#1 Der Imaginariums Gabentisch 2020 von Elatan 19.11.2020 13:31

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Bald ist schon wieder Weihnachten und da wollen wir natürlich wieder eine kleine Aktion starten wie letztes Jahr. Anders als letztes Jahr haben wir uns aber gedacht, dass nicht nur Geschenke, die dann von den Leuten hier genutzt werden können, zwischen dem 23.12. und dem 06.01. hier abgelegt werden sollen, sondern dass auch Geschichten wie bei unserer Halloween-Aktion sehr gern gesehen sind. Also los! Sorgt dafür, dass dieses Weihnachten recht besinnlich wird, indem ihr Geschichten schreibt, Gedichte dichtet, Bilder malt, Programme programmiert, Videos aufnehmt, Wandteppiche ... okay, okay. Ihr habt das Prinzip verstanden. Ich freue mich schon!

#2 RE: Der Imaginariums Gabentisch 2020 von Elatan 17.12.2020 09:54

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Kleine Erinnerung an alle, die was beisteuern wollen! Ich habe jetzt endlich auch eine kleine Idee gehabt und werde mich mal ransetzen.

#3 RE: Der Imaginariums Gabentisch 2020 von Nharun 23.12.2020 13:31

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Von mir gibt es dieses Jahr ein frühneuzeitliches Gedicht aus dem asiranistischen Chirien, das wie ich finde sehr gut zu Weihnachten passt. Das Gedicht (oder vielleicht auch Lied) wird zur Feier des 1. Achorion rezitiert, dem heiligsten Feiertag des Asiranismus, der zwar religiös gesehen eher Ostern entspricht, aber auf der Toraja den Stellenwert von Weihnachten hat.

Es ist ein Stern erschienen



Es ist ein Stern erschienen, so strahlend hell und klar,

er leuchtet hell am Tage und hellt auf dunkle Nacht,

es ist ein deutlich Zeichen, dass Gottvater über uns wacht.

Was in alten Omen weisgesagt, das wird wirklich nun und wahr



Es ist ein Stern erschienen, so feurig hell und warm

in ärmlich' Stall aus einer Jungfrau Schoß geboren,

zum Retter und Erlöser aller Menschen auserkoren.

Wie in alten Omen weisgesagt: er kommt mit starkem Arm



Es ist ein Stern erschienen, so dröhnend laut und tosend,

was sündig und verdebet ist, flieht vor seinem Angesicht,

erlöse uns, oh Retter, befreie uns vorm Bösewicht!

Wie in alten Omen weisgesagt: Wider die Verderbnis tobend.



Es ist ein Stern erschienen, so strahlend hell und klar,

er leuchtet hell am Tage und hellt auf dunkle Nacht

es ist ein deutlich Zeichen, dass Gottvater über uns wacht.

Was in alten Omen weisgesagt, das wird wirklich nun und wahr.

#4 RE: Der Imaginariums Gabentisch 2020 von Elatan 23.12.2020 20:13

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Die Überfahrt


Einst lebte ein Fischer, dessen Weib hatte nicht lang zuvor ein Kind zur Welt gebracht, und es war ein Winter, welchen es nur einmal in drei Generationen gab: Der Schnee lag mannshoch und der Wind rüttelte an der Hütte des Fischers, dass er Angst hatte, sie würde einstürzen und sie alle erschlagen. Das Herdfeuer spendete nur wenig Wärme und lange hatten sie nicht mehr gut gegessen, denn die Fische wollten nicht recht beißen, noch konnten sie sich leisten, Fleisch zu kaufen, denn teuer war es geworden, da die Atamerer nicht lang zuvor durch das Land gekommen waren und sich genommen hatten, was sie wollten, um ihre Heere im Krieg gegen das Schöne Volk zu verpflegen.

