#1 [Eruon] Sagen, Märchen und Erzählungen von Elatan 26.01.2020 20:30

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Hier findet ihr Geschichten, die man sich in meiner Welt erzählt. Viel Spaß damit!

Inhaltsverzeichnis

#2 RE: [Eruon] Sagen, Märchen und Erzählungen von Elatan 26.01.2020 20:31

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Der Berggreis


Dereinst lebte ein Bauer nahe der Berge und er war arm, denn er hatte viele Mäuler zu stopfen und das Land, das ihm gehörte, war karg. Morgens stand er auf, bevor der Hahn krähte und abends ging er erst ins Bett, wenn die Hühner bereits schliefen und ihm nur die Sterne und der Mond Licht spendeten. Selten regnete es und so musste er einen tiefen Brunnen graben, um das Wasser aus der Erde zu holen und mühsam zu seinen Feldern und Gärten schleppen.

Als er nun eines Tages versuchte, das Loch für den Brunnen in den harten Boden zu graben, näherte sich eine Wolke; doch die Wolke glitt nicht über ihm hinweg, sondern stürzte nieder auf sein Feld. Da lief der Bauer zu der Wolke, von der Gämsböcke davonstoben und ein fluchender Greis saß auf ihr.

Der Greis war uralt und sein Bart war weiß wie die Wolke, auf der er geritten war und weiß wie das Fell der Gämsböcke, die nun frei umherliefen, da sie sich von ihrem Zaumzeug befreit hatten.

»Hilf mir, und ich werde dich fürstlich entlohnen!«, rief der Greis. »Ich bin ein reicher Herr und nicht geizig, denn viel Gold und Silber, Trank und Speis nenn ich mein Eigen und viele Seelen sind in meinem Palast!«

Und der Bauer zögerte nicht lang und lief los, um die Gämsböcke einzufangen und seine Söhne und Töchter halfen ihm. Und sie brauchten zusammen den ganzen Tag und so kam es, dass die Feldarbeit liegen blieb. Der Bauer aber wusste, dass die Sentarim auf jene, die anderen helfen, hinablächeln und ihre Seelen mit Freuden umarmen und in ihren Hallen aufnehmen wollen, wenn die Zeit denn kommt.

Und als alle Gämsböcke zusammengetrieben und wieder vor die Wolke gespannt waren, sprach der Greis: »Ich sagte dir, ich sei nicht geizig, und ich will dir meine Großzügigkeit beweisen! So komm denn mit in meinen Palast: Ich will, dass du dir die Taschen mit alle dem füllst, was dein Herz begehrt!«

Und der Bauer wollte ablehnen, denn bescheiden war er und sah seinen Dienst als selbstverständlich an, doch der Greis bestand darauf und so stieg der Bauer auf die Wolke und erhob sich bald darauf mit den Gämsböcken und dem Alten in die Höhe. Sie überflogen die Wiesen und Wälder und die Berge, hinter denen die Sonne sich gerade senkte, kamen näher, als der Bauer sah, wie unter ihnen eine Gesellschaft sich versammelt hatte, um einen Verstorbenen zu verbrennen, auf dass seine Seele vom Leib befreit würde und zu den Sentarim aufsteigen könne.

Da griff der Alte hinter sich und holte einen Tontopf hervor. Und als die Seele vom Scheiterhaufen in den Himmel aufstieg, fing der Greis sie lachend in seinem Topf ein und verschloss ihn rasch.

»Ich bin ein reicher Mann, denn ich bin ein kluger Händler!«, rief der Alte und lachte. »Ich fange Seelen und gebe sie dem Teufel, der mich fürstlich entlohnt! Doch sei unbesorgt: Dir will ich nichts zu Leide tun, denn du hast mir geholfen: Daher will ich dich entlohnen und ich bin mir sicher, dass der Teufel dir auch danken wird, wenn deine Zeit gekommen ist!«

Da wurde dem Bauern kalt ums Herz und er war erschrocken darüber, dass er dem garstigen Greis geholfen hatte, doch ließ er sich nichts anmerken und schon bald glitt die Wolke über die Winde durch ein goldenes Tor in den Palast des Alten, der voller Reichtümer war und für einen Moment vergaß der Bauer bei diesem Anblick ihre finsteren Ursprünge, wurde aber sogleich wieder an sie erinnert, als er sah, dass auf Regalen an allen Wänden Hunderte und Aberhunderte Tontöpfe mit Seelen standen.

