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#1 Drittes Spontanspeedbasteln am 8. April 2020: Demonstrationen von Elatan 08.04.2020 17:59

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Morgen ist zwar Speedbasteln, aber das hindert uns nicht am Spontanspeedbasteln! Die Zeit ist die wie immer: 20:00 Uhr im Chat, 20:30 Uhr dann das Thema!

#2 RE: Zweites Spontanspeedbasteln am 8. April 2020 von Nharun 08.04.2020 20:30

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Das Problem mit den Demonstrationen ist, daß die Demonstranten ständig mit den Steinen werfen, anstatt sie in den Weg zu legen! (Christoph Mittler)

In diesem Sinne lasst euch beim heutigen Thema, Demonstrationen, weder Steine in den Weg legen, noch von welchen treffen! Bastelt los!

#3 RE: Zweites Spontanspeedbasteln am 8. April 2020 von Nharun 08.04.2020 21:05

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Demonstrationen

Die Länder des Nordens haben durch ihre Kultur und Geschichte keine demokratische Tradition, dennoch sind die demokatrischen Südländer immer wieder überrascht, wie häufig es in den arbischen oder chyrischen Ländern zu Demonstrationen kommt – denn eine Demonstrationskultur gibt es dort dennoch.

Demonstrationen heißen dort „Gering“ (Sg. „Garing“) bzw. ins chyrische entlehnt „Karynges“. Eine Bezeichnung, die im arbischen Kulturraum für Versammlungen jedweder Art verwendet wird. Obgleich die aristokratischen Herrschaften der Arben demokratischen Umtrieben stets feindlich gesinnt waren, konnten sie die alte Tradition des Versammlungsrechts nie antasten und über die Geschichte hinweg machten ihre Untertanen davon Gebrauch. So wird das Garing als Ausdrucks des Volkswillens von manchen Herrschern sogar geschätzt, die in den dadurch vorgebrachten Forderungen ihrer Untertanen häufig die „Realität“ wahrnehmen, die ihnen von den adligen Beratern vorenthalten wird.

In Krisenzeiten wurden Gering sogar von arbischen Königen „bestellt“, bspw. um die Zustimmung für Steuern einzuholen oder sogar über Krieg und Frieden zu entscheiden; die Befürworter und Gegner solcher Entscheidungen sollten sich jeweils an unterschiedlichen Tagen versammeln.

Von den Arben aus verbreitete sich diese Praxis ins Chirische, wo die Karynges in der Neuzeit sogar zu einer ständigen Versammlung wurden, in die verschiedene Stände der Gesellschaft Abgesandte entsandten.

Hier wie dort waren die Gering bzw. Karynges die Basis auf der im Revolutionszeitalter Parteien entstehen konnten; doch obwohl sie als Ausdrucks des Volkswillens durchaus beachtet werden, besitzen und besaßen sie nie direkte Macht: Sie wurden als Ratschlag angesehen, die der Herrscher annehmen konnte – oder auch nicht.

Die arbischen Gering unterliegen traditionell jedoch Regeln, zu deren wichtigster die strikte Gewaltlosigkeit gehört. Die Teilnehmer eines Garings tragen keine Waffen und dort, wo alte Traditionen noch gewahrt werden, legen sie sich ein buntes Band um die Handgelenke, als seien sie gefesselt. Da Gewalt durch die Teilnehmer eines Garings schnell als „Omstoring“ („Aufstand“) verstanden werden kann, sind die Geringer meist darum bemüht, ungezügeltere Teilnehmer selbst zu beschwichtigen. Formen des zivilen Protests, wie das „Bilosing“ („Besetzen“), sind zwar traditionell nicht verboten, werden aber bisweilen als Omstoring gewertet – sie sind eine Grauzone und ihre Bewertung hängt oft von den Umständen ab.

