#1 [Eruon] Der Gottkönig von Elatan 18.03.2020 21:16

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Den nachfolgenden Text habe ich damals für den Adventskalender des Weltenbastler-Forums geschrieben, weil sich nicht genügend Beiträge fanden und ich mich da natürlich in der Pflicht sah, meinen Teil beizutragen. Da hier aber sicherlich einige sind, welche die Geschichte noch nicht kennen, möchte ich sie euch hier in leicht bearbeiteter Form nochmal präsentieren.

Der Gottkönig

Ein eisiger Wind pfiff durch die Felsspalte, in welcher der kleine Trupp sein dürftiges Nachtlager aufgeschlagen hatte. Selbst durch die dicken Pelze und Umhänge der Krieger fuhren die frostigen Reißzähne des Winters, eines Winters, wie er nur hier oben in den Bergen so harsch sein konnte. Doch trotz der Kälte hatten sie es nicht gewagt, ein Feuer zu machen und die Aufmerksamkeit dessen auf sich zu lenken, was hier lauerte und im vergangenen Herbst das Verderben über die Täler gebracht hatte. Das Jahr hätte nicht schöner sein können; der vergangene Winter war mild gewesen, der Sommer warm und im Herbst war die Aussicht auf eine Ernte, wie sie reicher nie war, groß. Doch bevor sie beginnen konnten, ihre Ernte einzuholen, fiel ein Schatten über das Land. Feuer regnete auf die Bauern hinunter und verbrannte alles Leben. Jene, die ihm entgehen konnten, flohen in die Tunnel und verschlossen die mächtigen Tore hinter sich. Die Kreatur, deren Schatten über das Reich der Zwerge gefallen war, schien alten Sagen zu entspringen, Legenden, die seit Urzeiten von Generation zu Generation weitergereicht wurden. Manch ein alter Krieger versicherte glaubhaft, in seiner Jugend kleinere Vertreter dieser Art mit eigenen Augen gesehen zu haben. Aber keiner von ihnen hatte je ein solches Wesen gesehen, hatte je die Angst verspürt, die nur ein Drache verbreitete.

Fimri saß etwas abseits von den anderen Kriegern, die allesamt schweigend verharrten. Kein Wort wurde gesprochen, obwohl niemand schlief. Sie wollten in der Dämmerung in die Tunnel eindringen, die sich der Drache zur Heimstätte gemacht hatte. Die meisten Zwerge hatten ihre Behausungen in den Bergen westlich des Tales, doch eine Sippe, die schon immer als recht eigensinnig gegolten hatte und nur mit großen Vorbehalten ihre Unabhängigkeit aufgegeben hatte, als der große Gottkönig Mótsognir die Zwerge vereinigt hatte, war in den östlichen Bergen geblieben. Dies war ihnen zum Verhängnis geworden. Der Drache hatte ihr Tor aufgebrochen und war in ihre Tunnel gekrochen, hatte sie ausgeräuchert und ihre Hallen zu seinem Hort gemacht. Fimri erschauerte bei der Vorstellung. Als seine Truppe den Aufstieg am späten Nachmittag gemacht hatte, waren sie an Felsen vorbeigekommen, die teilweise geschmolzen waren. Was brachten Rüstungen gegen Drachenfeuer? Wie sollten Schilde sie schützen?
Während er so nachdachte, sah er, wie eine Gestalt sich aus der Gruppe der Krieger erhob und auf ihn zukam. Als Fimri ihn erkannte, wollte er aufstehen.
»Bleib sitzen«, sagte König Mótsognir, der zweite seines Namens, der alles daran setzte, wie sein Großvater, der große Vereiniger der Sippen, als göttlich angesehen zu werden. Er ließ sich ächzend neben Fimri nieder. Er war nicht mehr der Jüngste, aber das war Fimri auch nicht mehr. Zweieinhalb Jahrhunderte hatten beide Männer bereits hinter sich.

