verschobene Termine oder so dazwischen kommen, haben die Vorrang und ich ärgere mich auch nicht darüber, dass ich die Deadline nicht eingehalten habe. Wenn ich euch nicht verspreche innerhalb von X dieses und jenes zu basteln und zu präsentieren, enttäusche ich ja auch niemanden.

#3 RE: Viele Baustellen, wenige Ergebnisse? von 05.01.2020 17:17

1) Kennt ihr das? Wenn ja, in welcher Form, in welchem Umfang?
Rein vom Schreiben her habe ich das Problem eher nicht. Bis auf wenige Ausnahmen ziehe ich meine Ideen bzw. Inspiration hauptsächlich aus meinen Träumen raus und die sind netterweise meist klar genug, um das ohne großartiges Hinterfragen zu verwerten. Meine "Strategie" sieht in der Regel so aus, dass ich zuerst einmal ein Grundfundament hochziehe, damit die Idee immerhin schonmal von allein aufrecht stehen kann. Das funktioniert eigentlich recht gut und schnell. Danach lass ich das mehrere Wochen oder sogar ein paar Monate liegen und arbeite an was anderem, bis ich es wieder hervorhole und auf Denkfehler abklopfe. Etwas Zeitabstand zwischen den Dingen kann da Wunder wirken. Erst wenn das Fundament wirklich wasserdicht ist, kommt "Fleisch" dran; sprich: Details.
Eigentlich fahre ich damit ziemlich gut und es schützt mich vor allem davor, dass ich von gewissen Thematiken zu schnell die Nase voll habe. Ich habe nämlich Schwierigkeiten damit, über längere Zeit nur an einem bestimmten Thema zu arbeiten, wodurch es mir dann schnell zum Ekel wird. Deshalb muss ich immer zwischen Dingen hin und her springen, die in sich oft gänzlich unterschiedlich sind. Das klingt etwas chaotisch, interessanterweise kommen da irgendwie aber immer sehr geordnete Systeme heraus.

Ich habe leider sehr viele Dinge, die ich nie sonderlich ausführlich niedergeschrieben habe - und einige von denen sind etwa 17, manche sogar fast 25 Jahre alt. Wenn ich mir aber 'nen Tritt verpasse, geht es meistens.

Das eigentliche Problem, das ich habe, ist eher, dass ich meine Sachen alle illustrieren will. Nun habe ich aber das Problem, dass der Informationsstrang zwischen Augen und Gehirn allem Anschein nach "Schlaglöcher" hat.
Nein, ich werde nicht blind. Ich kann sogar ziemlich gut sehen. Es dauert nur ewig, bis mein Gehirn etwas mit dem Gesehehen macht. Dasselbe Problem habe ich inzwischen mit Farben. Ich sehe sie sehr gut und kann sie wunderbar auseinander halten, aber mein Gehirn macht abseits davon einfach nichts damit. Dadurch wird das ziemlich schwierig, Dinge zu kolorieren, wenn mein Gehirn zwar erkennt, aber irgendwie nicht bearbeiten kann, warum diese und jene Farben nun passen und warum genau dies und jenes nun gut aussieht und anderes nicht.
Verhält sich irgendwie genau wie meine Gesichtsblindheit.

Das ist für Bilder jedenfalls denkbar ungünstig. Und ist auch exakt der eine Grund, warum ich zumindest die letzten Jahre nur wenig bis gar nicht vorankomme.

2) Empfindet ihr das als störend? Als Druck? Als Mangel? Ganz anders?
In Bezug auf die fehlenden Texte: Nicht wirklich. Da ist das eher so eine Art "Boah, ist das viel; kein Bock". Das kann ich aber wie gesagt überwinden. Wie ich aber auch sagte, kann ein über längere Zeit hinweg liegengelassenes Konstrukt auch zu einem runden "Endprodukt" beitragen. Wenn der zeitliche Abstand größer ist, fallen einem viel eher potenzielle Holpersteine auf.

Bei den Zeichnungen: Ja, das ist für mich ein Problem. Ein ziemlich großes sogar. Und da kann ich mir schlecht einen Tritt geben, weil es kein Motivationsproblem ist. Es hat halt einen ganz merkwürdigen Unterton, wenn man etwas tun will, das man früher geliebt hat und dann wird man ständig mit der Nase draufgestoßen, dass man anscheinend an einer Art mentalem "Zerfall" leidet.
Blöd daran ist auch, dass genau dieses Problem auch immer wieder mal dafür sorgt, dass ich mich auch nicht an Texte setzen will, weil ich immer dran denken muss, dass ich die alle mit Bildern versehen will.

