#1 Sprö klol Runs - Ich spreche Runsisch [Ein simples Sprachtutorial] von Nharun 17.04.2021 22:28

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In diesem Thread möchte ich euch ein kleines Tutorial anbieten, wenn ihr eine Sprache für eure Welt bauen wollt. Ich versuche hierbei weitgehend auf linguistische Tiefe zu verzichten, aber gewisse Fachbegriffe (gerade aus dem Bereich Grammatik) sind unumgänglich; ich werde mich bemühen alles einfach und verständlich zu erklären.


Wörter



Um eine Sprache zu basteln, braucht man Wörter, also fangen wir damit an.

Wenn ich eine neue Sprache baue, dann überlege ich mir grob, wie sie klingen soll. Ich sage hier "grob", weil sich der Klang im Lauf des Sprachbaus oft noch einmal ein bisschen endet. Du kannst hier im Prinzip deiner Kreativität freien Lauf lassen und dich wild im IPA (Internationalen Phonetischen Alphabet) bedienen; es ist jedoch leichter wenn du dich an Lauten bedienst, die du auch aussprechen kannst. Du kannst auch schauen, welche Laute eine irdische Sprache benutzt, an die du dich anlehnen willst.

Bei den Konsonanten überlege ich, welche am Anfang einer Silbe auftreten können, welche in der Mitte und welche am Ende; und ich überlege mir natürlich, welche Vokale es gibt und ob es auch da bestimmte Verteilungen geben soll.

Daraus lassen sich dann schon einmal Silben bauen. Dabei kann ein Programm wie Lyreword sehr helfen.


Für "Runsisch" sieht das erstmal so aus:

Anfangskonsonanten: v m s j h l t f d b n k ɕ ɧ p g fr r kv pr sk st sv tr br fl sp bl kr sn fj gl kl tv bj dr gr kr pl skr sl sm spr

Mittelkonsonanten: t r l n s d g k nn v nd p ŋ m rd ɧ b j kk ll mm nsk tt ɖ lj mb ndr ns nt rg rn sk sv ʂ ʂt dd h kh kt lv llj mt ntl nns rj rk rɧ st ss bl br dj f ft ff gr gg jk kd kkt lb ldr lm ln lp lsk lt lts mf mh nf nj nl nm nn nsl ntr nɧ nnt pr ps pt pp rdn rf rl rs rsd rr rrj rrkn sd skl skv sst sstr tb ttr tv tɧ ttn ŋg ŋk ŋkt ŋl ŋn

Endkonsonanten: r n l t d m g s nd ŋ k v tt j rt kk lv rj rk rr f kt ld ll ns nt p pt pp rd rn st ŋs b ft gs jf ks lm lp ls lt mn mt nsk rl rmt rs sst ŋkt ŋn ŋt

Vokale: a ɛ ɪ ɑː ɔ eː oː iː uː ɵ ʉː ʊ ɛː øː ʏ œ yː ʉː


Wenn ich Silben gebaut habe, geht die eigentliche Arbeit los ;)

Ich füge die Silben zu mehrsilbigen Wörtern zusammen und werfe einen Haufen der einzelnen Silben als "einsilbige Wörter" in meinen Topf. Ja, zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch gar nicht, welches Wort was bedeutet.

Dann überlege ich, ob es ein bestimmtes Betonungschema gibt: Werden Wörter auf der ersten, zweiten, letzten oder vorletzten Silbe betont? Oder ist das rein zufällig? Wird die Betonung allein über die Vokallänge bestimmt? Gibt es Vokalveränderungen (wird aus eː in betonten Silben vielleicht ɛ? Oder verschwindet ɔ in unbetonten Silben ganz und dafür wird in der folgenden oder vorausgehenden Silbe der Vokal verändert)?


Im Runsischen wird auf der letzten Silbe betont, aber das soll erstmal keine Lautveränderungen bewirken.


Wenn es Vokalveränderungen gibt, notiere ich mir die Regeln und arbeite dann erstmal meine Wörterliste durch, um diese Regeln anzuwenden.

Danach überlege ich mir, ob es weitere Lautveränderungen gibt. Wird aus e vor einem k ein i? Wird jedes b am Anfang eines Wortes zu v? Werden p oder b zwischen zwei Vokalen zu einem m? Gehen alle Vokale oder Konsonanten am Wortende verloren? Auch hier notiere ich meine Regeln und wende sie auf die Wortliste an.


In Runsisch sieht das so aus:

m → h / _b m wird zu h, wenn es vor einem b steht
k → ∅ / _# k fällt weg, wenn es am Wortende steht
t → r / _V t wird zu r, wenn es vor einem Vokal steht
p → h / _# p wird zu h, wenn es am Wortende steht
b → m / V_V b wird zu m, wenn es zwischen zwei Vokalen steht


Dann habe ich "echte" Wörter und fange an, ihnen eine Bedeutung zu geben. Hierfür nehme ich mir eine Liste mit deutschen Begriffen und verteile die gebauten Wörter zufällig oder willkürlich auf diese. Meist bediene ich mich dabei einer Auswahl meines Grundwortschatzes.