»Eure Heiligkeit …«, begann Fimri, wurde aber sogleich vom König unterbrochen. »Pah! Spar dir das«, sagte Mótsognir harsch. »Wir wissen beide, dass du nicht viel davon hältst.« Er nickte zu den Männern, die in einiger Reichweite saßen. »Von denen tut es auch kaum einer. Nicht einmal mein Sohn Vangri, von dem es mir scheint, er wolle gar kein Prinz sein. Die wenigsten unseres Volkes halten mich für einen Gott, wie es mein Großvater war.«
»Es kommt nicht darauf an, was sie glauben, Herr«, sagte Fimri. »Wenn du ein Gott bist, dann bist du es, ob es nun jemand glaubt, oder nicht. Ein Eichhörnchen ist auch ein Eichhörnchen, wenn alle sagen, es sei ein Falke.«
Der König musterte ihn einen Moment, dann lachte er. Es war kein fröhliches Lachen. Es war verbittert. »Solche Worte aus deinem Mund sind das Problem«, sagte er. »Die meisten sehen dich als einen großen Weisen. Sie denken aber nicht weit genug. Ja, das Eichhörnchen ist kein Falke, so oft man es auch wiederholt. Du bist aber auch kein Gott. Egal, was alle sagen.«
»Mein König, ich …«
»Halt den Mund, Fimri!«, herrschte der König ihn an. »Denkst du, ich weiß nicht, was geredet wird? Sie halten dich für meinen wiedergeborenen Großvater. Weil du deinen ersten Schrei in der Nacht tatest, in der er seinen letzten Atemzug machte. Weil du ein großer Krieger bist und ein Anführer, der seine Männer nicht zu mehr zwingt, als er selbst tun würde. Weil sie dich für weise halten, obwohl deine Weisheit doch nur aus Sprüchen besteht, die genauerem Nachdenken nicht standhalten. Vielleicht tun sie es aber ja doch, und du wolltest mit deiner Eichhörnchenmetapher genau das sagen; dass ich nämlich kein Gott bin, so oft ich es auch wiederhole und wiederholen lasse.«
Fimri wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er schluckte. Der König verachtete ihn. Er hatte es schon geahnt. Die missgünstigen Blicke, wenn er von den Missionen erfolgreich heimkehrte, auf denen er eigentlich sterben sollte, während Mótsognir selbst auf seinem Thron saß und statt sich selbst zu beweisen nur immer neidzerfressener wurde.
»Mein König, ich bin dein treuer Diener«, sagte Fimri schließlich. »Oh ja«, sagte Mótsognir und erhob sich. »Du bist mein treuer Diener und du tust, was ich dir befehle. Darum wirst du mit mir morgen in den Drachenhort gehen. Du wirst die Kreatur ablenken und ich werde sie töten. Man wird in Liedern von dir singen, Fimri. Du wirst als der treue Diener in die Legenden eingehen, der im Drachenfeuer starb, als sein König zum Gott wurde.«

Der Schlaf kam langsam und er brachte düstere Träume mit sich. Fimri hatte noch einmal den Drachen gesehen, wie er die Felder und Obstbäume, den größten Teil er Ernte verbrannte. Er hatte noch einmal die hungernden Kinder in den Stollen gesehen, in die sich das Volk zurückgezogen hatte, welches genau wusste, dass es im Frühjahr nicht hinausgehen und säen konnte. Er hatte die Verzweiflung in den Augen der Greise gesehen, die wussten, dass sie eine Flucht nach Westen, fort aus dem Gebirge, nicht mehr überstehen würden. Er hatte die verzagten Krieger gesehen, die nicht wussten, wie sie gegen einen solchen Feind vorgehen sollten. Und er hatte Mótsognir gesehen, der entschlossen war, den Drachen zu töten und so alle Zweifel an seiner Göttlichkeit ein für alle Mal zu zerschmettern. Und eben jener König schritt nun über die zertrümmerten Überreste des Tores hinweg in den Tunnel, der zu dem Hort des Drachen führte. Seine Männer und sein Sohn, Prinz Vangri, sollten draußen warten, lediglich Fimri begleitete ihn. Der König trug eine Lanze aus schwerem, dunklen Eichenholz mit einer stählernen Spitze, über welche die Magier Tag und Nacht Zauber gewoben hatten, um ihr die Schärfe zu verleihen, selbst die Haut eines Drachen zu durchdringen. Fimri selbst trug nur sein Schwert und seinen Schild. Seinen lächerlichen Eichenschild, der jeden Axthieb und jeden Schwertstreich abwehren konnte, doch im Drachenfeuer nicht mehr Schutz bieten würde als ein welkes Blatt.