Und so saßen der Fischer und seine Frau und beteten zu Gott dem Herrn und allen seinen Sentarim, sie mögen ihnen doch helfen und sie wollten sie ehren und es nicht unvergolten lassen, sollten sie ihnen Hilfe senden. Als sie so dasaßen im Gebet vertieft, da klopfte es an der Tür ganz sacht und zaghaft als sei es nur ein Zweig, der gegen sie schlug.
»Ein Wanderer? Ein Gast zu dieser Stunde?«, fragte der Fischer und zaghaft öffnete er die Türe, vor welcher ein Männlein stand. Oft werden Greise beschrieben als vom Alter gebeugt und jenes Männlein musste uralt sein, denn es war kleiner als jeder Mann und auch als jeder Zwerg und auch zierlicher wirkte es als einer vom Volk der Hügel und Berge, doch hatte auch das Männlein einen langen, weißen Bart und einen roten Kapuzenmantel.
»Komm hinein, Gevatter«, sagte der Fischer. »Wir haben nicht viel, was wir teilen können, doch soll unser Dach das deine sein, auf dass du nicht in der Winternacht dort draußen erfrieren musst.«
Das Männlein kam nickend und dankend hinein und auf seinem Rücken trug es einen Sack, der größer war als es selbst.
»An reichen Höfen kam ich vorbei und Licht brannte in ihnen und der Duft gebratenen Fleisches und heißen Mets drang hinaus, doch keiner bat mich hinein«, sagte der kleine Mann und als die Frau des Fischers ihm einen trockenen Kanten Brot und ein Schälchen Milch von der Ziege gaben, welche mit ihnen unter dem Dach lebte, fügte er hinzu: »Das letzte Stück Brot von armen Menschen wie euch ist mehr, als ein Karren voll Gold von einem König.«
Und als er gegessen und getrunken hatte, holte er seinen Sack hervor und nahm vielerlei gute Dinge hinaus; Nüsse und Schinken, ein Schläuchlein Wein, Erbsen und Würste und er gab es ihnen und sie dankten ihm vom Herzen und sagten ihm, dass er ein Gesandter der Sentarim sein müsse.
»Ein Gesandter der Sentarim aber würde nicht eure Hilfe brauchen, liebe Menschen«, sagte er traurig blickend. »Ich muss hinüberfahren nach Erlon und habe weder Boot noch das Wissen, eines sicher hinüberzubringen.«

Als der Fischer dies hörte, wurde er blass; denn es wird erzählt, dass die Insel Erlon in den Ältesten Tagen Heimstätte eines grausamen und bösen Volkes war, dessen Schlechtigkeit auch dann noch blieb, als es seinen wohlverdienten Untergang fand. Und die Sentarim trennten Erlon vom Festland, mit dem es damals noch verbunden war, um das schlechte dort auf der Insel davon abzuhalten, sich zu verbreiten; denn die Geister und Teufel würden es nicht wagen, das Meer zu überqueren, das doch das Reich Elons war.

»Was willst du auf jenem düsteren Eiland?«, fragte der Fischer. »Du darfst bei uns bleiben, solange es dir beliebt.«
Doch das Männlein beharrte darauf, dass es hinübermüsste und es bat um Hilfe und der Fischer hätte es fast abgelehnt, als ihm bewusst wurde, dass er doch gebetet und versprochen hatte, die Hilfe nicht unbezahlt zu lassen und so beschloss er, das Wagnis auf sich zu nehmen, und das Männlein hinüberzufahren. Die Frau des Fischers fürchtete um ihren Mann, doch war sie gläubig und vertraute darauf, dass die gute Tat nicht zu einem Unglück führen sollte.

So machte der Fischer sein Boot fertig, und als er dem Alten half, den Sack hineinzuhieven, merkte er, dass der Sack viel schwerer war, als er je vermutet hätte und es wunderte ihn, wie das Männlein überhaupt in der Lage war, ihn zu schleppen. Als er sich in das Boot setzte und auch dem Männlein hineingeholfen hatte, wollte er die Leine losmachen, doch wurde er angewiesen, noch zu warten. Und so wartete er noch und es war ihm, als hörte er Stimmen in einiger Ferne, die jedoch bald verstummten. Das Boot sank nach und nach tiefer und tiefer ins Wasser, als wäre noch eine Last hinzugekommen und schließlich wies das Männlein den Fischer an, abzulegen. Und der Fischer fürchtete sich, denn er wusste nun nicht mehr, auf was er sich eingelassen hatte, doch wollte er sein Versprechen an Gott und die Sentarim nicht brechen und so ruderte er. Immer mehr Schnee fiel und der Wind zerrte am Mantel des Fischers, der sich jedoch nicht beirren ließ. Weiter und weiter ruderte er, bis er die verfluchte Insel erreicht hatte. Der Alte stieg hinaus und nahm seinen Sack und bedankte sich von ganzem Herzen bei dem Fischer, den er einlud, in der Not mit Frau und Kind nach Erlon zu kommen.

