#1 Fundstück aus dem Notizbuch von Nharun 18.04.2021 17:02

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In einem meiner alten Notizbücher habe ich folgende Bruchstücke einer Geschichte notiert, ich weiß nicht gar nicht wann ich es geschrieben habe und schon gar nicht in welcher Welt das ganze spielt. Anhand des Notizbuchs weiß ich lediglich, dass diese Textfragmente während meiner U-Bahnfahrten entstanden. Ich poste den Text hier, damit ich das Notizbuch, das ansonsten nichts Aufhebenswertes mehr enthält, entsorgen kann.




Er hörte es durch das Unterholz des Farnbaumwaldes brechen. Es bahnte sich seinen Weg, genau auf ihn zu. Schweiß rann über seinen nackten Körper, fiel in schillernden Tropfen auf den Waldboden und platzte dort mit dem Geräusch, das entsteht wenn man auf einen Käfer tritt. Er sah sich von gierigen gefiederten Schnabelschlangen umzingelt, die mal nach ihm schnappten und mal wieder abgestorbene Farnblätter oder Luftwurzeln waren.
Für einen Moment schien die Zeit führ ihn zu kristallisieren, zu frieren, einfach stehen zu bleiben.
Dann barst die kristallene Zeit scheppernd mit einigen jungen Farnbäumen zusammen: Das Ungetüm hatte ihn erreicht. Die lilane Bestie war fast doppelt so hoch wie er selbst, aus ihrem gewaltigen, schweineartigen Maul ragte gelbe Hauer hervor und weißgelber Schaum umspülte die Schnauze. Die acht Beine der Bestie trampelten alles gnadenlos nieder, was ihr in den Weg kam. Doch in einem ihrer linken Augen steckte immer noch der Ast, den er vor zwei Tagen hineingestoßen hatte, oder waren es bereits drei? Es hatten sich bereits pulsierende Eiterblasen gebildet.
Sein Körper spannte sich zur Flucht an. Ein natürlicher Instinkt, doch er war der Flucht müde. Jetzt oder nie! Er griff nach einer der Schnabelschlangen und schleuderte sie der Bestie entgegen.
Die Bestie aber lies sich von dem Farnblatt nicht im Geringsten beeindrucken und stürmte schnaubend auf ihn zu.
Ein Reflex ließ ihn gerade noch aus ihrer Bahn springen, doch er spürte wie Spitze eines Hauers die Haut seiner Flanke streifte und gerade tief genug drang, um Schweiß und Dreck wie Feuer brennen zu lassen, während er im fauligen Laub des Waldbodens aufkam.
Ein weiteres Mal schien die Zeit zu kristallisieren und erlaubte es ihm sich gerade noch zur Seite zu rollen, als die Bestie, die eine beeindruckend schnelle und enge Wendung gemacht hatte, bei der sie beiläufig einen Farnbaum entwurzelte und erneut auf ihn zu stürmte.
Er brauchte eine Waffe, zwang seine Augen zu sehen. Er blinzelte um das Feuer zu löschen, dass der Schweiß in ihnen entfacht hatte. Er musste sehen.
Plötzlich waren alle Schnabelschlangen fort und er sah sie als die Farnblätter, die sie die gesamte Zeit über gewesen waren, und er sah, noch immer am Boden liegend einen trockenen Farnstiel zu seiner Linken liegen. Er rollte sich seitlich zu ihm, wobei ein scharfer Stein, der im bebenden farnlaubedeckten Boden verborgen war, sich blutig über seinen Rücken zog. Die Zähne zusammenbeißend griff er nach dem Stiel und spürte den Atem der Bestie, die ihn keineswegs aus den Augen verloren hatte und sich ihm rasch genähert hatte.
Jetzt gab es nur zwei Möglichkeiten und beide endeten im Tod, in seinem oder in ihrem. Auf Härte und Schärfe des Farnstiels hoffend wurde sein Griff um die Waffe fester, seine Muskeln spannten an und er schwang sich auf die Beine, blickte den fünf verbliebenden Augen der Bestie entgegen, die kaum noch zwei Schritte von ihm entfernt war.