Eine besondere Form der Demonstration ist das „Ganking“ („Aufhängen“), das von der Wirkung her den südländisch-demokratischen Demonstrationen am nächsten kommt, jedoch sehr passiv ist. Beim Ganking hängen die Arben eine Fahne, einen Wimpel oder im einfachsten Fall ein farbiges Tuch aus ihren Fenstern und Türen oder tragen ein solches an sich, um ihre Zustimmung mit einer Idee oder Forderung zum Ausdruck zu bringen, die mit dieser Farbe verbunden ist. Das Ganking ist zwar nicht Verboten, wird von herrschaftsseiten aber durchaus als Ungehorsam und Aufwiegelung betrachtet. Oft kommt es zu „Umdeutungskriegen“ im Verlauf eines Gankings, weil die Gegenseite versucht ihre Ansicht mit der Farbe zu verknüpfen, was bisweilen zu chaotischen Zuständen führen kann. Die sogenannte „Regenbogen-Demonstration“ des Jahres 1964 war so ein Fall. Was als Ganking gegen Massenverderbniswaffen mit blauen Tüchern begann, führte in Folge zahlreicher Umdeutungen und Splittergruppen dazu, dass in Arkeng über Tage Tücher, Fahnen und Wimpel in allen möglichen Farben aus den Fenstern hingen und schließlich niemand mehr so genau wusste, welche Farbe nun welche Einstellung vertrat.

#4 RE: Zweites Spontanspeedbasteln am 8. April 2020 von Elatan 08.04.2020 21:18

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Der Beginn der Magierherrschaft

Menros fühlte sich wieder wie im Krieg, als er in dem Hinterhof eines schäbigen Gebäudes im Armenviertel von Egemenoi mit einigen anderen Männern und Frauen hockte. Er hatte genug vom Krieg in seinem Leben gesehen. Und der letzte war der furchtbarste, denn in ihm hatten Brüder gegeneinandergekämpft und das zerstört, was ihre Väter aufgebaut hatten. Essiaros hatte die atamerischen Staaten zu einem einzigen Reich zusammengefügt und ein goldenes Zeitalter eingeläutet, doch hatte er den Magiern zu viel Macht gegeben. Sie hatten sich gegen ihn gewandt und gestürzt und viel zu viele Menschen hatten sich auf ihre Seite gestellt, nur um mit der Zeit herauszufinden, dass dies ein Fehler gewesen war. Nicht lange nach der Verbannung des Kaisers und seiner Getreuen hatten die Menschen bereut, was sie getan hatten und darum gebetet, dass er zurückkommen möge, um sie von dem Joch zu befreien, das sie sich selbst auferlegt hatten.

Die Magier, die unter Essiaros noch für eine Verbesserung des Lebens gesorgt hatten, sorgten sich nur noch um sich selbst und beuteten das Volk aus. Gerade hier in Egemenoi war es nur allzu deutlich, hatte der Magierfürst doch gerade damit begonnen, einen absurd hohen Turm zu bauen, von dem ein jeder Baumeister gesagt hätte, dass er niemals stehen würde. Der Wille des Magierfürsten machte es dennoch möglich und er war es, der auch die Menschen dazu zwang, alles andere für den Bau zu vernachlässigen.

Das, was das Fass nun aber zum Überlaufen gebracht hatte, war, dass der alte Alantos hingerichtet wurde, nachdem er von dem gesprochen hatte, was er an der Küste im Westen gesehen hatte, woher er vor einigen Tagen gekommen war, um die Leute, wie er es gesagt hatte, wachzurütteln. Die Magier hatten gesagt, dass sie den Kaiser und seine Getreuen auf Schiffe steigen und nach Westen segeln ließen, wo sie irgendwo ein unbekanntes, neues Land finden und dort leben sollten. Der Greis hatte aber erzählt, dass er gesehen hatte, wie die Getreuen mit ihrem Kaiser gezwungen wurden, in eine Höhle hinabzusteigen, die dann von den Magierfürsten versiegelt worden war. Alantos wollte, dass die Menschen zu jener Höhle gingen, um den Kaiser zu befreien, doch wenn diese Geschichte wirklich wahr war, dann dürfte es nun längst zu spät sein, um noch irgendjemanden zu retten.