»Wähle aus, was du deine Geschenke von mir an dich sein sollen!«, sagte der Greis und breitete die Arme aus. »Dir soll gehören, was du tragen kannst!«

Da ergriff der Bauer ein goldenes Szepter und ein silbernes Schwert und er zerschlug unter den wehklagenden Schreien des Alten alle Töpfer und es war, als würden Hunderte und Aberhunderte Sterne befreit werden und in die Nacht hinaus fliehen. Und mit dem Schwert zerschnitt der Bauer das Zaumzeug der Gämsböcke, die daraufhin fortliefen. Und zuletzt schleuderte der Bauer Schwert und Szepter fort und verließ dann mit leeren Händen den Palast, denn er wollte keine Reichtümer nehmen, welche durch solch finstere Tat angehäuft wurden. So schritt er denn im hellen Licht der Sterne vom Berg hinab und hinter ihm wurde das Schimpfen und Greinen des Alten immer leiser.

Und als der Bauer erschöpft Zuhause ankam, ging gerade die Sonne hinter seinem Hof auf und seine Töchter und Söhne kamen glücklich zu ihm gelaufen, denn nachdem ihr Vater aufgebrochen war, waren sie beim Graben des Brunnens auf eine Goldader gestoßen.

Und das Gold machte die Familie des Bauern reich und berühmt und sie halfen den anderen Menschen des Landes, sodass der König auf sie aufmerksam wurde. Des Königs Söhne verliebten sich in die Töchter des Bauern und bald schon feierten sie Hochzeit und schenkten dem Bauern viele Enkelkinder. Und die Söhne des Bauern wurden stolze Grafen und Ritter und herrschten weise und großmütig.

#3 RE: [Eruon] Sagen, Märchen und Erzählungen von DrZalmat 26.01.2020 22:10

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tolle, klassische "das Gute wird immer belohnt" Story.

Ist davon was wahr?

#4 RE: [Eruon] Sagen, Märchen und Erzählungen von Nharun 26.01.2020 22:53

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Mir gefällt das Märchen auch sehr, man könnte es sich auch genauso irgendwo auf der Erde erzählen. Aus welcher Ecke von Euron stammt es denn?

#5 RE: [Eruon] Sagen, Märchen und Erzählungen von Elatan 27.01.2020 11:03

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Vielen Dank für die Lobse!

Zitat von DrZalmat im Beitrag #3
tolle, klassische "das Gute wird immer belohnt" Story.

Ist davon was wahr?

Ein Fünkchen Wahrheit ist vermutlich in den meisten Märchen und Sagen, allerdings ist es wirklich schwierig, hier eine Wahrheit zu finden. Die Gegend, in der die Sage spielt bzw. herstammt, ist tatsächlich nicht besonders gut für die Landwirtschaft geeignet und der alte im Berg geht eventuell auf Geschichten über die Reichtümer der Zwerge des Högrykken zurück ...

Zitat von Nharun im Beitrag #4
Mir gefällt das Märchen auch sehr, man könnte es sich auch genauso irgendwo auf der Erde erzählen. Aus welcher Ecke von Euron stammt es denn?

... womit ich auch Nharuns Frage beantworten kann: Die Geschichte kommt aus dem westlichen Trivien und ist wohl auch schon sehr alt (ich glaube, ich muss demnächst mal eine Karte liefern, auf der die Länder eingezeichnet sind ...)

#6 RE: [Eruon] Sagen, Märchen und Erzählungen von Tskellar 27.01.2020 19:13

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Das Fiese ist, dass ich tatsächlich geglaubt hab der Greis wäre so ein netter. Die Erwähnung des Teufels hat mich genauso geschockt wie vermutlich den Bauern. Verbindet man denn in deiner Welt irgendwie Wolken oder Greise mit dem Teufel? Hätte der Bauer wissen können mit wem er da mitgeht?

#7 RE: [Eruon] Sagen, Märchen und Erzählungen von Elatan 27.01.2020 20:21

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Zitat von Tskellar im Beitrag #6
Verbindet man denn in deiner Welt irgendwie Wolken oder Greise mit dem Teufel? Hätte der Bauer wissen können mit wem er da mitgeht?