Die Zeit kristallisierte und die stürmischen Bewegungen der Bestie wurden zu immer langsamen Wogen der Muskeln unter ihrer Haut. Er sah Fetzen des schäumenden Geifers in der Luft schweben und spürte wie alle Geräusche um ihn herum stiller wurden. Er konzentrierte sich auf eine Stelle am Hals der Bestie, erkannte das fast erstarrte Pulsieren einer großen Schlagader, doch erkannte auch, dass die Bestie im Begriff war ihr Haupt zu senken, um diese Schwachstelle zu verbergen. Während seine Gedanken rasten wurde die Zeit um ihn immer dichter, es würde nicht mehr lange dauern, bis sie platzte. Doch dann erinnerte er sich plötzlich. Am Kopf gab es eine Stelle, knapp hinter dem zweiten Augenpaar, wo der Schädelknochen dünner war, doch würde der Farnstiel hart genug sein, den Knochen zu durchstoßen?
Wie er vorausgesehen hatte, senkte die Bestie ihren Kopf, fast schien es, als müsse sie sich durch die dichter gewordene Zeit hindruchpflügen. Aus dem Stand sprang er hoch, machte einige Schritte auf der dichten Zeit und ließ den erinnerten Schwachpunkt nicht aus dem Blick. Die kristallene Zeit barst plötzlich und mit dem Strom der wieder fließenden Zeit stürzte er auf die Bestie zu, stach mit seinem Farnstiel knapp hinter das zweite Augenpaar. Die Spitze des Farnstiels stieß durch die lilane Haut und das darunter liegende Fleisch gegen den Knochen. Er spürte ein Knacken. Der Farnstiel brach, doch bohrte sich ein Teil in den dünnen Knochen. Das Ungetüm riss seine Schnauze hoch und warf ihn von sich. Nur knapp verfehlten ihre Hauer dabei den nur durch Muskeln geschützten Bauch. Von der Wucht der Bestie wurde er einige Meter weit gegen den Stamm eines Farnbaums geworfen. Wieder ein spürte er das Knacken von Knochen, doch waren es diesmal die Rippen seiner rechten Seite. Ein lauter Schrei brach aus ihm hervor und diese Eruption des Schmerzes vertrieb die letzten Flugmäuse aus den Farnbaumkronen, die sich vom Wüten der Bestie noch nicht hatten verschrecken lassen. Er rutschte am Stamm des Baumes hinab, dessen Rinde er rot färbte, während sie die Haut seiner rechten Körperhälfte abschürfte. Das Adrenalin ließ ihn den Schmerz vergessen, doch er war für einen Moment benommen, während die Bestie wütender als zuvor auf ihm losstürmte. Im letzten Moment sprang er aus dem Weg der lilanen Wand aus Muskeln, Hauern und Krallen und die geschickte Bestie versuchte ihn mit ihrem Maul zu folgen. Dabei wurde sie von ihrer eigenen Masse überrumpelt und prallte gegen Farnbaum, der trotz seines erheblichen Alters, dadurch zur Hälfte aus dem Boden gerissen wurde. Er rappelte sich auf und ballte die Fäuste. Aufgeben war keine Option. Die Bestie, von ihrem unerwarteten aber selbst verschuldeten Aufprall am Farnbaum mitgenommener als durch alle Angriffe, die er gegen sie durchgeführt hatte, nahm ihn erneut in den Blick und stürmte los, obgleich unbeholfener. Kurz bevor sie ihn erreicht hatte, brach sie zusammen und er spürte, dass sie, kurz bevor sich ihre Augen schlossen, ihn mit den fünf verbliebenden Augen genau anschaute. Er glaubte Unverständnis darin zu erkennen, auch Wut, aber auch einen Funken von Respekt und vielleicht sogar Bewunderung.
Dann schloss auch er die Augen und krümmte sich, während Welle um Welle eines Meeres voller Schmerz durch jede Faser seines Körper wogten.
Es ist schwer, ein Gott zu sein.

