#1 Einfachso von Chrontheon 17.01.2021 21:30

avatar

Der Pfad

Die Sonne erhob sich am Horizont, als Er den Kiesweg beschritt. Begleitet von den Seinen ging Er, bis die Sonne sich am Zenit niederließ, und nahm Platz auf der Bank im Schatten der Eiche. Die Luft war ungewöhnlich kalt, und ein Wind zog auf; schon bald verfinsterte sich der Himmel, die Sonne entschwand hinter dunklen Wolken, Felsen erhoben sich um Ihn herum und rissen, und die Schlange mit den tausend Mündern kroch aus einer Höhle empor. Er war starr, als sie spie, und sogleich verschlang sie Ihn mit einem der Münder. Die Seinen waren fort, Er wollte raus, doch die Schlange hielt ihre Münder geschlossen, behielt Ihn, setzte ihren Weg fort.

Und da bemerkte Er: es waren andere gefangen wie Er, Leute, die waren wie er - manche heiter, manche düster, manchen konnte man nicht ansehen, wie ihnen zumute war. Schon bald war er da, der Mann in Schwarz, verlangte Seinen wertvollen Besitz, den die Seinen Ihm überlassen hatten, den nie zu verlieren sie Ihm geboten hatten. Es waren alle verschwunden, und der Mann in Schwarz sperrte Ihn in eine Zelle. Er konnte nicht entkommen, denn die Stäbe waren zu eng. Nur durch ein Loch in der Mauer vermochte Er es, das Freie zu erklimmen.

Er ging durch die stählerne Schlucht, vorbei an den Schatten, die ihren Weg durch die Dunkelheit bahnten. Als Er den Weg in die Weiten des Grünen fand, kam der Himmel nieder und ergoss sich auf den Wiesen; wieder und wieder riss der Himmel entzwei, und jemand brüllte auf Ihn nieder.

Und da kam ein Hund, in voller Mannesgröße, wollte Ihn beißen, hetzte Ihm nach. Nur mir Mühen war es Ihm gelungen, dem Hund zu entkommen, doch der Schmerz in Seiner Brust ließ Ihn nicht vergessen, wie Er nur knapp mit dem Leben davon gekommen war. Anstelle des Hundes war Er nun von riesigen Gestalten umgeben, dessen Gesichter verzerrt waren, die Ihn an sich nehmen wollten, in Höhlen sperren, die Ihn jagden, als er erneut die Flucht einschlug. Er war bald wieder in der Schlucht, wo viele lichter auf Ihn strahlten; Er lief und lief, bis Seine Beine nicht mehr wollten - doch da kam der Fels, und rollte über Ihn drüber.




„Wie geht es ihm?”, fragte der Mann in Grau den Mann in Weiß. „Er schafft es. Aber er braucht seinen Schlaf.” Der Gast nickte, und kehrte in die Eingangshalle zurück. War es wirklich eine gute Idee? Hätten wir es nicht verhindern können, wenn wir für ihn dagewesen wären? Er konnte es nicht wissen. Das konnte er nie, und das wusste er. Dies war eines der Dinge, die er nicht vorhersehen konnte.

#2 RE: Einfachso von Elatan 17.01.2021 21:37

avatar

Der Text ist wirklich sehr kryptisch und ich hatte beim ersten Teil vor dem Auftritt der Männer ind Weiß und Grau das Gefühl, einen Ausschnitt aus einer religiösen Schrift zu lösen, da ich mich ein klein wenig an die Offenbarung erinnert fühlte. Jetzt bin ich aber neugierig darauf, was hinter diesem Text steckt.

#3 RE: Einfachso von DrZalmat 18.01.2021 01:49

avatar

Ich bin auch neugierig was dahinter steckt. Es klingt religiös, aber was bedeutet es genau?

#4 RE: Einfachso von Nharun 18.01.2021 09:39

avatar

Mich würde auch interessieren, wer da U-Bahn/Straßenbahn fährt und nach dem Ausstieg angefahren im Krankenhaus liegt

#5 RE: Einfachso von Teja 20.01.2021 13:17

avatar

Ich dachte auch erst an etwas religiöses, aber die These mit dem Angefahren-Werden ist auch nicht schlecht. Was steckt denn dahinter?