Sie alle wussten, dass der Alte nur Unsinn erzählte, doch die Reaktion des Fürsten von Egemenoi war brutal und unnötig gewesen. Also hatten sich die Menschen die Arbeit niedergelegt und sich vor seinem Turm versammelt, um ihn dazu zu zwingen, seine Herrschaft abzugeben.

Die Menschen hatten keine Gewalt mehr gewollt, doch die Söldner des Magierfürsten und die ihm immer noch treuen Soldaten hatten genauso wenig Skrupel gekannt wie ihr Herr. Schließlich waren einige Beschimpfungen und auch Steine geflogen, woraufhin die Lakaien ihre Waffen gezogen und ein Blutbad angerichtet hatten.

Menros hatte fliehen können. Zunächst. Er hörte noch überall in der Stadt Kampfgeräusche und er wusste, dass es kein Entkommen gab, wenn sie ihn und die anderen hier finden würden. Friedlich zu demonstrieren war ein Fehler gewesen. Menros hätte diesen verdammten Magier niederstechen sollen, als er die Gelegenheit dazu gehabt hatte, als er noch für ihn gegen den Kaiser, gegen seinen wahren Herrn, gekämpft hatte. Nun war es zu spät.

#5 RE: Zweites Spontanspeedbasteln am 8. April 2020 von Riothamus 08.04.2020 21:28

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Die letzte Demonstration von Ikasagan

"Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sie hier auf Ikasagan zu begrüßen, um ihnen hier eine neue Energiequelle zu demonstrieren. Diese Energie wird Kirra zu neuen Höhen führen. Nicht nur wird sie uns Dinge ermöglichen, die bisher als unmöglich galten, sie wird uns auch eine Waffe geben, die die Feinde Kirras vor und erzitten lässt und uns unsere uns zustehende Stellung in der Welt zurückgeben wird.

Und all' dies geht von dieser berühmten Insel aus, auf der einst auch der Handel mit Mittelstedt begann, der für uns schon zum wirtschaftlichen Wendepunkt wurde. Ebenso berühmt wie diese Insel wird nun auch unsere Alma Mater, sobald sie, Herzog Revax den Knopf betätigen werden. Sie werden nicht allzuviel vom eigentlichen Experiment sehen, da wir aus Sicherheitsgründen die Spaltung innerhalb einer metallischen Schutzhülle stattfinden lassen. Sie werden aber bemerken, dass wir die gesamte Insel hell erleuchten werden, was allein schon einen spektakulären Anblick sein wird.

Ich darf sie nunmehr bitten, den Schalter umzulegen, der den Prozess startet, euer Hoheit."

#6 RE: Zweites Spontanspeedbasteln am 8. April 2020 von Nharun 08.04.2020 21:49

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Macht hier keiner zu? Dann muss ich das spontan übernehmen: Aus! Schluss! Vorbei! Jetzt wird nachgereicht!

...

und gelobst:
@Elatan Das ist ein interessanter Einblick! Ein tolles Schlaglicht auf einen Zeitpunkt am Scheideweg zwischen zwei Epochen.
@Riothamus Ein toller kleiner Artikel, mir gefällt die Spannung zwischen dem Titel und dem positiv-optimistischen Inhalt des Textes, der so die Tragik erst richtig wirken lässt!

#7 RE: Zweites Spontanspeedbasteln am 8. April 2020 von Elatan 08.04.2020 22:00

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@Nharun: Wieder mal ein sehr interessanter Einblick in deine Welt über die Zeiten hinaus! Mir gefällt es immer wieder, dass insbesondere das Arbische recht vertraut wirkt und dennoch nicht einfach eine leicht abgewandelte Kopie einer irdischen Sprache ist.
@Riothamus: Ach herrje, da ging aber wohl was gewaltig schief ... Wie schlimm waren denn die Auswirkungen dieses Schalterumlegens und wie reagierte man von außerhalb, z.B. Mittelstedt, darauf?

