#1 Moral und Werte beim Weltenbau von Elatan 25.04.2022 16:41

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„Seriöse Schriftsteller setzen sich konkret mit moralischen Problemen auseinander. Sie erzählen Geschichten.
Sie evozieren unser Menschsein in Erzählungen, mit denen wir uns identifizieren können, auch wenn uns die Figuren fremd sind.
Sie regen unsere Phantasie an. Ihre Geschichten erweitern und vertiefen unser Mitgefühl. Sie bilden unsere moralische Urteilskraft aus.“
Susan Sontag, Die Erweiterung der Welt: Warum Literatur lebensnotwendig ist, 2003


Über den ersten Satz dieses Zitates stolperte ich kürzlich und da stellte ich mir die Frage: Ist das so? Müssen seriöse Schriftsteller, und ich erweitere es hier einmal auf Weltenbastler, sich mit moralischen Problemen auseinandersetzen? Ist man unseriös, wenn man sich nicht mit solchen Themen befasst?

Mir ist aufgefallen, dass ich mich in meinen Geschichten und meiner Welt tatsächlich meist mit moralischen Problemen auseinandersetze, ohne dass ich es wirklich so plane und dadurch dem Leser aufdränge. Bei manch kurzem Text ist das weniger der Fall und bei diesen ist dann manchmal nicht wirklich eine Moral erkennbar, gerade bei meinen Romanprojekten und der Welt selbst spielt Moral dann aber schon wieder eine wichtigere Rolle und ich meine damit nicht, dass ich eine Inworld-Moral erfinde und bastle und diese thematisiere, sondern dass wir selbst eine Moral in den Texten finden.

Das mal als kleiner Input und nun zerreißt die Meinung der guten Susan oder schaut verächtlich auf die jenigen herab, die keine seriösen Schriftsteller sind.

#2 RE: Moral und Werte beim Weltenbau von Aguran 25.04.2022 23:06

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Das was Sontag sagt ist an Banalität nicht zu übertreffen.

Weiches menschliche Handeln auch immer ist nicht, direkt oder auch nur indirekt, mit Moral und Moralvorstellungen verbunden.

Drum behaupte ich, sogar noch unseriöse Schmierfinken verwenden Moral für ihre Werke, wenn sie sie nicht sogar für es ihre Schmierereien instrumentalisieren.

#3 RE: Moral und Werte beim Weltenbau von Riothamus 26.04.2022 06:10

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Und sie äußert dabei wenig Bildung.

Moral muss nicht immer im Vordergrund stehen. Politik, Liebe, das Leben, Erfahrungen und andere Themen sind ebenfalls seriös. Ich zitiere zur Kunst ja gerne Voltaire: "Jede Art von Kunst ist gut, außer die die langweilig ist." Denn wenn Kunst uns anspricht, hat sie ein uns wichtiges Thema getroffen, womit sie relevant ist. Und das ist doch das eigentliche Ziel eines seriösen Autors. Sonst wäre er bloß ein eingebildeter Popanz.

Es werden weitere Bedingungen gefordert, etwa nicht populistisch zu sein. Und mit ihrer plakativen und radikalen Aussage reißt sie diese Latte. Doch ist das Zitat hier isoliert gegeben und ich werde mich auch nicht einlesen. Wir sind hier im seltsamen Raum der Literaturkritiker, der uns ja auch durch das Lobsen nicht unbekannt ist. Forderungen können im Gegensatz zu Aussagen negativ sein. Und die Forderungen der Kritiker lassen sich dahingehend zusammenfassen, dass Kunst Hand und Fuß haben und nicht trivial sein soll. Letzteres ist problematisch, denn was ein Reich-Ranizky als trivial empfand, mag ein weniger belesener und gebildeter Leser kaum verstehen. Darf ein seriöser Autor für Hauptschüler schreiben?

Und muss eine Frau Sontag wissen, dass es einen Unterschied zwischen Moral und Ethik gibt? Moral stellt durch Mythen begründete Forderungen der Gesellschaft, Ethik logische Erkenntnisse von Philosophen dar. Sie fordert daher, ob sie es weiß oder nicht, eine Selbstbestätigung der Gesellschaft und den Verzicht auf Kritik. Der Autor wird dadurch entmündigt und muss den Mainstream stützen. Ich denke, dass genau wäre kein seriöser Autor. Ich kenne Leute, die würden Frau Sontag deshalb als Faschistin bezeichnen. Aber genauso würde ich es für verfehlt halten, Moral aus der Literatur zu verdammen. Die Goldene Regel etwa zählt als Moral und ist eine der wenigen bewiesenen ethischen Aussagen. Anderswo hat Ethik keine Anforderungen. Aber Moral als alleinige Richtschnurr verzichtet auf Kritik der Gesellschaft.

Schauen wir genauer hin, ist - laut des gegebenen Zitats - sogar zu erkennen, dass sie fordert nur zu beschreiben und die Reflektion dem Leser zu überlassen. Der seriöse Autor als Schlagersänger oder Historiker? Und die Forderung, dass Kunst sich immer auch mit sich selbst zu beschäftigen hat, habe ich noch gar nicht berücksichtigt.

Meine letzte Speedbastelei wurde wegen schöner Moral gelobt. Doch im Grunde funktioniert genau die in der Geschichte nicht. Die Elfen können gar nicht moralisch richtig handeln, vorausgesetzt dass wir nicht die diplomatischen Möglichkeiten von heute voraussetzen. Da wurde knapp ein Krieg vermieden. Ethisch gäbe es mehr zu sagen, aber in einer Stunde war ich sehr froh über das Dilemma.

