#1 Was ist ein Dorf? von Riothamus 22.03.2020 15:39

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3 bis 5 Höfe sind ein Weiler, mehr ein Dorf und ab 2.000 Einwohnern hat die Internationale Statiskkonferenz von Anno Tuk beschlossen, ist es eine Stadt?

Nun, so einfach kann es sich der Weltenbastler nicht machen. Woraus besteht ein Dorf?

Sicherlich sind da die Gebäude und Flächen des Ortes zu nennen. Hinzu kommt die Infrastruktur und schließlich auch die Organisation. Jenseits der Familie bedarf ein friedliches Zusammenleben schließlich bestimmter Regeln. Und meist sind Dörfer in größere Zusammenhänge eingebunden.

Ein Ort und damit ein Dorf kann unter verschiedenen Aspekten betrachtet werden. Bevölkerungszahl. Topographie. Recht. Wirtschaft. Religion. Kultur. Militär. Die Liste könnte fortgesetzt werden.

Dieser Thread soll den Foren-Mitglidern dazu dienen, verschiedene Konzepte vorstellen und diskutieren zu können.

Den Anfang werde ich mit Beschreibungen aus der Geschichte Westfalens machen, aber der Thread soll allen offen stehen, damit es nicht zu unübersichtlich wird.

#2 RE: Was ist ein Dorf? von Riothamus 22.03.2020 19:31

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Die mittelalterlichen Dörfer gehen nicht, wie man früher dachte, auf eine uralte germanische Rechtstradition zurück, sondern entwickelten sich seit dem Frühmittelalter. Auch wenn ich mitunter hierauf eingehe, will ich doch auf entwickeltere Dörfer eingehe. Wichtig ist, dass die Dörfer nicht aus einer einheitlichen Besiedlung entstanden sind. Dörfer können sich aus großen Gutshöfen der Oberschicht entwickelt haben, doch gab es auch Ansiedlungen freier Bauern und auch Mischformen sind vorstellbar. Auch war das Westfalen des Frühmittelalters kein ethnisch gleichförmiges Gebiet. Neben den Problemen um die Ethnogenese der Sachsen -wahrscheinlich bis zu den Sachsenkriegen Karls des Großen bestand der Zusammenschluss der Sachsen aus verschiedenen Gruppen- sind Ansiedlungen von Franken überliefert, vgl. hier. (Bergmann ist Spezialist für Wüstungen und Besiedlung.) Hinzu kamen Gruppen in der 'Völkerwanderung' zurückgebliebener Sueben, die noch im Sachsenspiegel wegen ihres anderen Rechts erwähnt werden. Dort wird auch der Adel noch danach eingeteilt, ob er nach fränkischem oder sächsischem Recht lebte. (Damals wurde jemand nicht danach gerichtet, wo er eine Tat verübte, sondern danach, nach welchem Recht er lebte.) (Die Sueben sollen "wegen des Hass der Frauen" ihr eigenes Recht behalten haben. Es darf gerätselt werden, worauf das zurückgeht. Vielleicht ist es eine Anregung zum Basteln.)

Und, wie schon angedeutet, wird sowohl die geschlossene Ortschaft, als auch die Feldflur betrachtet. Aber fangen wir mit der Gerichtsbarkeit an:

Zunächst kann ein Dorf ein besonderer Rechtsbezirk sein. In mancherlei Hinsicht wurde zwischen dem Gebiet zwischen oder binnen den Zäunen des Dorfes und der Feldflur unterschieden.

Die Höfe waren normalerweise mit Zäunen abgegrenzt und zur Feldflur hin lag bei einem Hof zumindest eine kleine Weide, die ebenfalls durch einen Zaun oder eine kleine Wallhecke abgegrenzt war. Das Gebiet des eigentlichen Dorfes konnte also von der Feldflur unterschieden werden. Bei der Siedlung in Einzelhöfen war dies natürlich komplizierter, aber auch hier galt für die Höfe und bestimmte Angelegenheiten ein anderes Recht.