#8 RE: Zweites Spontanspeedbasteln am 8. April 2020 von Amanita 08.04.2020 22:20

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Ich muss heute nachreichen, weil ich mit den Massenvernichtungswaffen so lange gebraucht habe. Allgemeines zu Demonstrationen in Silaris gab es schon einmal beim Tagesbasteln, deswegen eine kurze Geschichte zu aktuellen Entwicklungen in diesem Bereich.

Ein unruhiger Jahrestag


Nebelschwaden krochen zwischen den Gräberreihen entlang. Neblig war es in Alijan im Herbst fast immer. Trotzdem ertappte Brajana sich dabei, wie sie überprüfte, ob die feinen Tröpfchen auf ihrer Haut wirklich nur Wasser waren. Eine vollkommen überflüssige Handlung eigentlich, denn wenn es etwas anderes gewesen wäre, hätte sie das sofort bemerkt, ohne extra darauf achten zu müssen.
Im Nebel sah sie noch vereinzelte, andere Menschen, die sich zu den Gräbern ihrer Angehörigen schlichen und dabei bloß nicht den Eindruck erwecken wollten, als ob sie sich hier versammelten, als ob ihr Besuch etwas mit dem heutigen Datum zu tun hätte.
Es war eine Schande, dachte sich Brajana. Eine dumme Entscheidung der Regierung damals, die jedoch nicht einfach revidiert werden konnte. Inzwischen lag das nicht mehr in den Händen der Regierung. Seit einigen Wochen wusste ganz Silaris, was hier geschehen war, dann ließ es sich auch vor dem restlichen Sarilien nicht mehr geheim halten.
Schließlich erreichte sie den Soldatenfriedhof und dort auch das Grab, das sie besuchen wollte. Eigentlich durfte jemand, der durch Gift umgekommen war, nicht mit militärischen Ehren bestattet werden. Brajana und ihre Kameraden hatten jedoch darauf bestanden, dass diese Regel für ihre Vorgesetzte Neralia nicht angewendet wurde und der Wunsch war ihnen tatsächlich erfüllt worden. Brajana wusste, dass dies für Neralia sehr wichtig gewesen wäre. Diese Regel stammte aus einer anderen Zeit.
Wie es üblich war, streute sie ein paar Tollkirschenblätter auf die Grabplatte, die gleichzeitig den Tod und rituelle Reinheit symbolisierten. Auch diese Dinge waren ihr immer wichtig gewesen. Neralia wäre vermutlich über viele Entwicklungen nicht glücklich, wenn sie diese noch erlebt hätte, darunter auch das Schicksal ihrer Tochter, die jetzt als Schülerin eines Sauerstoffmagiers in Arunien lebte. Brajana verstand nicht, wie Elanja sich freiwillig dafür entscheiden konnte, im Land des Feindes zu leben, doch noch weniger verstand sie, wie es einem Sauerstoffmagier gelingen konnte, sie auszubilden, während sie dabei versagt hatte, obwohl sie genau wie Elanja Phosphormagierin war.
Für Neralia spielte das vermutlich keine Rolle. Sie hatte nie viel von Elementarmagie gehalten, ganz gleich für welches Element. Vielleicht hätte sie ihre Meinung geändert, wenn Brajana schnell genug bei ihr gewesen wäre, um sie zu retten, vielleicht hätte sie ihr das nie verziehen.
Brajana blieb noch etwas am Grab stehen, dann machte sie sich auf den Rückweg zum Bahnhof.