#6 RE: Einfachso von Chrontheon 20.02.2021 13:12

avatar

Aus irgendeinem Grund hab ich nicht mit so vielen Antworten gerechnet ... aber da ich das hier nicht länger aufschieben kann - insbesondere, wenn ich hier weitere Texte reinstellen will -, habe ich eine kurze Erklärung verfasst:


Mir wurde empfohlen, die Fragen ungeachtet der Konsequenzen zu beantworten. Es ergeben sich diesbezüglich jedoch Probleme, auf die ich im folgenden Spoiler eingehen werde. Es ist jedoch ratsam, sie nicht zu lesen, da es sich, wie ihr vielleicht vermutet, um einen [potentiellen] Spoiler handelt. Mit dem Weiterlesen übernehmt ihr die Verantwortung für dessen Folgen, wie gering ihr sie auch einzuschätzen vermögt.

Dieser Text ist Teil eines größeren Ganzen, das im Verlauf der Zeit nach und nach offenbart wird. Der Grund, weshalb ich nicht auf die Fragen eingehen will, ist einerseits, um Spoiler zu vermeiden, und andererseits, da einiges noch später beantwortet werden könnte, und es keinen Sinn hätte, Textstellen zum Lesen freizugeben, die im Grunde nur Feedbackantworten wiederholen. Das gilt auch für die Folgetexte: Kommt danach noch etwas, das aufkommende Fragen beantworten könnte, hat der Folgetext Vorrang. Wird eine Frage sicher nicht mehr beantwortet, oder handelt es sich um eine Unklarheit, die aufgrund des Schreibstils zustande kam, ist ein Aufschub der Beantwortung jedoch auszuschließen.
[Besagte Folgetexte müssen nicht unmittelbar im Anschluss, oder in chronologischer Reihenfolge eintreffen.]

Ich bitte um euer Verständnis und etwas Geduld!


#7 RE: Einfachso von Chrontheon 20.04.2021 14:17

avatar

Nächster Halt: Lilienfeld

„Nächtster Halt: Artberg!” Der Zug verließ den Tunnel, und fuhr langsam in die Station ein. Nach Artberg würde er den Pass überqueren und in das Blumental einfahren. Wenn man so darüber nachdachte, war es schon etwas merkwürdig, dass so viele Dörfer im Tal nach Blumen benannt waren. Das wird auch der Grund für den Spitznamen des Tals gewesen sein. Oder er kam durch die Blumentaler Sträuße in aller Munde. Viele Leute besuchten das Tal aber nicht. Gerade zwei Passagiere sind in Ebental zugestiegen, ansonsten wäre der Wagon leer. Diejenigen, die durchfahren würden, meideten jedoch den Regionalzug, und nahmen lieber die schnellere Strecke um die Bergkette herum.

Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, wurde Chodnik zunehmend nervöser. Er war lange nicht mehr da gewesen, es könnte sich einiges geändert haben. Es wurde einge Weile dunkel draußen, als sie durch den langen Tunnel fuhren, und Chodnik riss an den Ecken seiner Zeitung herum. Sie alle mussten ziemlich angefressen auf ihn sein, denn nicht einer hatte ihm nur einen Brief geschrieben. Nicht einmal Rynek hatte ihm geantwortet. Und nun war er gezwungen, heimzukehren.

Der Zug verließ nun den Tunnel und fuhr über den Pass. Der dunkelblaue, vernebelte Himmel jenseits der Schüssel verschwand hinter den hohen, grauen Felswenden. Einige Minuten waren nur diese zu sehen, an der engsten Stelle nur wenige Ellen vom Fenster entfernt. Doch dann öffnete sich ihm ein Anblick, den er nie vergessen konnte: Ein klarer, hellblauer Himmel, gestützt von den grünen Weiden, die von gelben, roten, manchmal auch blauen Blumen besetzt waren, in der Ferne die schneefreien, braunen oder grauen Gipfel der Berge. Um die Gletscher zu sehen, saß er auf der falschen Seite, doch störten die hier sowieso das Bild.