Verwende nicht alle Silben, die du gebaut hast, um Wörter mit ihnen zu bauen. Du brauchst noch einen Vorrat an Silben, um Pronomen (wie "ich", "du", "wir") oder Artikel ("der", "eine") zu befüllen; vielleicht willst du auch bestimmte grammatische Aspekte (wie Fallendungen) mit Silben ausdrücken. Leg also ein paar zur Seite!

Als nächstes erweitere ich den Wortschatz durch ein paar Affixe (Wortbausteine, die vorne oder hinten an ein Wort gehängt werden). Dabei benutze ich die folgenden Dinge, für die ich einzelne Silben oder auch nur Laute verwende (besonders wenn es noch konkrete Lautveränderungsregeln gibt, kann das ausreichen)

1) Substantive aus Verben



V.TO.N um aus Verben ein Substantiv zu machen (fahren --> Fahrt) und V.TO.NN und V.TO.NNN um noch etwas Abwechslung dabei zu haben.

V.TO.ACTOR (verteidigen --> Verteidiger): Um den Handelnden (Täter) einer Verbalhandlung zu benennen

V.TO.ACT (verteidigen --> Verteidigung): Um die Bezeichnung der Handlung zu benennen

V.TO.RESULT (schreien --> Geschrei): Um das Ergebnis einer Handlung zu bezeichnen

V.TO.TOOL (schmücken --> Schmuck(stück)): Um das Mittel oder Werkzeug mit dem eine Handlung durchgeführt wird zu bennen.

V.TO.PLACE (schmieden --> Schmiede): Ort einer Handlung

2) Substantive aus Adjektiven


ADJ.TO.N (gangbar--> Gangbarkeit)

ADJ.TO.TRAIT (fröhlich --> Freude): Wenn es um Eigenschaften geht

3) Adjektive aus Verben


V.TO.ADJ (gehen --> gangbar): Verb zu Adjektiv

V.TO.POSSIBLE (machen --> machbar): für Möglichkeiten

V.TO.CONSTANT (frieren --> kalt): für andauernde Eigenschaften

V.TO.TEMPER (reden --> geschwätzig): für Adjektive, die einen Hang zu einer Handlung darstellen

4) Adjektive aus Substantiven


Hier benutze ich meist:

N.TO.FULLOF (Ruhm --> ruhmreich)

N.TO.QUALITY (Gold --> golden)

N.TO.POSSESSION (König --> königlich)

5) Verben aus Adjektiven & Substantiven


N.TO.V (Alter --> altern): Nomen zu Verb

ADJ.TO.BEGIN (warm --> warm werden)

N.TO.BEGIN (Brand --> entbrennen)

Die jeweils den Beginn einer Handlung bezeichnen. Und einen Tag für iterative oder intensive Verbbedeutungen:

V.TO.INTENSIV (anfassen, fassen --> ergreifen, festhalten)

Kompositionen


Gerade um Verben zu bilden, benutze ich meist die aus dem Deutschen/Lateinischen bekannten Bausteine, die ich manchmal auch zu Derivationselementen mache. Sie ergeben natürlich nicht bei jedem Wort Sinn, aber es macht manchmal echt Spaß die übertragene Bedeutung für eine Sprache zu entdecken.

WEG "weggehen"

HERAN "herangehen"

HERUM "herumgehen"

VORAN "vorangehen"

UMHER "um(her)gehen"

ZUSAMMEN "zusammengehen"

HERAB "herabgehen"

AUSEINANDER "auseinandergehen"

HERAUS "(her)ausgehen"

HINEIN "(hin)eingehen

DAZWISCHEN "dazwischengehen"

ENTGEGEN "entgegengehen"

DURCH "(hin)durchgehen"

NACH "nachgehen"

VORBEI "vorbeigehen"

HERVOR "hervorgehen"

ZURUECK "zurückgehen"

BEISEITE "beiseitegehen"

UNTER "unter (etw.) gehen"

UEBER "über (etw.) gehen"

HINUEBER "hinübergehen"

Dann folgt die langwierige Aufgabe, mit diesen Bausteinen den Wortschatz zu erweitern. Das dauert. Lange. Aber es bietet auch erste Möglichkeiten sich kreativ Gedanken über konkrete Wortbedeutungen zu machen und darüber den Sprechern ein Stück "Seele" zu verleihen: lieben +V.TO.PLACE -> ist der "Ort der Liebe" das "Heim" oder vielleicht doch das "Bett"? Heißt die Kombination aus "BEISEITE reden" vielleicht "jemanden übertölpeln"?

Beim "Zusammentackern" von Wörtern kommen natürlich auch die Regeln für die Lautveränderungen wieder ins Spiel.


So, das war es erstmal für den ersten Teil. Im zweiten Teil geht es weiter mit Grammatik. Wenn du in der Zwischenzeit Fragen hast: Frag!