Ein Memo hatte sie davon gewarnt nach Alijan zu reisen, die Situation hier sei nicht sicher. Brajana hatte es zur Kenntnis genommen, mehr aber auch nicht. Sie kam am Jahrestag nach Alijan und sie glaubte nicht daran, dass ihr irgendjemand in ihrer Stadt etwas antun würde. In der Flussstadt war es ruhig, fast unheimlich ruhig, wenn sie ehrlich war. Nur wenige Menschen waren auf der Straße. Immerhin riss der Nebel auf und die Sonne schien auf die engen Gassen dieses Stadtteils hinab.
Brajana erreichte die Treppe, die in den oberen Teil der Stadt führte. Mit der Stille war es nun vorbei. Sie hörte Stimmen, laute Stimmen, die etwas riefen, oder skandierten. Als sie die Treppe hinaufging, konnte sie zumindest teilweise verstehen, was die Menschen dort riefen. „Freiheit für Aranja, Freiheit für Aranja“ und dazu noch „Gebt uns den Alijaner Morgen zurück!“
Ihre Mitarbeiter hatten also rechtgehabt, dachte sich Brajana. Es gab wirklich Unruhen in der Stadt. Ganz offensichtlich fand hier eine Demonstration statt. Anders als in Elavien, wo Demonstrationen an der Tagesordnung waren und es sogar in der Hauptstadt einen speziell dafür gedachten Platz in Hörweite des Parlamentsgebäudes gab, waren sie in Sarilien eigentlich verboten. Brajana hatte bisher noch nie erlebt, dass sich in der Hauptstadt Benada irgendjemand über diese Regel hinweggesetzt hätte und auch in Alijan hatte sie noch keine Demonstration miterlebt. War der Einfluss der elavischen Partnerstadt Enes Tall inzwischen so groß, dass die Leute hier auch damit anfingen?
Das Verbot der Zeitung Alijaner Morgen war ihrer Meinung nach sowieso ein großer Fehler gewesen. Brajana hatte sich dafür eingesetzt, dass die Zeitung trotz der teilweise kritischen Berichterstattung weiter bestehen durfte, doch letztendlich lag diese Entscheidung nicht bei der Chemieministerin. Das Ministerium für Volksinformation hatte entschieden, dass die Zeitung verboten werden musste und die besonders auffällige Reporterin Aranja war von der Geheimpolizei verhaftet worden.
Die Demonstration zog offenbar vom Marktplatz zum Bahnhof, das war genau der Weg, den Brajana ebenfalls nehmen musste. Beamte der Alijaner Stadtpolizei begleiteten den Zug, schritten jedoch nicht ein.

Brajana folgte mit etwas Abstand. Die Demonstranten forderten weiterhin, dass das Verbot der beliebten Zeitung aufgehoben und die Reporterin befreit werden sollte. Daneben gab es jedoch auch andere Slogans. Die Demonstranten forderten von der Regierung bessere medizinische Versorgung und elementarmagische Ausbildung und sie verlangten, dass die Regierung eingestand, dass sie damals versagt hatte.
Die Polizisten tauschten unruhige Blicke, als sie diese Rufe hörten. Sie wussten so gut wie Brajana, dass so offene Kritik an der Regierung eigentlich tabu war und dass sie einschreiten müssten. Andererseits wollten sie das offenbar nicht tun, solange die Demonstration friedlich verlief.
„Du bist also doch hier“, hörte Brajana eine vertraute Männerstimme hinter sich sagen. Sie zuckte zusammen. Orvan, Offizier der Geheimpolizei und ehemaliger Kriegskamerad war unbemerkt neben ihr aufgetaucht, vielleicht eine Fähigkeit, die mit seinem Job einherging.
„Es ist Jahrestag“, sagte Brajana. „Und ich glaube nicht, dass diese Leute mir etwas antun würden.“
„Da würde ich mich auf den Glauben nicht verlassen“, sagte Orvan. „Wir beobachten hier etwas, was es in Sarilien so noch nicht gab. Lange wird Benada das auch nicht mehr laufenlassen. Und du solltest überhaupt nicht mehr alleine im Land herumreisen. Dafür bist du zu wichtig und zu vielen Leuten ein Dorn im Auge. Komm, ich bring dich auf einem sicheren Weg zum Bahnhof.“
Brajana widersprach nicht. Die Einschätzung der Sicherheitslage war sein Job und er hatte ja recht. Sie trug als Ministerin auch eine gewisse Verantwortung. Gedankenverloren ließ sie sich durch die Nebengassen führen. Wie konnte es nur soweit kommen? Nach zwanzig Jahren bekamen die Arunier genau das, was sie schon die ganze Zeit wollten. Unruhe, Unzufriedenheit, Konflikte zwischen den Sarilern untereinander. Brajana war die letzte, die behaupten würde, dass alles perfekt lief, doch die Feinde saßen nicht in Benada, die Feinde waren die Arunier und wenn das viele Menschen hier vergaßen, so wie die junge Elanja, war es eine Katastrophe. Sie durften den Aruniern diesen Triumpf nicht gönnen.
Orvan führte sie zum Bahnhof, wo der Zug nach Benada schon bereitstand, die Schaffnerin winkte sie direkt durch. Die beiden teilten sich ein Abteil, Orvan hatte die Waffe griffbereit, doch auch Brajana war nicht wehrlos. Wenn sie die Energieversorgung in den Zellen ihres Gegners abschnitt, konnte ihr der auch nicht mehr viel tun.
Sie schaute noch einmal aus dem Fenster. Auf dem Bahnhofsplatz standen die Demonstranten mit ihren Transparenten. „Wir haben lange genug geschwiegen“, stand dort zu lesen, auf Sarilisch und auf Arunisch. Andere Transparente forderten ein Strafverfahren der OECE gegen Arunien.
Ganz vergessen hatten sie wohl nicht, wer an ihrer Situation schuld war, dachte sich Brajana. Sie hielt jedoch nichts davon, dass sie sich ausgerechnet an die OECE wenden wollten. Der Zug setzte sich langsam in Bewegung und sie verließ ihre Heimatstadt nicht nur schwermütig, wie an jedem Jahrestag, sondern auch zutiefst besorgt.