3) Wie geht ihr damit um? Habt ihr Strategien, um Baustellen "fertig" zu bekommen? Habt ihr Ursachen gefunden?
Nun... Ich sage es mal so: Man kann Bilder auch in Schwarzweiß "kolorieren". Das hilft mir zwar nicht komplett bei meinem Problem, aber es nimmt zumindest Stolpersteine weg. Und das Zeichnen einer Figur, einer Szene oder sonst irgendwas kann man im Endeffekt auf reine Technik runterbrechen. Die sitzt eigentlich, genau wie das Fahrradfahren. Ich brauche zwar viel länger als es früher mal war, aber dadurch lässt sich die Problematik recht gut überbrücken, denke ich. Ich muss mich nur dran gewöhnen, dass die älteren Zeiten einfach vorbei sind und den "Schrecken" darüber mental auskontern.

Die Zeichnungen einfach weg lassen ist für mich keine Option.

Darüber hinaus widerspricht dieser aktuelle Zustand ohnehin meinem Bauprinzip, erst ein Fundament hochzuziehen und dann erst das Fleisch bzw. die Details dranzukleben. Um nicht zu sagen, ich sollte also erstmal die Texte schreiben und es lassen, mich wegen der Zeichnungen verrückt zu machen. Die Zeichnungen sind nur Detail, nicht das Fundament.

4) Wie ist das bei Autoren bekannter/öffentlicher Welten? Denkt ihr, die machen etwas anders?
Ich denke, das hängt davon ab, welche Art Welt sie denn bauen. Wenn es eine Auftragswelt von irgendwem ist, der vom Autor verlangt, dass er oder sie sich am üblichen Boiler Plate orientieren soll, weil der Markt das am besten annimmt und es somit keine Risiken gibt, dann denke ich nicht, dass sie ein solches Problem haben.

Prinzipiell denke ich aber, dass so ziemlich jeder Autor so einer Art Blockade verfallen kann. Ich könnte mir vorstellen, dass "professionelle" Leute da sehr strukturiert vorgehen, kann mir gleichzeitig aber nur schwer vorstellen, dass das bei denen dauerhaft wie ein perfektes Uhrwerk läuft.

#4 RE: Viele Baustellen, wenige Ergebnisse? von Amanita 05.01.2020 17:18

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1) Kennt ihr das? Wenn ja, in welcher Form, in welchem Umfang?
Ja, schon. Ich denke aber, das ist auch irgendwo normal, denn es gibt ja so viele potenzielle Details an Welten, die man bearbeiten kann. Ganz fertig wird man da glaube ich nie und wenn, wäre es auch doof, weil man dann nichts mehr daran machen kann.

2) Empfindet ihr das als störend? Als Druck? Als Mangel? Ganz anders?
Nein. Wenn ich so mitlese, wie es anderen damit so geht, frage ich mich aber öfter, ob ich das mit dem Weltenbasteln und Schreiben nicht ein bisschen zu locker sehe, aber für mich ist das eigentlich kein Stress. Wenn es das wirklich wäre, würde ich es vermutlich lassen, schließlich krieg ich kein Geld dafür.

3) Wie geht ihr damit um? Habt ihr Strategien, um Baustellen "fertig" zu bekommen? Habt ihr Ursachen gefunden?
Wenn mir eine Baustelle wichtig ist, beschäftige ich mich intensiv damit und bekomme es dann auch zeitnahe "fertig". Wenn nicht, bleibt es erst mal im Hintergrund und wird nur angedeutet.

4) Wie ist das bei Autoren bekannter/öffentlicher Welten? Denkt ihr, die machen etwas anders?
Ja, ich glaube, dass da oft (Leute wie Tolkin sind vielleicht die Ausnahme) gar nicht so viel Wert darauf gelegt wird, dass wirklich alles ausgearbeitet ist. Sonst würde man ja auch nicht in so vielen bekannten Welten auf diverse Logiklücken stoßen. Etwas mehr Mühe würde ich mir da teilweise sogar wünschen, aber wenn man ein Buch schreiben, einen Film drehen oder ein Computerspiel machen will, steht der Weltenbau eben meist nicht im Mittelpunkt.

#5 RE: Viele Baustellen, wenige Ergebnisse? von Efyriel 05.01.2020 17:22

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Eines vorweg: Ich habe keine Baustellen in dem Sinne, da ich eher das Gefühl habe, als würde ich Bioka entdecken und es nicht erst erstellen. ^^

Ansonsten habe ich schon manchmal das Gefühl, dass es da viel zu viel gibt, was interessant wäre und springe dann von einem Thema zum anderen.
Mir macht das meistens nichts aus, da ich so eben Stückchen für Stückchen herausbekomme, manchmal ärgert es mich aber auch, dass ich so viele 'lose Enden' habe.
Um an einem Thema weiter zu kommen, hilft es mir ungemein, wenn jemand etwas dazu wissen möchte und ich dann diese Frage beantwortet haben will, weil ich das vielleicht bis zu diesem Zeitpunkt auch nicht wusste.

