#1 Geschichtsschreibung von Nharun 21.07.2020 17:16

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Inspiriert von @Elatans derzeitigen Geschichtsbastelein, interessiert mich die Frage, wie ihr mit der Geschichte eurer Welt umgeht. Verfolgt ihr einen bestimmten Plan? Arbeitet ihr sie detailliert aus? Habt ihr eine "Philosophie", der ihr dabei folgt?

So ganz Allgemein und spontan fallen mir zwei Herangehensweisen ein:

1) Der Geschichtsschreiber
Als Weltenbauer befinden wir uns in einer bequemen Position, die der reale Historiker nicht hat: Wir können entscheiden ob historische Ereignisse wahr sind, wann sie sich ereignet haben und alle möglichen Setzungen selbst machen. Dadurch können wir eine detaillierte Geschichte der Geschichte bauen, mit klaren Zusammenhängen, genauen Abläufen, Ursachen, Anlässen usw. Als "allwissender Schöpfer" haben wir nicht nur den Rundumblick, sondern können eine Wahrheit definieren, statt sie aus bestimmten Quellen zu interpretieren.

2) Der Quellenschöpfer
Anstatt die Geschichte zu setzen, können wir auch Quellen erschaffen, fikitive Historiker, Chronisten und Alltagsschreiber unserer Welten über Geschichte und geschichtliche Ereignisse berichten lassen. Solche Berichte können einander ergänzen, unterschiedliche Blickwinkel haben oder sich widersprechen. Die Geschichte unserer Welt wird dadurch undeutlicher, verschwommener - der Leser kann nicht ohne eigene Interpretation erkennen, was wahr ist, was sich wirklich ereignet hat.

Während wir durch Herangehensweise 1 plausible Ereignisketten entwerfen können, die dem Leser einleuchten und die Vergangenheit erhellen, können wir durch Herangehensweise 2 eine "natürlich" wirkende Geschichte erschaffen, da die Geschichte unserer Welt so wie die uns bekannte irdische Geschichte durch einen interpretatorischen Filter auf uns wirkt. Diese Herangehensweisen lassen sich auch miteinander verbinden, denn ein Weltenbauer kann im Hintergrund als Geschichtsschreiber eine "wahre" Geschichte seiner Welt entwerfen, diese dem Publikum aber nur durch die Arbeit des Quellenschöpfers präsentieren. Diese komplexere Herangehensweise bietet den Vorteil, die Ereignisketten plausibel zu gestalten, auch wenn diese Plausibilität dann in den präsentierten Quellen verwischt oder versteckt wird. Das bedeutet aber auch einen Mehraufwand.

Beim Ersinnen der Geschichte fallen mir ebenfalls zwei Herangehensweisen ein:

A) Ereignischronist
Der Ereignischronist notiert und kennt bestimmte Ereignisse und kann diese chronologisch einordnen. Der Blickwinkel liegt hier auf dem "Was ist passiert", lässt das "Wie oder warum ist es geschehen" aber außer acht.

B) Historiker
Der Historiker nimmt sich ein oder mehrere Ereignisse und verknüpft diese zu Ereignisketten, überlegt wie und warum sich historische Begebenheiten ereignet haben und welche Folgen sie hatten. Durch den Mehraufwand an Überlegungen werden solche Ereignisse stärker in der Welt verankert, aber es gibt möglicherweise weniger Ereignisse, da sie ja mehr Hobbyzeit erfordern.

Auch hier kann man wieder beide Herangehensweisen kombinieren. Zum Beispiel kann man erst einmal wie ein Chronist Ereignisse entwerfen und sammeln und sie anschließen auf Anlässe, Ursachen und Folgen abklopfen. Die beiden Herangehensweisen A und B lassen sich frei mit den Herangehensweisen 1 und 2 (oder ihrer Kombination) verbinden.


Für die Toraja habe ich eine Reihe von Zeitaltern mit bestimmten Eckpunkten, Ereignissen und Errungenschaften definiert, was ich als 1A einordnen würde. Die Ereignisse innerhalb dieser Epochen stelle ich aber meist unter der Variante 2B dar und bin mir selbst gar nicht so sicher, ob diese Quellen immer die "Wahrheit" berichten. Diese Kombination ergibt für mich ein einfach zu verfolgendes Skelett der Geschichte, während das "Fleisch" drumherum den für mich "natürlich" wirkenden Nimbus echter, teilweise ungewisser Geschichte ergibt.

Wie macht ihr das? Fallen euch andere Herangehensweisen ein? Würdet ihr das Basteln von Geschichte ganz anders beschreiben?