#9 RE: Zweites Spontanspeedbasteln am 8. April 2020 von Riothamus 08.04.2020 22:47

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So, es gebe Lobsbeeren kandiert!

@Nharun : Wie immer ein detaillierter Lexikoneintrag. Und wieder einmal gleich mit dem passenden Vokabular gespickt! Das Thema ist kreativ bearbeitet und gleich in die Verfassungsgeschichte eingearbeitet. Da auch das Lesen Spaß macht, gibt es die volle Lobsbeerenanzahl. Verstehe ich richtig, dass es einst eine Form der Volksversammlung war und wieder dazu wurde?

@Riothamus : Eine Unverschämtheit! Eine Rede hat 45 min zu Dauern, nicht darunter, nicht darüber. Du gehst heute ohne Lobsbeeren ins Bett.

@Elatan : Eine packende, aber kurze Schilderung eines wichtigen Umbruchs. Und eine Demonstration, die in einem Massaker endet. Und schon mit dem ersten Halbsatz ziehst du den Leser in die Geschichte und schilderst das Ganze durch die Augen der Identifikationsfigur. Da gibt's auch hier eine volle Lobsbeerenschale. Endete der Kaiser in der Höhle oder wurde er verschifft?

#10 RE: Zweites Spontanspeedbasteln am 8. April 2020 von Elatan 09.04.2020 10:47

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@Amanita: Ich finde deine Texte immer sehr schön geschrieben; besonders wie du lauter kleine Details unterbringst, die auf eine Fülle von Material hindeuten wie z.B. jetzt das mit den Tollkirschenblättern. Was hat es damit genau auf sich?

Zitat von Riothamus im Beitrag #9
Endete der Kaiser in der Höhle oder wurde er verschifft?

Die Geschichte mit der Höhle wurde nur von diesem Alten erzählt und einigen anderen Leuten. An einigen Orten wurden diese sofort bestraft und mundtot gemacht, weil sie nach Aussage der Magier Lügen verbreiteten, um das Volk aufzuwiegeln, anderenorts konnten einige die Geschichten aber oft weitererzählen, wenn diese Leute ohnehin als "verwirrt" galten. Die offizielle Geschichte ist, dass die Anhänger des Kaisers und er selbst (mehrere hundert Menschen wohl) auf Schiffe gesetzt wurden und dann nach Westen segeln sollten (hier nachlesbar). Das wäre, um einen Realweltvergleich zu machen, in etwa so, als hätten die Römer sich gesagt, dass sie keinen Bock mehr auf Augustus gehabt hätten und ihn und seine Getreuen von Spanien aus nach Westen geschickt hätten. Als die Amnúrer ca. 700 Jahre später zurück nach Aren kamen, erzählten sie ebenfalls eine Geschichte, welche mit der anerkannten der Atamerer übereinstimmte. Es gibt allerdings einige Punkte in der amnúrischen Geschichte, die nicht so ganz passen und es stellt sich die Frage, warum der Kaiser und seine Getreuen nicht einfach nach Norden oder Süden gesegelt sind, denn dort war schließlich bekanntermaßen Land, während von einem existierenden Kontinent im Westen niemand wusste.