Fimri und Mótsognir gingen immer tiefer in den Tunnel und in die Dunkelheit, in die nur fahles Licht durch schmale Fenster fiel. Für die Augen von Zwergen aber reichte dieses Licht und so konnte Fimri sehen, wie der Drache hier gewütet hatte. Getrocknetes Blut konnte er nicht nur am Fußboden erkennen, sondern auch an den Wänden und sogar an der hohen Decke. Der Gang führte geradeaus in die große Halle, die einstige Heimstätte einer ehrwürdigen Zwergensippe, welche jedoch an nur einem Tag vollständig ausgelöscht worden war.
»Du gehst nun voran, Fimri«, befahl der König ihm. »Lenk den Wurm ab. Ich werde einen dieser Seitengänge nehmen, die in die Halle führen. Lenk du ihn ab, sodass ich ihn von hinten erstechen kann.« Fimri zögerte. »Nur zu: Beweise deine Tapferkeit! Vielleicht überlebst du es sogar?«
Fimri erwiderte nichts. Hatte er seine Tapferkeit nicht schon oft genug bewiesen? Er wandte sich vom König ab, zog sein Schwert und machte einige Schritte auf die Halle zu.
»Warte aber noch einen Moment ab, bevor du dich als Leckerbissen präsentierst!«, wies Mótsognir ihn an. »Warte, bis ich dir ein Zeichen gebe. Wir haben uns die Pläne angesehen; ich werde durch den nördlichen Gang kommen. Versteck du dich so lange hinter einer Säule. Sobald du mich siehst, wirst du hervorspringen und die Bestie ablenken!«
Fimri blieb einen Moment stehen, nickte dann aber nur und ging. Der Plan war schlecht. Nicht nur, weil sein Überleben mit ihm so gut wie ausgeschlossen war. Auch stand es nicht gut um das Leben des Königs. Wie sollte er den Drachen so lange ablenken? Für den Drachen war er höchstens ein Appetithäppchen. Er hatte an den Wänden im breiten Gang gesehen, dass sich das Biest regelrecht hindurchgezwängt haben musste. Und selbst wenn er nicht gleich verschlungen werden sollte; wie sollte er den Drachen so lange beschäftigen, dass dieser nicht merkte, wie der König sich von hinten an ihn anschlich? Fimri näherte sich, dicht an die Wand gedrückt, der Halle, um so nicht völlig auf dem Präsentierteller zu sein. Es war recht lächerlich. Das Einzige, was ihm einigen Schutz bot, war ein umgestürzter Karren am Eingangsbereich der Halle, hinter dem er sofort in Deckung ging. Fast wäre er aber stehen geblieben, als er den Drachen erblickte, der zusammengerollt wie eine Katze in der hintersten Ecke der Halle lag. Fimri riss sich von dem Anblick los und kauerte sich hinter dem Wagen zusammen. Der Drache war furchtbar. Fimri war einmal mit einem Spähtrupp in die Höhle eines Bären getappt. Dem Tier fielen zwei seiner Männer zum Opfer und bis zu dem Tag, als der Drache auftauchte, war sich Fimri sicher gewesen, dass es kein furchteinflößenderes Wesen als ihn geben konnte. Oh, wie er sich geirrt hatte! Fimri spähte hinüber zum nördlichen Seiteneingang. Der König war noch nicht da. Dann wagte er einen weiteren Blick zum Drachen, der noch immer regungslos da lag. Er war schrecklich, doch auf eine gewisse Weise auch schön – nein; er war erhaben. Erhabener, als es ein Zwergenkönig, ob nun Gott oder nicht, je sein konnte. Seine Schuppen bildeten einen Panzer aus schimmernder Bronze. Seine Klauen waren von einem weiß wie das Elfenbein, welches Händler aus dem hohen Norden mitbrachten und mit Gold aufwogen. Er war riesig, aber schlank, fast wie eine Schlange, und wie eine Schlange bewegte sich sein Schwanz mit einer Spitze in der Form eines Lindenblattes. Fimri ging rasch wieder in Deckung. War die Kreatur aufgewacht? Konnte sie ihn wittern? Er wagte es nicht, dies in Erfahrung zu bringen. Stattdessen schaute er noch einmal zum nördlichen Korridor, an dem immer noch kein Zeichen des Königs zu sehen war. Fimri schaute sich um und betrachtete die Säule, die ihm am nächsten war. Auch an ihr waren Spuren vom Feuer zu sehen, doch waren sie nicht so schlimm wie an den Felsen draußen. Hinter dem hölzernen Karren hatte er keinen Schutz vor dem Odem des Drachen, hinter der Säule vielleicht schon eher. Fimri schätzte die Entfernung ab. Es waren nur wenige Schritte. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen, dann legte er seinen nutzlosen Schild beiseite, erhob sich aus seiner kauernden Haltung und …