Ich glaube nicht, dass bekannte Personen mit eigenen Welten dieses 'Problem' gar nicht kennen.
Vermutlich konzentrieren sie sich eben für dieses eine Vorhaben (z.B. Roman) auf die Umgebung und die Informationen, die sie dafür brauchen.
Dabei kann es natürlich auch zu 'losen Enden' kommen, aber diese sind für das Projekt gerade vielleicht nicht von Bedeutung und können darum später aufgegriffen werden.
Ich schreibe ja gerne die ein oder andere Geschichte und fange einfach mal an eine Idee auszuarbeiten, dann stellen sich dabei nach und nach bestimmte Fragen, die ich dann angehe.
Die Konzentration liegt auf diesem einen Bereich, in der Regel rund um einen Protagonisten, der Rest bleibt dabei eher vage und undeutlich, wie bei einem Bild der Hintergrund.

#6 RE: Viele Baustellen, wenige Ergebnisse? von Riothamus 28.03.2020 03:17

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Ich antworte mal ganz unkreativ auf die Fragen. Vielleicht schreibe ich in anderer Stimmung nochmal ganz anders dazu:

"1) Kennt ihr das? Wenn ja, in welcher Form, in welchem Umfang?"

Ja, ich habe immer einen Haufen loser Enden, aber genau das ermöglicht es auch je nach Stimmung weiterzubasteln. Angesichts der grundsätzlichen Vielzahl meiner Welten ist es auch kaum anders zu erwarten. Und es gibt natürlich Dinge, die schon längst gebastelt sein sollten und die lange liegenbleiben. Das liegt natürlich auch daran, dass ich mich bei einem Hobby treiben lassen kann und (auch) der Weg das Ziel ist.

"2) Empfindet ihr das als störend? Als Druck? Als Mangel? Ganz anders?"

Ja, manchmal ist es bedrückend, wenn ich sehe wie wenig da ist. Doch dafür sind dann auch ganz unterschiedliche Sachen bearbeitet. Schlecht ist, dass so vieles noch in den Rechner muss und wiederum von vielem kein Sicherheitsausdruck existiert. Ich will ja genug, um eine Website zu erstellen, auf der man stöbern kann. Und zwar auch im Rahmen des Browserspiels. Und dafür muss eben einiges, was zusammenhängt 'fertig' sein.

"3) Wie geht ihr damit um? Habt ihr Strategien, um Baustellen "fertig" zu bekommen? Habt ihr Ursachen gefunden?"

Abgesehen vom erwähnten Treibenlassen ist da auch ab und an, die Scheu, etwas festzulegen, was einem später in die Quere kommen kann. Und natürlich brauche ich auch ein System, um Unstimmigkeiten zu vermeiden. Ja, ganz zu verhindern sind die nicht. Aber zumindest will ich sie gering halten. Und da wird dann mitunter zu häufig nachgelesen.

"4) Wie ist das bei Autoren bekannter/öffentlicher Welten? Denkt ihr, die machen etwas anders?"

Nun, nach meinen Erfahrungen, z.B. beim NaNoWriMo, ist es etwas anderes, wenn man professionell und planmäßig herangeht. Dafür gibt es dann Dinge, die sich nur sehr zäh basteln lassen. Ich denke, dass es eine Frage der Herangehensweise ist. Bekanntlich bekam Immanuel Kant nichts zustande, weshalb er seinen berühmten Stundenplan erfand. Dass er sich so sklavisch über Jahrzehnte daran hielt mag skurril sein, aber sein Schaffen war beeindruckend. Wenn es mir besser geht, will ich mal ausprobieren, wie viel man in einem Monat basteln kann. Nur fürchte ich, dass ausgerechnet dann das RL richtig dazwischen haut.

Dann hilft noch eine andere Sache. Ein Romanautor oder der Autor einer Spielewelt hat bestimmte Vorgaben und oft auch einen roten Faden, dem er folgen kann. Wenn ich ein Buch über eine Gruppe Zwerge schreiben sollte, die die Oberfläche erforschen und zuerst gewisse Elemente der Dramaturgie festlege, dann das Handlungsgerüst, weiß ich ja, was ich bebasteln muss. Wenn ich einfach nur eine Welt bebastele, weiß ich es nicht.

Und ein Weltenautor für ein Spielvorhaben, muss nur einen Teil entwerfen, weil eben vieles Oberfläche bleibt. Und da ihm bekannt ist, was im Vordergrund steht, was stetiger Hintergrund sein soll und was zum Auffüllen dienen soll, kann er sein basteln entsprechend ausrichten.

Ein viel größeres Problem sehe ich übrigens darin, dass ich noch so viele andere Interessen neben dem Weltenbasteln habe.

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