--~.~--

Vom Meer her wehte eine frische Brise durch sein Fenster und wirbelte einige trockene Farnblätter auf. Das störte ihn gerade nicht, denn sie waren noch unbeschrieben und so geriet nichts Wichtiges durcheinander. Mit dem Wind kam auch das Kreischen zahlreicher kleiner Flugechsen in die Hütte. In dieser Zeit des Jahres hatten sie ihre Nester in den schroffen, steilabfallenden Klippen unterhalb des Dorfes und pflegten dort ihre Brut. Er liebte diese kleinen frechen Biester, die eigentlich Jagd auf die kleinen Kiemensäuger machten, die knapp unterhalb der Meeresoberfläche schwammen. Doch sie hatten gelernt, dass es auch im Dorf Nahrung gab und stahlen zum Trocknen aufhängte Kiemensäuger direkt vom Gestänge. Seit ein paar Jahren fraßen sie sogar den roten Mais, der in Körben vor den Häusern lagerte, und hatten gelernt zu zweit oder dritt die Deckel von den Lagerkörben zu schieben. Er konnte sie stundenlang beobachten und sich an ihrer Neugier und ihrem Erfindungsreichtum erfreuen, doch für die anderen im Dorf waren sie eine Plage - und er galt als Faulenzer und Nichtsnutz, der sie nicht einmal fortjagte.
Viele im Dorf mieden ihn, doch das war ihm meistens sogar recht. Obwohl er im Dorf geboren war und alles und jeden hier kannte, war er ein Fremder. Seit er in der Stadt gewesen war und in der Tempelschule gelernt hatte, wie man Worte durch Zeichen festhält, misstrauten die anderen Dörfler ihm. Vielleicht lag es daran, dass er für den König die Steuern bemessen und einsammeln musste, aber wahrscheinlicher lag es daran, dass er die Zeichen auf den trockenen Farnblättern in gesprochene Worte umwandeln konnte oder gesprochene Worte in solche Zeichen. Vermutlich fürchteten die Dörfler, er könne durch irgendeine Zauberei nicht nur ihre Worte, sondern auch ihre Seelen auf die Farne schreiben. So machten es doch die königlichen Schreiber in der Stadt, indem sie die Tatenseele des Königs auf die Farne banden, damit sie in jedem Dorf wirken konnte, in dem ein Schreiber den Farn deuten konnte.
Am frühen Mittag waren die meisten Männer noch immer auf See. Sie waren in den frühen Morgenstunden ausgefahren um eine Walechse zu erlegen, die man gestern Abend vom Dorf aus in der kleinen Bucht hatte jagen sehen. Eine gefährliche Sache, aber Fleisch, Tran und Knochen dieser Meeresbestie würden das Dorf mehr als einen Mondwechsel ernähren und beleuchten können. Und durch die Knochen wäre die Hälfte der jährlichen Steuern an den König bereits abgegolten.
Als er durch das Fenster aufs Meer blickte, fragte er sich, ob die Männer wohl Erfolg gehabt hatten. Doch allzu lange hielten sich seine Gedanken nicht bei den Fischern auf, denn es klopfte an der Tür. Er wollte zur Tür gehen, als ein Blitz ihn durchfuhr, die Welt um ihn herum in Helligkeit ertränkte und ihn durch das Zusammenziehen seiner Muskeln auf die Knie zwang. Er griff an seinen Kopf, der sich anfühlte als würde ihm abertausende glühende Stecken hineingestochen. Dann wurde die allumfassende Helligkeit vom einen auf den anderen Moment schwarz und dunkel und er nahm nichts mehr wahr, was außerhalb seines Körpers passierte. Er hörte und spürte sein Herz immer schneller pochen, die Säfte hämmernd durch seinen Körper treiben, als müsste sie sich alle in seinem Kopf sammeln.
Dann war es plötzlich wieder hell und er fühlte sich schmerzlos und leicht. Befreit. Schwebend. Ihn umgab helles Licht, er konnte das Blau des Himmels um sich sehen. Doch er fühlte nichts. Nicht den Wind, der die Wolken bewegte, und nicht seinen Körper, der noch kurz zuvor so starkes Leid gespürt hatte. Er hörte auch nichts, alles war ganz still.
Da sah er einen Feuerball, der von oben kam und an ihm vorbei dem Boden entgegen strebte. Zwischen den Flammen konnte er etwas metallisches erkennen. Er sah och, dass der Feuerball irgendwo in die Berge stürzte. Das mussten die Berge nördlich der Königsstadt sein. Dann wurde es wieder schwarz und dann hörte er wieder etwas. Es klopfte und er machte die Augen auf und fand sich in seiner Hütte wieder, spürte die schwere seines Körpers und fühlte sich so matt, als wäre er den schmalen Klippenpfad vom Meer hinauf zum Dorf gerannt. Es klopfte energischer an der Tür.