»Tritt hervor, mein Freund. Tritt hervor.«
Die Worte trafen Fimri wie ein Schlag. Seine Eingeweide verkrampften sich, sein Herz setzte einige Schläge aus und er sackte fast zusammen. Er hatte es immer nur für Märchen und Sagen gehalten, dass Drachen tatsächlich sprechen konnten. In ihnen wurden ihre Stimmen oft als tief und grollend beschrieben, sodass selbst die Erde erzitterte, wenn sie das Wort erhoben. Diese Stimme aber war nicht so. Sie war wie das Äußere der Kreatur; furchterregend, aber auch schön. Es war eine tiefe Stimme, in der keinerlei Kälte lag. Eine Stimme, die einem klugen Geschöpf gehörte, keiner reißenden Bestie, die ihn sofort verbrennen oder fressen würde. Konnte man nicht mit dem Drachen verhandeln? Natürlich würde er mit ihm reden können. Die Zwerge könnten ihm anbieten, ihn mit allem zu versorgen, was er begehrte. Im Gegenzug würde er sie in Frieden lassen. Vielleicht würde er sie sogar beschützen?
»Tritt hervor und zeig dich«, sagte der Drache und Fimri hörte, wie seine Schuppen über den steinernen Fußboden kratzten. »Ich weiß, dass du hier bist.«
Fimri war drauf und dran, hervorzutreten, doch etwas hielt ihn davon ab. War es Angst? Natürlich hatte er Angst! Er war starr vor Angst, sodass nicht einmal seine Hände zitterten, so starr vor Angst, dass seine Knöchel weiß hervortraten, als er sein Schwert umklammerte. Aber stärker war trotzdem die Stimme der Vernunft, die ihm sagte, nein, die ihn anschrie, nicht auf den Drachen zu hören. Er hatte gesehen, wie der Drache nicht nur die Felder, sondern auch die Bauern verbrannte. Er hatte das Blut in den Gängen gesehen und wusste, dass nur deshalb keine Leichen dort lagen, weil die Schlange sich an ihnen satt gefressen hatte. Die Stimme war trügerisch, hypnotisierend.
»Kleiner Zwerg«, sprach der Drache weiter, »ich sehe dich. Ich sehe dich, wie du ein Feuer in finsterster Nacht sehen kannst. Ich weiß, dass du dich dort im Gang versteckst.«
Im Gang? Er war nicht im Gang.
»Du kleiner Narr«, säuselte der Drache nun. »Du trägst ein Licht bei dir. Ein strahlendes Licht, das selbst durch Stein dringt.«
Nun hörte Fimri das Klacken von Krallen auf Stein.
»Meiner Rasse ist die Magie Untertan. Wir erkennen sie. Ich weiß, dass deine Waffe verzaubert ist. Ich weiß, dass du beabsichtigst, mich zu töten, kleiner Zwerg. Kann ich es dir verübeln?«
Fimri hörte, wie der Drache seine Flügel ausbreitete. Wollte er hier drinnen fliegen? Unmöglich. Dafür war die Halle viel zu klein. Er streckte sich nur. Fimri dachte kurz über die Worte des Drachen nach, dann wurde ihm bewusst, was sie bedeuteten; der Drache sprach nicht mit ihm, er sprach mit dem König. Er hatte den König entdeckt! Aber bedeutete das auch, dass er ihn selbst noch nicht ausgemacht hatte? Fimri fasste sich ein Herz. Er hatte in vielen Schlachten gekämpft. Er hatte so oft einer Übermacht gegenübergestanden. Sollte er nun hier kauern wie ein verängstigtes Kaninchen? Warten, bis der Drache den König gefressen hatte und danach dann ihn selbst fand und ebenfalls verschlang? Nein. Er würde Schande über sich und seine Sippe bringen. Fimri lugte hervor und sah, wie der Drache seinen Hals bereits in den nördlichen Tunnel streckte. Das gewaltige Monstrum schob sich schwerfällig in das Loch, das viel zu klein für es war. Steine knackten und er hörte nun Schreie und ein Donnern. Der Boden erbebte und Schutt rieselte von der Decke. »Nun sind unsere Bedingungen nahezu gleich, nicht wahr? Du kommst nicht heraus aus dem Loch, aus dem du gekrochen bist, und ich komme nicht so schnell zurück in die Halle, aus der ich kam«, sagte der Drache. »Ein gerechter Kampf. Meinst du nicht?« Gedämpft hörte Fimri den König nun um Gnade flehen.