Im Gebiet außerhalb der Dörfer gab es weitere Unterschiede. Auch Gutsbezirke mit eigener Rechtsprechung gab es, aber auch Städte und Klöster waren meist aus dem Rechtsbezirk ausgenommen. Was übrig blieb unterlag der Rechtsprechung des Gogerichts, dass ursprünglich für einen Go zuständig war.

Daneben gab es Freigerichte, die vereinfacht gesagt für bestimmte Fälle und die Angelegenheiten der Freien zuständig waren, um hier angesichts des alten Forschungsstreits nicht zu sehr in die Tiefe zu gehen. Urprünglich waren die Freigerichte für die Blutsgerichtsbarkeit zuständigen, was später wie auch andere Aspekte des Landrechts die Gogerichte an sich zogen. Ursprünglich durften sie Blutgerichtsbarkeit nur verfolgen, wenn der Täter in flagranti ertappt und sofort vor das Gericht gebracht oder er von einem Aufgebot des Goes gestellt wurde und direkt vor den Gorichter gebracht wurde. Drei Gorichter, konnten im Notfall einen Freigrafen ersetzen und der Freigraf konnte -zumindest nach dem Sachsenspiegel- das Gericht jederzeit vom Gografen übernehmen. (Graf=Richter) Dorf- und Stadtrichter (nicht zu verwechseln mit den Burrichtern, auch wenn die Ämter in vielen Orten zusammenfielen) durften nur Strafen bis zu einer bestimmten Höhe aussprechen, sonst waren Go- oder Freigericht zuständig. Daneben gab es noch die geistlichen Gerichten. In katholischen Gegenden waren das die Sendgerichte, die nicht nur religiöse Vergehen ahndeten, sondern vielfach mit den anderen Gerichten konkurrierten. Sendgerichte waren für mehrere Pfarreien zuständig, Freigerichte der einen Meinung und dem Sachsenspiegel nach für mehrere Goe, der zweiten nach für einen bestimmten Personenkreis und der dritten nach für verschiedene Güter und deren Besitzer. Die westfälischen Femegerichte waren nichts anderes als die Freigerichte, die je nach Art des Prozesses öffentlich oder heimlich tagen konnten. Tagten sie heimlich, wurden sie Femegerichte genannt. Freigericht und Femegericht sind also keine verschiedenen Gerichte, sondern verschiedene Bezeichnungen für dasselbe Gericht je nach dem Zusammenhang. (Femegerichte kannten, wenn kein Vergleich gefunden wurde, nur ein Urteil: den Tod durch den Strang, der sofort vollstreckt wurde. Bei anderen Gerichten wurde nach biblischem Vorbild das Urteil am nächsten Morgen vollstreckt.) Aber ich will bei der mittleren bis hohen Gerichtsbarkeit nicht ins Detail gehen, auch wenn es für Weltenbastler sicher lohnend wäre. Es geht hier ja um Dörfer. Für Dörfer ist hier interessant, dass die Gerichte ursprünglich unter freiem Himmel an bestimmten Orten tagten. Bei den Gogerichten war es in der Regel der Versammlungsort des Gos. Gerichtstage wurden -auch bei andern Gerichten- Thing, hochdeutsch Ding genannt. Bei Freigerichten gab es in der Regel auch so einen Ort, duch gab es neben der eigentlichen Versammlungsstätte des Gerichts noch weitere Freistühle. Freigerichte konnten zerfallen, indem die Freistühle aufgeteilt wurden. Und auch für die Sendgerichte gab es bestimmte Tagungsorte. Diese Tagungsorte lagen oft bei Kirchen, an Dorfausgängen oder bei Stadttoren (nach einer biblischen Vorschrift), aber auch an oft willkürlich scheinenden Stellen, wo einstige Ortschaften untergegangen sind. Auch Gerichtsstätten am Rand des Gerichtsbezirks kommen vor. Die Beobachtung ist -zumindest nach dem Strukturalismus in der Ethnologie- simpel zu erklären. Dort konnten Verhandlungen stattfinden, die auch den benachbarten Gerichtsbezirk betreffen. Solche Orte konnten sich also auch in einem Dorf, an seinem Rand oder in seiner Feldflur befinden. Die Bezeichnung Freistuhl kommt nicht von ungefähr: der Freigraf und die Schöffen saßen auf Stühlen, die oft aus Stein an Ort und Stelle blieben, heute aber in der Regel verschwunden sind. Dazu gehörte auch ein Tisch, auf dem Schwert, Rute und Seil lagen. Hierüber mussten Richter und Schöffen den berühmten, heute vergessenen heimlichen Eid schwören. Gerichtsorte wurden auch durch Bäume gekennzeichnet. Wer genau gelesen hat, weiß warum. In Westfalen waren es meist Linden. Zu den meisten Gerichtsorten gehörten Richtplätze. Mitunter künstliche Hügel, auf denen ein Galgen errichtet werden konnte. Aber auch Straßenkreuzungen galten als mögliche Richtstätten. Da Verurteilt nicht auf den Kirchhöfen bestattet werden durften wurden sie an Straßenkreuzungen vergraben. Daher galten dies Orte als unheimlich und als von Geistern heimgesucht. Zum Schutz wurden dort Kreuze, Bildstöcke oder Heiligenhäuschen errichten. Da dort niemand ackern wollte, entstanden an diesen Orten mitunter kleine Wäldchen. Flurbezeichnungen wie "Heilige Eichen" gehen darauf zurück. In früheren Zeiten wurden solche Flurnamen oft als Hinweise auf die Heiligen Haine der Germanen, von denen Tacitus berichtet, verstanden.