#2 RE: Sprö klol Runs - Ich spreche Runsisch [Ein simples Sprachtutorial] von Elatan 18.04.2021 10:58

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Vielen Dank für dieses Tutorial! Es gibt ja bereits so einige (die auch sicherlich nicht schlecht sind), aber ich finde es gut, dass du hier wirklich Basics lieferst, mit denen man dann eine brauchbare Sprache basteln kann, ohne sich viel mit Theorie zu befassen. Manch anderen Sprachbaukurs fand ich da eher etwas abschreckend. Ich bin gespannt, wie es weitergeht!

#3 RE: Sprö klol Runs - Ich spreche Runsisch [Ein simples Sprachtutorial] von Nharun 18.04.2021 11:52

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Zitat von Elatan im Beitrag #2
Vielen Dank für dieses Tutorial! Es gibt ja bereits so einige (die auch sicherlich nicht schlecht sind), aber ich finde es gut, dass du hier wirklich Basics lieferst, mit denen man dann eine brauchbare Sprache basteln kann, ohne sich viel mit Theorie zu befassen. Manch anderen Sprachbaukurs fand ich da eher etwas abschreckend. Ich bin gespannt, wie es weitergeht!


Ja, es gibt in den Weiten des Internets viele gute Tutorials, auch in Form von Youtube-Videos; ich glaube einige davon dürften auch in unserer Linkliste verlinkt sein. Mein Tutorial ist "quick and dirty", eben weil ich Theorie wenn möglich weglasse und einen eher praktischen Ansatz habe. Ich würde es als "Einstiegsdroge" sehen, die man nutzen kann, wenn man sonst eher keine Lust zum Sprachenbasteln hat und auf die Tutorials mit mehr Theorie kann man dann zurückgreifen, wenn man festgestellt hat, dass Sprachenbasteln Spaß macht und man sein Erlebnis vertiefen möchte.

Die Theorie, die teil vieler anderer Tutorials ist, bietet in der Regel eine gute Grundlage um Entscheidungen zu treffen, wie man eine Sprache gestalten und verändern kann, ohne dass sie linguistisch gesehen seltsam wird. Aber da muss man schon ein bisschen mehr Zeit und Lust mitbringen, um das zu verarbeiten, und manchen merkt man auch an, dass eine Zielgruppe mit akademischem, vielleicht sogar irgendwie linguistischem Hintergrund angesprochen wird. Ich glaube bei dieser Zielgruppe würde mein "simples" Tutorial keine Schnitte Brot gewinne :D

#4 RE: Sprö klol Runs - Ich spreche Runsisch [Ein simples Sprachtutorial] von Harbut 19.04.2021 14:38

Sehr schönes Tutorial, gerade für solche Sprachdullis wie mich.

#5 RE: Sprö klol Runs - Ich spreche Runsisch [Ein simples Sprachtutorial] von Efyriel 20.04.2021 19:57

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Ich mag die Einfache Form davon.
Meine Sprachbasteleien sind aber selten so schön geordnet.
Meistens gibt es zunächst einfach ein paar Wörter und ich mache irgendwann irgendwie Sätze daraus.

#6 RE: Sprö klol Runs - Ich spreche Runsisch [Ein simples Sprachtutorial] von Elatan 21.04.2021 12:35

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Zitat von Nharun im Beitrag #1
ADJ.TO.N (gangbar--> Gangbarkeit)

ADJ.TO.TRAIT (fröhlich --> Freude): Wenn es um Eigenschaften geht

Ich bin grade am basteln und stolperte hierüber, da ich deine Unterscheidung nicht verstehe. Gangbarkeit ist doch genauso eine Eigenschaft wie Freude? Eigentlich würde ich Gangbarkeit sogar eher noch als eine Eigenschaft ansehen.

#7 RE: Sprö klol Runs - Ich spreche Runsisch [Ein simples Sprachtutorial] von Nharun 21.04.2021 15:58

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Mit ADJ.TO.N meine ich sowas, wie die deutschen Suffixe -keit oder -heit, bzw. Einfach etwas was aus dem Adjektiv einfach ein Nomen macht.

#8 RE: Sprö klol Runs - Ich spreche Runsisch [Ein simples Sprachtutorial] von Elatan 19.06.2021 13:39

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Nicht, dass ich es jetzt konkret brauchen würde, aber machst du noch den zweiten Teil?

#9 RE: Sprö klol Runs - Ich spreche Runsisch [Ein simples Sprachtutorial] von Nharun 11.07.2021 15:32

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Zitat von Elatan im Beitrag #8
Nicht, dass ich es jetzt konkret brauchen würde, aber machst du noch den zweiten Teil?


Ja, ich bin da dran, allerdings wird es noch etwas dauern, weil ich versuche den Teil ohne zu viel Theorie, aber dennoch verständlich und mit Möglichkeiten zu präsentieren. Das ist nicht ganz so einfach, vor allem weil es mehr Zeit frisst, als ich sie momentan oft übrig habe. Da die einzelnen Teilchen des 2. Teils aber (zumindest soweit ich sie bislang habe) zu stark aufeinander Bezug nehmen, möchte ich den Teil auch nicht einfach stückchenweise hier raushauen. Möglicherweise schaffe ich es rechtzeitig, damit er auf dem diesjährigen Gabentisch landet

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