„Nächster Halt: Rosental!” Einige Minuten, bevor sie in den Bahnhof einfuhren, waren die Wiesen um die Gleise herum von Rosenfeldern beinahe schon ersetzt. Inmitten des roten Meeres lag das Dorf an sich. Die Häuser waren mit Rosenblättern geschmückt, es musste ein Fest im Dorf geben. Doch wie sehr er sich auch anstrengte, Chodnik konnte sich nicht erinnern, was zu jener Zeit gefeiert wurde. Zu lange war er nicht mehr in der Gegend gewesen. Ein Mann in Schwarz hängte gerade Rosenblätterketten an die Namensschilder der Station. Neben dem Fenster zum Warteraum war ein Plakat aufgehängt: „Geburtstag des Bürgermeisters - auf viele glückliche Jahre!” Das erklärte einiges!

Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, und das rote Meer sich in ein gelbes wandelte, fielen Chodniks Gedanken wieder auf seinen bevorstehenden Besuch. Vielleicht hatte sich doch nichts geändert. Das Tal war ihm ins Auge gefallen, wie er es bei seinem Abschied in Erinnerung gehabt hatte. Rosental hatte seine Traditionen, selbst den Bahnhof zu schmücken, noch beibehalten. Die Mittlandsdorfer mischten immer noch ihre Sonnenblumen zwischen die kleineren Blütenträger-

„Nächster Halt: Mittlandsdorf!” Chodnik hatte vergessen, wie nahe die beiden Dörfer aneinander lagen. Das Bahnhofshaus von Mittlandsdorf schien renoviert zu werden. Das halbe Dach fehlte, und weite Teile der Mauer waren durch Planen verdeckt. Damals hatte er ihm schon ansehen können, dass es die ein oder andere Reparatur brauchte, doch war es im Grunde noch in gutem Zustand gewesen. Ein ungutes Gefühl breitete sich in Chodniks Magen aus. Er würde es vorziehen, nicht zu kommen, doch die Umstände ließen ihm keine andere Wahl. Warum musste es auch nur so verlaufen sein?

„Nächter Halt: Niederwald! Bedarfshalt - zum Aussteigen, bitte Haltewunschtaste drücken!” Einer der Passagiere stand ruckartig auf, setzte sich jedoch wieder nach einigen unverständlichen Worten seines Gegenübers. Früher war Lilienfeld auch ein Bedarfshalt gewesen. Es war seinem Vater zu verdanken, dass der Regionalzug nun jedes Mal dort stehenbleiben musste, auch wenn niemand aus- oder einsteigen wollte.

Der Bahnhof, und der kleine Wald zur Rechten des Zuges wurden ohne Halt passiert, und kurz darauf kam die nächste Durchsage. „Nächster Halt: Untersee!” Als Chodnik zehn Jahre alt war, wurde der Bahnhof zu „Unter-/Obersee” umbenannt, um auch als offizieller Bahnhof von Obersee, am nördlichen Ende des Gewässers, zu dienen. Nach einem Streit der Dörfer nur sieben Jahre später wurde der Obersee-Teil des Bahnhofes wieder gestrichen. Es war Chodnik egal, welcher Name am Bahnhofshaus geschrieben stand - so oder so kam man durch ihn immer zu beiden Dörfern.

Von der Perspektive des Bahndammes aus gesehen, schien Obersee tatsächlich höher als Untersee gelegen zu sein, obwohl dies - abgesehen von kaum merkbaren Höhenunterschieden - nicht wirklich der Fall war. Das Wasser war so blau wie der wolkenlose Himmel, der über ihm lag. Chodnik erinnerte sich noch, wie seine Familie früher im Sommer immer hierher gekommen war, um im klaren Wasser zu baden. Vielleicht hatte Rynek die Tradition beibehalten, doch was konnte Chodnik schon darüber sagen? Wenn es nach seinen Verwandten ginge, wäre er von allen Familienangelegenheiten ausgeschlossen. Was das wohl über seine Einladung aussagte?