»Du hast sogar eine Waffe. Ich habe nur das, mit dem ich geboren wurde.« Der Drache weidete sich augenscheinlich an der Angst des Königs. Er hätte ihn ohne Zweifel längst töten können. »FIMRI!«, schrie der König. Einen Augenblick lang herrschte Stille. »Du hast einen Lakaien dabei?« Der Drache regte sich. Fimri sah, dass er versuchte, sich wieder hinaus aus dem Tunnel zu zwängen. Es war nicht leicht für die Echse, aber sie würde es schaffen. Er konnte ihr nicht entkommen. Sie würde ihn genauso finden wie den König und Weglaufen war nicht möglich. In diesem Moment tat Fimri etwas, was entweder vom größten Mut oder von der größten Torheit zeugte: Er lief auf den Drachen, der nun mit dem Schwanz schlug, zu. Er wich ihm aus und war nun direkt neben ihm. Er schlug mit dem Schwert gegen den Schuppenpanzer, was absolut nichts brachte. Fimri hörte, wie der Drache, der sich nun bereits wieder mehrere Handbreit aus dem Tunnel zurückschob, Feuer spie. Kurz bevor dies geschah, vernahm er noch einmal einen Schrei seines Königs, der rasch verstummte. Fimris Herz pochte so stark wie nie zuvor. Es schien, ihm die Brust zu zerreißen. Er stach nun von unten in den Leib des Drachen und tatsächlich drang seine Klinge in ihn ein. Am Bauch war er nicht so gut gepanzert. Fimri bohrte tiefer, riss dann das Schwert heraus und dunkles Blut ergoss sich und spritzte dampfend zu Boden. Der Drache schlug mit seinem Schwanz um sich, doch Fimri war außer Reichweite. Der Zwerg stieß erneut seine Klinge in den Unterleib der Bestie, die ohrenbetäubend aufbrüllte.
»Halte ein!«, rief der Drache aus, als Fimri das Schwert wieder hinausgezogen hatte. »Halte ein und ich mache dich zu einem König deines Volkes!« Die Bestie schob sich weiter aus dem Tunnel heraus, an dessen Decke sich erste Risse zeigten. »Lass mich deine Feinde vernichten! Ich werde dir dienen – keiner wird es wagen, sich dir jemals in den Weg zu stellen!«
Doch der Bann der Worte des Drachen war gebrochen. Fimri wusste, dass es Lügen waren. Der Drache schob sich weiter aus dem Tunnel, und Fimri wusste, dass er ihn noch nicht wirklich schwer verletzt hatte. Sobald der Drache sich aber befreit hätte, wäre jegliche Möglichkeit vertan, ihn noch töten zu können. Das Biest drückte sich weiter heraus. Fimri sah nun die Stelle, an der das Herz des Drachen sein musste. Er betete zu seinen Ahnen, auf dass sie ihm Kraft geben würden, und stach zu. Doch in genau diesem Augenblick riss der Drache sein linkes Vorderbein nach hinten und schlug den Zwerg beiseite. Fimri rollte sich nun unter den Bauch des Drachen. Er wollte erneut zustechen, als er dann beschloss, noch einmal innezuhalten. Der Drache machte einen Satz nach hinten und entblößte dabei seinen schlangenartigen Hals. Dies war der Augenblick, der alles entscheiden sollte – der alles entscheiden musste. Fimri stieß mit einem Schrei zu. Das Brüllen des Drachen wurde zu einem Gurgeln. Heißes Blut troff auf Fimri und ätzte sich in sein Kettenhemd und seinen Umhang. Der Drache richtete sich über ihm auf, rasend vor Schmerz, würgend und röchelnd. Fimri krabbelte wie ein Käfer davon, versuchte, aufzustehen, stürzte, versuchte es erneut und rannte zum Ausgang. Hinter ihm schlug die Bestie wild um sich. Fimri drehte sich um und sah, wie der Drache, der sich nun wand wie eine Schlange im Griff eines Falken, dazu ansetzte, Feuer zu spucken. Allerdings zielte er nicht auf den Zwerg, sondern hob seinen Kopf in einem letzten Kraftakt. Feuer schoss aus seinem Maul, seinen Nüstern und aus der Wunde in seiner Kehle, in der immer noch das Schwert steckte, und mit dem Feuer verließ auch das Leben den Drachen.