Diese Gerichte waren noch in anderer Hinsicht für die Dörfer bedeutsam. Die Richter mussten versorgt, die Verhandlungen finanziert werden. Und die Schöffen mussten Freie sein. Zwar gehörten auch die Geldstrafen zu den Einkünften des Gerichts, aber auch verschiedene Höfe konnten Eigentum des Gerichts sein. Und es musste zumindest genug freie Hofstellen geben, um genug Freischöffen zu haben. Als in der frühen Neuzeit die Freiheit der Bauern immer weiter eingeschränkt wurde, blieben manchmal sogar hierfür zu wenig freie Höfe übrig, so dass die Schöffen aus nahegelegenen Städten oder von außerhalb kamen. Auch diese Dinge beeinflussten natürlich die Dörfer. Bei den Gogerichten sah es anders aus: Der Umstand, also die besitzenden männlichen Einwohner des Goes, entschied über die Urteile. Der Richter wurde ursprünglich gewählt, da es ja das Gericht der Einwohner des Goes war. Allerdings hatte dabei der größte Grundbesitzer mehr zu sagen, als die anderen. Mit der Zeit betrachteten diese Grundbesitzer die Gogerichte als ihr Eigentum und setzten die Richter regelrecht ein. Daher entwickelte sich in den meisten Gegenden Deutschlands die Gogerichte zu Landgerichten: Hier konnten die Landesherren am einfachsten Einfluss entfalten. Amtsgerichte entstanden als Begriff und teils auch in der Realität, vereinfacht gesagt dadurch, dass verschiedene Güter und Rechte in einem sog. Amt verwaltet wurden und dabei die Gerichtsrechte zusammengefasst wurden. Im Grunde gehören diese aber zum Thema Landgericht. (Sendgerichte wurden von Geistlichen abgehalten.) (Bei den Gerichtstagen wurde natürlich auch besprochen, was es sonst zu besprechen gab und es entwickelten sich regelrechte Feste. Dies Wort war ursprünglich ein Begriff für den Gerichtsbezirk und entwickelte sich zum Begriff für eine Feier. Wenn in einem Ort das Gogericht seinen Sitz hatte, war es also ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.)

Aber bevor wir uns innerhalb der Zäune des Dorfes nach Gerichtsbarkeit umschauen können, müssen wir noch mit der Feldflur beschäftigen. Und auch mit den Gebieten, die nicht zur Feldflur eines Ortes gehörten, sondern die mit anderen Orten zusammen genutzt wurden. Denn es gab noch weitere Gerichte in der Feldflur eines Dorfes und drumherum. Und diese gehören dann nicht nur indirekt zum Thema Dorf. Doch, da der Post schon recht lang ist, Weiteres im nächsten. (Auch zu anderen Themen werden wir über die Grenzen des Dorfs hinausschauen müssen.)

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