„Nächster Halt: Kastenstein!” Es schien also noch eine Namensänderung gegeben zu haben. Als Chodnik das letzte Mal an diesem Bahnhof vorbei kam, wurde er noch als „Altkastenstein” angekündigt. Bei der Einfahrt offenbarte sich ihm jedoch der Grund: Die beiden Dörfer Alt- und Neukastenstein waren zusammengewachsen. Zu beiden Seiten des Bahndammes waren weitere Siedlungsgebiete entstanden, und der Weg zur Burg hinauf war kaum noch als der Pfad zu erkennen, den er früher mit Rynek und seinem Vater beschritten hatte.

Das Gefühl in seinem Magen wurde stärker, als sie auch Kastenstein hinter sich ließen. Zwei Stationen noch. Das war weniger, als er brauchte. „Nächster Halt: Mondblumental! Bedarfshalt - zum Aussteigen, bitte Haltewunschtaste drücken!” Die beiden anderen Passagiere standen auf, und brachten ihr Gepäck zur vorderen Tür. Zumindest blieben sie noch einmal davor stehen!

Das Mondblumental war eingentlich nur eine Mulde im Bild des Blumentales. Eine Mulde, gefüllt mit hellblauen Blüten! Das Dorf an sich war recht klein, Chodnik hatte es mit seiner Familie vielleicht einmal besucht. Abgesehen von den Mondblumenfeldern hatte es aber auch nicht viel zu bieten. Die beiden Passagiere, die nun in die Bahnhofshalle, sofern diese jenen Namen verdiente, gingen, besuchten vermutlich ihre Verwandten. Sie waren eindeutig nicht von hier. Wie sehr ihn das an seine eigene Situation erinnerte ...

Langsam setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Das Gefühl in Chodniks Magen breitete sich in seinem ganzen Körper aus. Die wohlbekannten Wiesen mit den weißen Blüten traten ins Blickfeld des Fensters. Die ersten Häuser erschienen in der Ferne. Er wusste, er müsste sich nicht beeilen, damit der Zug halten würde, doch lange würde er nicht bleiben. Und auch nur eine verpasste Station würde eine Verspätung von Stunden bedeuten. Die Unergelmäßigkeit der Durchsagen machte alles noch schlimmer. In der Stadt waren die auf die Sekunde genau geplant, doch sobald man den Blumentaler Regionalzug betrat, schien es am Schaffner zu liegen, den „richtigen” Moment zu treffen. Schon war der Bahnhof zu sehen - nun, das, was vom Bahnhof existierte: der eine Bahnsteig. Der Grund, weshalb es ursprünglich ein Bedarfshalt gewesen war, weshalb Chodnik vorne eingestiegen war. Wenn Mondblumental auch das kleinere Dorf sein mochte, war Chodniks Heimbahnhof nicht annähernd die Bezeichnung wert. Ein Bahnsteig, zu kurz für auch nur zwei Wagons des Regionalzugs, aus einer Zeit, wo die Pässe noch keine Gleise hatten, und das Tal seine eigene, abgeschiedene Eisenbahnlinie, mit einem Schild, das den Namen der Station und den Fahrplan preisgab. Kein Bahnhofshaus, keine Wartehalle, keine Schalter - wer hier einstieg, durfte seine Fahrkarte im Zug kaufen. Und schließlich, während der Zug einfuhr, ertönten die Worte, die Chodnik am meisten fürchtete.

„Nächster Halt: Lilienfeld!”

#8 RE: Einfachso von Elatan 20.04.2021 14:31

avatar

Das klingt nach einer sehr netten Gegend; deine Beschreibungen finde ich auch immer sehr schön und obwohl nicht viel passiert ist, war es dadurch gut zu lesen. Ich bin mal gespannt, wie es weitergeht und was wir noch über das Tal erfahren und warum Chodnik nach so langer Zeit nun dorthin zurückkehrt.

Xobor Forum Software von Xobor
Datenschutz