#11 RE: Zweites Spontanspeedbasteln am 8. April 2020 von Nharun 09.04.2020 17:58

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@Amanita Schön, dass du nachgereicht hast! Dein Text ist sehr gut geschrieben und ich kann mich Ela nur darin anschließen, dass man beim Lesen merkt, dass du ein tiefes Hintergrundwissen über deine Welt im Hinterkopf hast. Dadurch dass du schon einiges zu deiner Welt hier im Forum vorgestellt hast, fühlt sich vieles beim Lesen sehr vertraut und bekannt an und doch finden sich immer wieder kleine Details, die das Bild weiter vervollständigen




Zitat von Riothamus im Beitrag #9
Verstehe ich richtig, dass es einst eine Form der Volksversammlung war und wieder dazu wurde?

Ja, das verstehst du richtig

#12 RE: Zweites Spontanspeedbasteln am 8. April 2020 von Amanita 09.04.2020 22:31

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@Nharun, ich mag ja die unserer Welt ähnlichen, aber doch fremdartigen Elemente in deiner Welt. Die Sache mit den Farben gefällt mir auch gut. Ich hatte tatsächlich mal eine elavische Großdemonstration, wo die TeilnehmerInnen farbige Stirnbänder trugen, um zu zeigen, gegen welchen Missstand sie demonstrieren wollten, allerdings war die Grundtendenz dort bei allen ähnlich. Wenn es so endet, wie bei der Regenbogendemonstration, erfüllt das Ganze natürlich nicht mehr seinen Zweck.

@Elatan, ich musste bei diesem Text auch an deine Schilderungen zur Geschichte deiner Welt denken. Dabei hatte ich es bisher so abgespeichert, dass die Variante mit den ins Exil Gesegelten, die ein neues Land aufgebaut haben, auch der Realität entspricht. Gab es da also einen unzuverlässigen Erzähler?

@Riothamus, das hört sich doch irgendwie sehr nach Atombombe an. Ist es denn eine, oder doch irgendetwas In-Worldmäßiges.

RE Tollkirschen in Sarilien

Bei den Sarilern wird die Tollkirsche ähnlich wie bei uns auch wegen ihrer verführerisch süßen, aber sehr giftigen Beeren mit dem Tod in Verbindung gebracht. Deswegen werden ihre Blätter traditionell als Grabschmuck genutzt. Da die Sariler aber auch eine gewisse Affinität zu giftigen Pflanzen mit berauschender Wirkung haben, wird sie auch noch anderweitig eingesetzt. Tollkirschen sind ja als Rauschpflanze sehr gefährlich und die Wirkungen auch eher unangenehm, deswegen wurde sie nur zu wichtigen Anlässen eingesetzt. Einmal als Test für Beschuldigte. Wenn sie die Prozedur überstanden, wurden sie für unschuldig gehalten, wenn sie starben, oder wahnsinnig wurden, galten sie als schuldig. Die zweite Anwendung findet vor besonders schweren Entscheidungen statt, wo gelegentlich Tollkirschen (in kleinerer Menge) verzehrt wurden, um durch ihre Wirkung Hinweise auf die richtige Entscheidungen zu bekommen. Die Pflanze wurde also trotz ihrer Gefährlichkeit als für die Gesellschaft positiv betrachtet.
Bei Elementarmagiern ist sie wegen ihrer stark dämpfenden Wirkung auf die Gaben Silaris-weit eher unbeliebt, wird aber auch missbräuchlich genutzt, um sich ungewollter Elementarmagie zu entledigen, was allerdings nicht funktioniert. Brajana musste in Elasvaihja allerdings schon mehrere hierdurch verursachte Todesfälle miterleben. Ihrer Einstellung entspricht es aber nicht, die Schuld dafür bei einer Pflanze zu suchen.