Nein, das verbindet man eigentlich nicht direkt miteinander. Es gibt aber sicherlich Leute, die meinen, ab einem gewissen Alter geht das alles nicht mehr mit rechten Dingen zu oder die großen unerklärlichen Reichtum mit irgendwelchen Teufelspakten in Verbindung bringen. Ich hab in meiner anderen Antwort ja schon die Vermutung geäußert, dass der Alte im Berg auf die Zwerge zurückgeht und da kann es auch so sein, dass diese den Menschen nicht so geheuer waren; da sie eben auch unterirdisch leben und in Heiligen Schriften auch erwähnt wird, wie die Diener des Teufels/Cevarins in Höhlen getrieben wurden (siehe Vers 20).

Der Bauer hätte wohl auch nicht direkt wissen können, dass der Alte mit dem Teufel im Bunde war. Ein bisschen seltsam ist es natürlich schon, wenn ein Kerl auf einer Wolke in deinem Garten notlandet, aber heeey, so sind solche Geschichten halt ...

#8 RE: [Eruon] Sagen, Märchen und Erzählungen von Teja 28.01.2020 10:34

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Ich finde das Märchen auch sehr schön erzählt!

#9 RE: [Eruon] Sagen, Märchen und Erzählungen von Elatan 09.06.2020 15:32

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Ean von Nurn


Als Eans Vater im Winter des Jahres 465 in den Wäldern um das Dorf Nurn spurlos verschwand und auch seine Mutter bald darauf nach langer Krankheit starb, war sich der junge Mann sicher, dass die Geister und Hexenwesen der Umgebung daran schuld seien. Schon seit Jahrhunderten galt Nurn als verflucht und immer wieder verschwanden Menschen, siechte das Vieh in den Ställen ohne ersichtlichen Grund dahin und verdarb die Ernte. In kalten Winternächten vernahm man das Lachen der Unholde, doch konnten die Bauern und Fischer ihr Land nicht verlassen, denn es war ihre Heimat und anderenorts wollte man sie nicht, da auch sie als verflucht galten, lebten sie doch in direkter Nachbarschaft zu den Unwesen der Wälder. So lebten die Menschen seit Jahrhunderten und fanden sich mit ihrer Situation ab. Doch Ean verachtete seine Mitmenschen dafür, dass sie ihr Schicksal nicht selbst in die Hand nahmen und gegen die Unholde aufbegehrten, dass sie ihnen gar Geschenke machten, um sie zufrieden zu stellen. Oft ging Ean in die Wälder und suchte nach den Behausungen der Geister. Als er im Frühling nach dem Tode seiner Eltern wieder einmal durch die Wälder streifte, fand er eine alte knorrige Eiche, unter der sich eine Höhle befand, in die er sogleich hinabstieg und dort Gold und Edelsteine fand. Kalt wurde ihm ums Herz, als er die Reichtümer an sich nahm, doch zögerte er nicht lang und stopfte sich die Taschen voll. In der folgenden Nacht heulte der Sturm laut und entwurzelte einige junge Bäume. Ean saß indes in seiner Hütte und betrachtete die uralten Münzen. In der Höhle war noch mehr und er würde es holen.

In der nächsten Woche machte sich Ean mit seinen Schätzen auf in die Stadt, um ihren Wert schätzen zu lassen. Die Dorfbewohner Nurns ahnten schlimmes, als Ean mit edlen Gewändern und einem Pferd ins Dorf zurückkehrte. Sie stellten ihn zur Rede, woher sein Reichtum käme, doch Ean meinte nur grimmig, dass ihm etwas genommen wurde und er dafür etwas anderes bekam. So ging es lange Zeit und Ean ließ sich ein neues Haus bauen, stellte einen Knecht ein, der ihm half, das Gold einzuschmelzen und ließ auch die Dorfbewohner an seinem Reichtum teilhaben. Doch folgte auf eine schwere Dürre im selben Jahr eine furchtbare Hungersnot, der viele Menschen zum Opfer fielen und auch mit Eans Hilfe konnte nicht genug Nahrung von anderen Dörfern gekauft werden. Ean wusste, dass die Geister zornig waren, doch wollte er nun nicht aufgeben und kaufte sich in Londaer einige Sklaven, um mit ihnen noch mehr Schätze aus der Höhle zu holen. Er wusste, dass er die Bauern nicht dazu bringen konnte, ihm zu helfen. Er würde sie viel eher gegen sich aufbringen, wenn er ihnen offenbarte, woher sein Reichtum kam und dass er so die Unholde erzürnt hatte. Die folgenden Jahre waren einerseits von Glück, andererseits von Unheil geprägt. Ein schwerer Sturm zerstörte viele der Hütten, doch wurden sie mit Eans Vermögen durch Steinhäuser ersetzt. Als die Fischer immer weniger fingen und eines Morgens plötzlich abertausende tote, verwesende Fische an den Strand gespült waren, kaufte Ean Rinder und Schweine. So änderte sich das Leben für die Bauern und Fischer in Nurn und es drängte sich ihnen immer mehr der Gedanke auf, dass Ean schuld an den Katastrophen war. Lange hatten sie es ignoriert, da sie den Reichtum schätzten, doch als eine Seuche ausbrach und dutzende Menschen dahinraffte, wollte man Ean endlich zur Rede stellen. Die Situation eskalierte allerdings, als der Mob Eans Anwesen stürmen wollte und einer der Dorfbewohner im Handgemenge von einem Sklaven Eans getötet wurde.