Fimri wandte sich von dem Anblick ab und trabte hinaus aus dem Tunnel, hinaus ins Sonnenlicht. Er holte tief Luft und sank auf die Knie. Er hatte nicht nur überlebt, sondern auch den Drachen getötet. Er sank vornüber und stützte sich mit den Händen ab, während Tränen hinunter auf den kargen Felsboden fielen. Es waren Tränen der Erleichterung, aber auch der Trauer. Nicht nur für all die Zwerge, die dem Drachen zum Opfer gefallen waren, sondern auch für den toten König, der ihn gehasst hatte.
»Fimri?«
Fimri blickte auf und wischte sich die Tränen aus den Augen. Vor ihm stand Vangri, der Sohn des gefallenen Königs. Nach und nach kamen weitere Krieger hinter den Felsen hervor. »Vangri, dein Vater, er ist …« »Tot«, beendete Vangri den Satz flüsternd. »Und der Drache?«
»Ich habe ihn …«, begann Fimri, brach dann aber den Satz ab, der ihn selbst so unglaublich erschien. »Auch er ist tot.«
Fimri musterte das Gesicht des Prinzen. Für einen Augenblick erwartete er, dass Vangri ihm vorwerfen würde, seinen Vater, den König, sterbengelassen zu haben, doch der Prinz schaute ihn nur aus traurigen Augen an und reichte ihm dann die Hand. Fimri ergriff sie und Vangri zog ihn hoch. Der Prinz legte seine Hände auf Fimris Schultern und schaute ihm ihn die Augen, als er zu seinen Männern sprach. »Heute ging unser König in diese Halle, um einen Drachen zu erschlagen.« Der Prinz machte eine kurze Pause, dann rief er laut, dass es von den Felswänden widerschallte: »Vom Erfolg gekrönt verließ sie unser Gottkönig!«
Die Männer schienen einen Moment verwirrt, dann begannen sie, zu jubeln. »Ein jeder wusste es, Mótsognir«, sagte Vangri nun zu ihm und es fühlte sich für Fimri seltsam an, mit dem Namen angesprochen zu werden, den auch der König getragen hatte, welcher kurz zuvor auf so grausame Art getötet worden war, der Name, den dieser König zu Ehren seines vergötterten Großvaters bekommen hatte, und in dessen Schatten er immer gestanden hatte. In Vangris Augen funkelten nun ebenfalls Tränen. »Frag die Alten; du bist das Abbild meines Großvaters – im Äußerlichen, mehr noch aber im Inneren. Niemand kann es verleugnen.« Dann kniete Vangri vor ihm nieder, und zu Fimris Unbehagen taten es ihm die anderen gleich. »Lang lebe unser wiedergeborener Gottkönig!«, rief Vangri und die Krieger stimmten in seinen Ruf ein. »Lang lebe Mótsognir Djorkungr!«