--~.~--

Als er wieder zu sich kam, war die Nacht über den Farnbaumwald hereingebrochen. War es dort am Tag bereits schummerig, wenn man von einzelnen Lichtinseln zwischen den hohen Baumkronen absah, war es nun stockfinster. Das Geheul wilder Tiere war von überall her zu hören und unmöglich in ihrer Richtung zu bestimmen. Sein Brustkorb schmerzte, seine rechte Körperseite brannte. Auf dem Leichnam des Ungetüms hockten gierige Kreischer und versuchten mit primitiven Steinwerkzeugen an das Fleisch zu kommen. Er konnte ihre Schemen gerade noch von der allumfassenden Dunkelheit unterscheiden und wunderte sich, dass sie ihn noch nicht bemerkt hatten, denn er war sich sicher, dass Kreischer in der Dunkelheit gut sehen konnten.
Er musste sich am Fleischberg abstützen, als er aufstand, denn seine Beine versagten ihm kurz den Gehorsam und knickten ein. Dabei kam er einem der Kreischer nahe genug, um ihn zu ermuntern, seinem Namen alle Ehre zu bereiten. Das Geschrei des wilden Pelzwesens dröhnte in seinem Kopf und hallte von jedem Winkel seines Schädels wieder. Er versuchte das Dröhnen und seinen Verursacher zu ignorieren, spürte aber auf der erbenden Haut des Ungetüms, dass der Kreischer aufgeregt hin und her hüpfte. Als dabei einmal genug vom spärlichen Mondlicht in die großen Augen des pelzigen Schattens fiel, leuchteten sie kurz auf, beinahe weiß in der Dunkelheit tanzend. Wieder Gebieter über seine Beine ließ er von den Ungetüm ab und versuchte die Kreischer weiter zu ignorieren. Doch der hüpfende Kreischer schleuderte sein Steinwerkzeug nach ihm und traf ihn am Kopf. Der kleine Stein hatte scharfe Kanten und ließ ihn mit einer weiteren, blutigen Wunde zu Boden gehen.
Ehe er sich wieder aufrappeln konnte, war der Kreischer auch schon bei ihm und schlug mit seinen ledrigen Fäusten auf ihn ein. Normalerweise wäre so ein Kreischer keine Gefahr. Ihre Fäuste waren nur so groß wie die eines Kindes. Doch jetzt, am Boden liegend, noch immer erschöpft vom Kampf gegen das Ungetüm und umgeben von Dunkelheit war selbst ein einzelner Kreischer eine Gefahr.
Ein Gott, gestürzt von einem Kreischer. Ein lustiger Gedanke. Sicherlich unvergesslich, bis in alle Ewigkeit.
Er tastete mit der linken Hand nach dem Steinwerkzeug, weil er es in dieser Richtung vermutete, während er mit dem rechten Arm und beiden Beinen versuchte den Kreischer von sich fernzuhalten. Eine kleine, anstrengende Ewigkeit schien zu vergehen, bis seine Finger endlich die scharfe Kante des Steins erfühlten. Sie griffen zu und er schlug mit aller Kraft in Richtung des nachtschwarzen Pelzes. Die steinerne Klinge bohrte sich durch Fell und Fleisch und versank geradezu in dem verstummenden Kreischer.
Doch das ersterbende Kreischen eines ihrer Horde hatte die anderen Kreischer alarmiert, die nun ihrerseits in der Dunkelheit zu schreien begannen. Er war immer noch nicht außer Gefahr.


#2 RE: Fundstück aus dem Notizbuch von Teja 21.04.2021 19:12

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Ich wüsste gerne, wie die Geschichte weitergeht und in welchem Zusammenhang die Abschnitte stehen.

#3 RE: Fundstück aus dem Notizbuch von Nharun 21.04.2021 19:20

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Das wüsste ich auch gerne Außer, dass das ganze so zwischen etwa 8 und jüngstens 6 Jahren alt sein dürfte (basierend auf Terminen im Notizbuch), hab ich dazu leider nichts: Ich müsste es noch mal neu erfinden. Ich vermute, dass "Er" in Abschnitt 1 und 3 der Prototyp des späteren torajanischen Asiranas gewesen sein könnte; möglicherweise stammt das ganze aus der Frühzeit der Toraja-Bebastlung und die Prophezeiung vom Meteor kündigt die Landung der Erdlinge an. Ich hätte schon irgendwie Lust, das in diesen Fragmenten angedeutete Setting noch ein bisschen auszubauen, aber ich weiß nicht ob ich dafür aktuell Zeit und Nerv habe. Vielleicht mache ich daraus einfach eine Welt in der Welt.

#4 RE: Fundstück aus dem Notizbuch von Elatan 14.05.2021 23:09

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Weißt du noch, was es mit der kristallenen Zeit auf sich hat?

#5 RE: Fundstück aus dem Notizbuch von Nharun 15.05.2021 09:49

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Ich vermute es die Beschreibung einer magischen/übernatürlichen Eigenschaft bzw. Fähigkeit des Protagonisten, die Zeit zu verlangsamen bzw. sie anders wahrzunehmen. Aber genaueres weiß ich nicht; vor der Wiederentdeckung der Geschichte, wusste ich gar nicht mehr, dass ich sie je geschrieben hatte ...

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