Der Sklave wurde gehängt und das Verhältnis der Nurner zu Ean kühlte sich deutlich ab. Er zog sich für einige Monate nach Londaer, der großen Handelsstadt, zurück und kam mit vielen neuen Diener und Leibwächtern zurück, sodass die Dorfbewohner es nicht noch einmal wagten, sich gegen Ean zu stellen, der sein Geld inzwischen nicht mehr verschenkte, sondern verlieh und verarmten Bauern ihr Land, oder Fischern ihre Boote abkaufte. Schon bald gehörte ihm fast das gesamte Dorf. Er schuf viele Arbeitsplätze und baute einen kleinen Hafen, doch verschwanden oder verunglückten immer mehr Menschen im Wald, sodass schließlich die Holzfäller ihre Arbeit niederlegten. Ean, inzwischen ein Mann mittleren Alters, schaffte es schließlich durch großzügige Spenden, den Fürsten der Nordmark dazu zu bewegen, ihn zum Vogt zu ernennen. Im Jahr 481 wurde Nurn zur Stadt erhoben und Ean ließ die Magier dort siedeln. Im Gegenzug sollten sie ihm bei der Vertreibung der Geister helfen. Ein regelrechter Krieg mit dem unsichtbaren Feind begann, den die Magier schließlich für sich entscheiden konnten, nachdem zuvor die halbe Stadt niederbrannte, fast sämtliches Vieh lebendig verfaulte und das Getreide verdarb. Nach Vertreiben der Unholde und Raub all ihrer Schätze wuchs Nurn zu einer prächtigen Kleinstadt heran. So war Ean schuld an unfassbarem Leid, aber auch Wachstum und Reichtum seines Heimatortes. Ean starb in hohem Alter einsam und von seinen Mitmenschen gemieden im Schlaf. Er wurde eines Morgens tot, mit weitaufgerissenen Augen und einer angstverzerrten Fratze in seinem Bett aufgefunden. Man sagt, es war die späte Rache der Geister, die sich irgendwann Nurn zurückholen werden.

#10 RE: [Eruon] Sagen, Märchen und Erzählungen von Teja 15.06.2020 22:00

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Eine unheimliche Geschichte, die einen wahrhaft denken lässt, dass Nurn verflucht sein muss!

Eine Kritik habe ich jedoch:

Zitat von Elatan im Beitrag #9
als eine Seuche ausbrach und dutzende Menschen dahinraffte

Nach all den apokalyptischen Katastrophen erscheint mir jedoch der Tod einiger Dutzend Menschen etwas antiklimatisch. Ich würde da gar keine Zahl nennen, wenn du verstehst, was ich meine.

#11 RE: [Eruon] Sagen, Märchen und Erzählungen von Elatan 16.06.2020 11:59

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Zitat von Teja im Beitrag #10
Nach all den apokalyptischen Katastrophen erscheint mir jedoch der Tod einiger Dutzend Menschen etwas antiklimatisch. Ich würde da gar keine Zahl nennen, wenn du verstehst, was ich meine.

Naja, zu dem Zeitpunkt war Nurn noch ein kleines Dorf, da sind einige Dutzend schon viel, aber ich weiß schon, was du meinst.

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