#2 RE: Geschichtsschreibung von Elatan 21.07.2020 19:21

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Ich tendiere beim Basteln selbst zu 1B mit einer guten Prise A. Zwar erschaffe ich auch Quellen, allerdings weiß ich in der Regel, dass diese eben Inworld-Quellen sind, die nicht zwingend die Realität abbilden. Wenn ich hier etwas präsentiere, dann handelt es sich oft um solche Quellen. Teilweise kommt es allerdings auch zu solchen Situationen, dass ich etwas im Nachhinein verändere. Ich schaue dann immer, dass ich es irgendwie zurechtbiege und alles kanonisch bleibt; manchmal schaffe ich das, indem ich das Veraltete z.B. zu Inworld-Quellen mache oder Ansichten. Grade beim Basteln von Religionen kommen hier dann gerne mal Ketzereien raus. Aber auch beim Basteln der Historie sind Widersprüche mitunter gar nicht schlecht, denn grade bei einer langen Geschichte ist es nur natürlich, dass diese nicht immer ganz exakt überliefert wird.

Trotzdem ist es mir sehr wichtig, dass wenigstens ich als Erschaffer der Welt die Wahrheit kenne.

#3 RE: Geschichtsschreibung von 22.07.2020 18:59

Keine Ahnung.

Der Löwenanteil meiner historischen Ereignisse über die Erst- und Zweitwelt bis hin zum golvangarischen Multiversum wurde entweder tatsächlich gemeinsam mit meinem Kumpel ausgespielt, oder kam in einer (Kurz-)Geschichte vor, die immer dann entstanden sind, wenn ich eine spontane Idee hatte und genug Lust, damit auch was anzufangen.

Ich habe generell einen lockeren roten Faden für alle möglichen Dinge und lass die nebeneinander - und nicht selten irgendwann auch gegeneinander - laufen. Im Zweifelsfall würfle ich aus und ziehe das dann konsequent durch, egal mir das Ergebnis jetzt passt oder nicht.

Klingt für einen Außenstehenden vermutlich nicht besonders geordnet, die Resultate sind es aber. Teilweise kamen da unter Anderem schon nette philosophische Ansätze raus. Ich scheine wohl unterbewusst ein gesundes Chaos in allen Dingen zu bevorzugen, vermutlich weil die richtige Welt in der Hinsicht auch so funktioniert.

Weiß nicht, wie man das einordnen könnte.

#4 RE: Geschichtsschreibung von Teja 22.07.2020 19:46

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Ich bastele hauptsächlich nur an einer Epoche und habe eher wenig Kenntnisse über die Geschichte meiner Welt(en). Generell bevorzuge ich allerdings In-World Texte gegenüber eher trockenen Beschreibungen. Also schreibe ich meist Quellen aus der Sicht einer bestimmten Partei, die dann auch keinerlei Anspruch auf Richtigkeit haben. Eigentlich hatte ich mal das Ziel, sogar widersprüchliche Quellen für ein und dasselbe Ereignis zu erstellen. Das scheitert allerdings an meinem Mangel an Zeit/Muße/meiner Faulheit.

#5 RE: Geschichtsschreibung von Aguran 22.07.2020 20:47

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Kommt sehr auf die Welt an, umd noch viel mehr auf die Epoche innerhalb der Welt.

Oder anders ausgedrückt, es macht wenig bis gar keinen Sinn die Geschichtsschreibung über eine Epoche "linear schöpferisch" zu kreieren, wenn in dieser Epoche kein besonderer Wert auf Aufzeichnungen für die Zukinft gelegt wurde, bzw. vielleicht auch die Mittel dafür fehlten.

Deshalb nehme ich mal das 3te umd 4te Zeitalzer in Tenrasyl als Beispiel her. Hier sind die froßen Rahmenhandlungen/großen geschichtlichen Ereignisse klar und von mehr als eimer Quelle dokumentiert, und deshalbziemlicj straigth nachvollziehbar. Hier kann ich also als Erzähler aus dem Vollen schöpfen.
Kleinere, nicht weltbedeutende Ereignisse hingegen können sehr lückenhaft sein, schlicht deshalb weil hier evt. nur eine/wenige Quelle/n vorhanden war/en, welche noch dazu fragmentiert oder verschüttet ist. (Hier nutze ich gerne so Formate wie Tagesbasteln um sowas zu erstellen)

Wenn ich mir jetzt aber auf derselben Welt 1tes umd 2tes Zeitalter ansehe... hollawaknolli! 😉
Unsterbliche und nahezu unsterblicje Völker haben keinen wirklicjen Bedarf für Geschichtsschreibung. Dem entsprechend ist hier nur fragmentiertes, teils mythenhaftes oder über lange zeiträume rein mündlich übertragenes vorhanden.
Selbst die großen Rahmenhandlungen gleiten ins mythenhaft/epenhaft überzogene ab und belastbare Quellen?
Pfüh... träum weiter! 😉