#13 RE: Drittes Spontanspeedbasteln am 8. April 2020 von Nharun 10.04.2020 02:22

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Ich musste den Titel dieses Threads mal ändern Link

#14 RE: Drittes Spontanspeedbasteln am 8. April 2020 von Teja 18.04.2020 20:58

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*nachreich*

Demonstration, -en, fem


Ein Vorgang, bei dem einer Person die mutierten Eigenschaften entzogen werden, um sie in ihren ursprünglichen menschlichen Zustand zurück zu versetzen.

Ich dachte lange Zeit, dass wir hier alle einer Meinung sind, aber scheinbar habe ich mich geirrt. Es gibt sehr wohl Leute, die sich Marisu nicht nur notgedrungen unterwerfen, sondern sogar aktiv in ihrem Sinne arbeiten.

Ich erzählte vor geraumer Zeit, dass es hier auch Magier gibt, also Menschen, die übernatürliche Kräfte zu haben scheinen. Natürlich ist hier in gewissem Sinne alles überatürlich, aber ich meine tatsächlich Menschen, die etwas können, was der Rest von uns eben nicht kann.

Es gibt ganze Familien solcher Magier, die meistens in der Nähe der Zitadelle leben und ganz eigene soziale Strukturen haben. Sie betreiben zusammen eine Universität, wo sie ihre jungen Leute ausbilden, ihre Kräfte zu nutzen. Anschließend gehen sie dort allerlei seltsamen Aktivitäten nach, die sie „Forschung“ nennen. Sie behaupten, damit die Welt „besser“ machen zu wollen, aber ich kann das nicht so recht glauben.

Womit ich auf das Thema Demonstration zurückkomme. Offenbar hat dort oben jemand beschlossen, dass wir alle Monster sind. Und dieses Monster-Sein ist der Grund dafür, dass Marisu uns verstoße hat. Die Welt wäre so viel besser, wenn man mit dem Monster-Sein einfach aufhören könnte und bestimmt würde uns Marisu dann wieder lieben und uns in ihrer Zitadelle leben lassen.

Die Magier forschen offenbar schon seit Jahren daran, wie diese Welt uns beeinflusst und verändert. Jetzt glauben sie, sie könnten selbst in den Prozess eingreifen und ihn umkehren. Also habe sie sich ein paar armselige Schlucker aus den ärmeren Vierteln geschnappt und ihnen was zu essen und ein warmes Bett versprochen, wenn sie sich mit Nadeln pieksen lassen. Es gibt immer genug dumme Leute, die auf so etwas hereinfallen.

Zuerst dachten wir ja, die vielen Toten im Fluss wären Opfer eines Straßenkrieges, aber da haben wir uns gründlich geirrt. Was auch immer die Magier den Leuten angetan haben, es hat sie nicht nur in Menschen verwandelt, sondern in tote Menschen.




*nachlobs*

@Nharun Eine kulturelle Institution, um die Meinung öffentlich und friedlich zum Ausdruck zu bringen klingt ja eigentlich nach einer guten Idee.
@Elatan Da hat der Magier aber ein wenig überreagiert!
@Riothamus Ich schätze mal, dass ist eine Ex-Insel.
@Amanita Das Detail mit den Tollkirschenblättern gefällt mir.

#15 RE: Drittes Spontanspeedbasteln am 8. April 2020 von Nharun 18.04.2020 22:43

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@Teja Ein herrlicher Beitrag, nicht nur, weil er in Marisus Welt spielt, sondern weil er den Begriff zur Welt passend sehr kreativ auslegt ohne dabei ins Alberne abzudriften.

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