Der Fischer dankte, aber er war sich gewiss, das Angebot nie anzunehmen, denn es hieß, dass die Geister und Teufel Erlons von den Höhen der Insel, die von den Teufelssteinen geziert waren, die aussahen wie die schwarze Krone eines Titanenkönigs, immer wieder hinunterkamen, um die Insel zu verderben und unfruchtbar zu machen.

Als der Fischer am heimischen Steg anlegte, sah er bereits, dass seine Hütte hell beleuchtet war und als er eintrat, brannte das Herdfeuer hell und warm und sein Weib fiel ihm glücklich um den Hals und sagte, dass sie vor der Türe noch einen weiteren Sack mit vielen guten Gaben gefunden habe, der sie über den Winter bringen würde, und hinter dem Haus einen Stapel Holz, der für stete Wärme sorgen würde.

Und so verbrachten der Fischer, seine Frau und sein Kind den Winter gut wie nie zuvor. Als aber der Frühling kam und sie vernahmen, dass die Atamerer wiedergekommen waren und sie schon die Kriegshörner in der Ferne erschallen hörten, da erinnerte sich der Fischer an die Einladung des Männleins und an all guten Dingen, die es ihnen als Dank für die Überfahrt beschert hatte. Da nahm er Frau und Kind und ruderte mit ihnen nach Erlon, wo sie ein Haus für sich hergerichtet fanden, in welchem sie wohnen konnten. Der Fischer fing dort reichlich und bald schon holte er andere Menschen vom Festland nach, damit sie auf der einst verfluchten Insel eine neue Heimat finden würden.

Und während die Menschen sich niederließen, ging der Fischer auf der Insel spazieren und bald merkte er, dass er weit aufgestiegen war und sich dem Teufelsberg genähert hatte; doch zu seinen Füßen sah er Kieselsteine liegen, und als er sich umschaute, bemerkte er, wie sie ein weißes Band um den Berg mit der schwarzen Krone bildeten. Und als er gerade das Band überschreiten hörte, da vernahm er eine Stimme:
»Überschreite nicht die Grenze, guter Fischer, die der Gnomenkönig gelegt hat mit den versteinerten Tränen des Caralorn! Sie halten das Böse gefangen!«
Da wusste der Fischer, wer das Männlein war, das er hinübergefahren hatte und was es in seinem Sack mit sich getragen hatte.

#5 RE: Der Imaginariums Gabentisch 2020 von Elatan 01.01.2021 11:37

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@Nharun : Ein schönes Gedicht! Die Parallelen zu einer gewissen realen Religion sind nicht von der Hand zu weisen, aber ich mag es, wie du immer mit Ähnlichkeiten und Unterschieden arbeitest.

#6 RE: Der Imaginariums Gabentisch 2020 von Nharun 01.01.2021 12:54

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@Elatan Deine Geschichte ist toll: Ich hab mir wirklich den Kopf an ihr zerbrochen. Die Elemente, die in der Geschichte vorkommen, wirken so vertraut, die sagenhafte Erzählung so bekannt, dass ich wirklich dachte, ich wüsste worauf du am Ende anspielst. Aber ich weiß es nicht, erleuchte mich!

Und schön, dass dir das Gedicht gefällt; die Parallelen zur der angesprochenen Religion sind natürlich beabsichtig, Asiranas ist von Beginn an als Amalagam aus Herkules, Jesus und Buddha konzipiert; da liegt es auch nahe seine Religion für etwas Weihnachtliches herzunehmen.

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