#2 RE: [Eruon] Der Gottkönig von Tskellar 20.03.2020 11:18

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Das hat mir gefallen und was bedeutet "Djorkungr", bzw. was meint der Titel "Mótsognir" genau?

#3 RE: [Eruon] Der Gottkönig von Elatan 20.03.2020 11:50

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Zitat von Tskellar im Beitrag #2
Das hat mir gefallen -

Das freut mich!

Zitat von Tskellar im Beitrag #2
und was bedeutet "Djorkungr", bzw. was meint der Titel "Mótsognir" genau?

Djorkungr heißt Gottkönig und Mótsognir ist kein Titel, sondern ein Eigenname, der mit "der Müde, der Kraftlose" übersetzt werden könnte. Es ist nämlich bei einigen meiner Zwerge Tradition, dem Kind einen Namen mit negativer Bedeutung zu geben in der Hoffnung, dass so die Geister/das Schicksal ausgetrickst wird und sich denkt, dass der jeweilige Zwerg schon Pech genug hätte und er daher nicht noch weiter gestraft werden muss. Mótsognir wird mit dem Ende dieser Geschichte der Name, den jeder Gottkönig in Zukunft trägt, also ist es nun auch nicht völlig falsch, darin einen Titel zu sehen. Das geht wiederum auf den Glauben der Zwerge zurück, dass manch ein Held unter ihnen wiedergeboren wird: Wenn du also einen Sohn hast und dieser ähnelt sehr stark dem vor seiner Geburt verstorbenen und hochangesehenen Großvater charakterlich und äußerlich, dann kann es sein, dass dieser Sohn seinen eigenen Namen ablegt und den des Großvaters annimmt und dann quasi die Position einnimmt: Du würdest ihn dann ggf. auch "Vater" nennen. Das ganze ist aber nicht auf Familien beschränkt, kommt dort nur häufiger vor. Ebenso gut ist es möglich, dass in dem Kind eines einfachen Bauern plötzlich der verstorbene Fürst erkannt wird. Und genauso verhält es sich nach dem Tod Fimris, der hier zum Gottkönig und Mótsognir wird: Die Zwerge suchen ab diesem Zeitpunkt ganz gezielt Kinder, die potentiell Reinkarnationen des Königs sind. Das kann man sich ein wenig mit der Suche nach dem neuen Dalai Lama in unserer Welt vorstellen.

Noch als kleine Anmerkung: Mótsognir stammt, wie die meisten meiner Zwergennamen, aus der Dvergatal. Ursprünglich einfach nur deshalb, weil ich ein wenig tolkiengeschädigt bin und ich sie sehr gut finde. Später habe ich mir dann eben diese Gedanken, die ich oben schilderte, dazu gemacht.

#4 RE: [Eruon] Der Gottkönig von Teja 19.04.2020 15:10

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Ich mochte die Geschichte schon beim ersten Mal Lesen. Die Namensgebungstraditionen sind ein schöner Einblick in diese Kultur. Sind denn die Bauern hier auch Zwerge?

#5 RE: [Eruon] Der Gottkönig von Elatan 19.04.2020 15:12

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Zitat von Teja im Beitrag #4
Ich mochte die Geschichte schon beim ersten Mal Lesen. Die Namensgebungstraditionen sind ein schöner Einblick in diese Kultur. Sind denn die Bauern hier auch Zwerge?

Danke sehr, das freut mich! Ja, die Bauern sind auch Zwerge.

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