Dem entsprechend ist hierbei tatsächlich nur bruchstückhaftes vorhanden ohne tatsächlich "wissenschaftlich belastbar" sein zu können. Es ist eher ein wühlen in eine Puzzlebox, ais der ein Schelm die Hälfte ees Originals herausgeworfen hat um stattdessen aus anderen puzzleboxen chaotisch unterschiedlicje andere Teile hinein zu werfen. Was aucj ein Grund ist, weshalb ich hier über diese Zeitalter nur wenig zeige 😊

#6 RE: Geschichtsschreibung von Artifex Nerracis 01.08.2020 18:41

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Ui, eines meiner Lieblingsthemen.

@Aguran: Ich denke, auch Unsterbliche haben ein Bedürfnis nach Geschichte, wenn ihr Gedächtnis nicht unfehlbar ist. Nicht umsonst gibt es ja Biographien, Biographieforschung und Zeitgeschichte, obwohl das alles Ereignisse zu Lebzeiten der Betroffenen/Befragten thematisiert. Vielleicht läuft Geschichte hier eher in Form von Biographien ab, die Perspektiven darstellt und nicht in den uns bekannten Formen. Statt Archäologie gibt es vielleicht eher Antiquitätensammlungen?

Zu meinem Geschichtsbasteln:

Ich arbeite intern nach Methode 1) Der Geschichtsschreiber und plane für publikumszugängliche Texte Methode 2) Der Quellenschöpfer, also eine Kombination. Für die Präsentation finde ich es wichtig, dass es einerseits einen roten Faden gibt, der aus Methode 1) stammt und dennoch genug Interpretationsraum und Unwissenheit und Perspektivität herrscht, um es atmen zu lassen.

Was Methode A und B angeht, sehe ich hier eher die Frage, ob ich auf der Mikroebene oder der Makroebene bastle, sodass das eher Hand in Hand geht. Beim Basteln hab ich dabei oft die Perspektive des "aus der Gegenwart zurück" und frage mich manchmal, woher bestimmte Sachverhalte eigentlich kommen, seit wann es sie gibt und warum. Dann finde ich meist in der Vergangenheit eine Epoche, wo der Ursprung liegt oder die auslösenden Ereignisse stattfanden. Insgesamt ist meine Zeitleiste wie das Meer, an der Oberfläche hell und je tiefer desto dunkler. Noch dazu gibt es große unbekannte Ozeane und relativ gut ergründete Küstengewässer.

Der Geschichtsozean ist dabei noch so unergründet, dass ich bisher fast problemlos jedes beliebig große Ding darin versenken kann, ohne dass es Probleme verursacht.

Mit zunehmendem Alter wird mir auch die Bedeutung der Geistesgeschichte immer bewusster, also der Frage danach, wie Menschen früher gedacht haben, wie ihre Welt strukturiert war, welche Konzepte es gab und welche Kausalitäten. Sich da hineinzudenken macht mir viel Spaß und die Geschichte erst so richtig verständlich, wenngleich es natürlich eine reine Interpretationsleistung meinerseits ist. Für das Geschichtsbasteln finde ich das auch hilfreich und nützlich.

#7 RE: Geschichtsschreibung von Amanita 01.08.2020 20:03

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Ich arbeite hauptsächlich nach Methode 1. Das Erschaffen aller innerhalb von Silaris existierenden Quellen zu verschiedenen Themen wäre mir ehrlichgesagt zu mühsam. Außerdem gibt es beispielsweise von den frühen Sarilern gar keine Quellen, weil die überhaupt keine Schrift hatten, die Quellen aus dem Krieg der Elemente sind größtenteils verlorengegangen und die älteren wurden zu nicht unerheblichen Teilen zerstört.
Das alles muss ich als Bastlerin wissen, um einen Überblick zu behalten, aber in-world ist es so nicht bekannt.
Ab und zu bastle ich aber auch mal eine Quelle, oder halte Dinge bewusst ambivalent, die in-world auch ungeklärt sind. Da treffe ich manchmal auch selbst keine endgültige Entscheidung.
Das betrifft aber meistens für die Weltgeschichte an sich eher weniger relevante Details, beispielsweise "hatte Lucasta Clossiana (arunische Phosphormagierin) während bzw. direkt nach dem Arunisch-Ruarischen Krieg wirklich eine lesbische Beziehung mit Wallfrida Sigrin (ruarische Sauerstoffmagierin)?
Bei den größeren weltgeschichtlichen Themen weiß ich selbst schon, was Sache ist.

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