Weltenbau ist aber, denke ich, auch nicht immer Literatur im Sinne jener Aussage.

#4 RE: Moral und Werte beim Weltenbau von M.Huber 26.04.2022 07:13

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Toll geschrieben, wirklich. Das trifft den Weltenbau ziemlich auf den Punkt, wie ich finde.:)

#5 RE: Moral und Werte beim Weltenbau von Baxeda 26.04.2022 11:26

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Dem Banalitätsvorwurf des Zitats schließe ich mich an.

Der erhobene moralische Zeigefinger erscheint mir allzu verstaubt und schulmeisterlich, die Grenze zu Polemik und Propaganda liegt nicht weit. So sollten gebildete Menschen nicht schreiben müssen, um als seriös betrachtet zu werden, und eine solche Literatur sollte ihnen auch nicht als einzige Option zugemutet werden!

Auf den Weltenbau bezogen:

Asamura ist eine Welt der Grautöne, das Licht wird öfter vom Dunkel verschluckt als dass es ihm gelingt, die Nacht zu erhellen. Ich liebe Tragödien. Ist das unmoralisch? Nicht umsonst lautet die Prämisse aus Äonen der Asche: Alles hat seinen Preis. Das ist die traurige Moral unserer Geschicht. Asche ist unser Leitthema und unsere Zeitrechnung, ein dystopisches Thema, und doch verehrt man in Ledwick noch immer den kranken Sonnengott Alvashek und hofft, er möge heilen, wenn man nur genug für ihn tanzt und singt.

Und da ich nicht nur über die unglücklich gewählten Worte der Dame schimpfen, sondern konstruktiv bleiben möchte, hier mein Gegenvorschlag, wie man es auch sehen könnte mit der literarischen Erforderlichkeit der Moral:

Ich schlage vor, den Begriff im Sinne der Moral der Geschichte zu interpretieren. Aber Achtung: Eine Moral kann auch unmoralisch ausfallen. ;) Aus dieser Warte würde der Begriff der Moral als wesentlicher Bestandteil funktionierender Literatur zumindest sinnig erscheinen.

Insofern stelle ich voll Neugier die Frage: Gibt es eine solche Moral in euren Welten? Und falls ja - wie moralisch fällt sie aus? ;)

#6 RE: Moral und Werte beim Weltenbau von Riothamus 26.04.2022 21:27

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Sie hat Philosophie studiert und die Kritik an Kultur und Kunst war ihr großes Thema. Jeder Philosophiestudent lernt im ersten Semester, dass bei Philosophen und Philosophiehistorikern die korrekten Begriffe erwartet werden können. Das wurde auch schon zu ihren Lebzeiten manchmal thematisiert. Sie wusste genau, was sie da schrieb und wer sich mit Philosophie beschäftigt hat, wird entsprechend antworten. Ansonsten hieße es, ihre Worte als irrelevant zu nehmen. Eine Philosophin brauche ich nicht erst in die Wissenschaftssprache übersetzen. Natürlich kann sich auch ein Philosoph, wie Nietzsche es tat, poetisch äußern. Aber das tut sie in dem Zitat nicht. Aber ja, ich hätte darauf hinweisen sollen, dass ich das beurteile wie trainiert.

Moral der Geschichte?

Wozu bastele ich? Teils bastele ich für mich. Da gilt dann anderes. Dazu brauche ich hier nicht schreiben und es erklärt einige nicht beantwortete Fragen beim Speedbasteln.

Es gibt ja auch verschiedene Weisen zu schreiben. Manche Geschichten schreiben sich nur so herunter. Andere müssen ausgearbeitet werden. Wieder andere müssen konstruiert werden. Das Beste an Effie Briest, unsere Lehrerin verursachte bei dem Großteil der Klasse einschließlich meiner Person einen Hass auf diesen Roman, ist die Beschreibung Fontanes, wie er ihn erarbeitet hat. Richtig gelesen ist es ein Crashkurs zum Romanschreiben. Aber eine Geschichte, die sich herunterschreibt, hat eben auch keine ausgearbeitete Moral. Und sie bloß zu konstruieren? Fehlt da nicht das Fleisch, "das moralische Gesetz in mir", wie Kant es nannte? Ist frei nach Aristoteles die Mitte besser? Sollten das nicht eher jeweils anders beurteilt werden? Von Basteltechniken ganz zu schweigen?

So eine Moral habe ich selten im Sinn. Aber es gerät ja eben doch von selbst hinein, und sei es nur eine Frage. Selbst bei einer bloßen Tierbeschreibung kann das passieren.

Es ist auch nicht nur eine Moral der Geschichte. Eine Welt ist ja auch zu komplex dazu.

#7 RE: Moral und Werte beim Weltenbau von Aguran 26.04.2022 21:54

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Zitat von Riothamus im Beitrag #6
Sie hat Philosophie studiert und...


Gut, dann liegts an mir das ich bei den Zitat regelrecht Krätze bekam, geschieht mir bei Philosophen immer wieder.
Habe da keinen Sinn dafür, vor allem dieses ewiglange exerzieren und herumgequassel wegen der inhräenten Bedeutung der Tonlage eines Pups ist dermaßen ermüdend für mich, dass ich freiwillig die unangenehmsten Arbeiten übrernehme, nur um davon verschont zu werden.

Mit Philosophie soll sich gerne jeder befassen der möchte, ich jedoch bin da einfach raus aus dem Spiel.
Auch und grade weil ich es durchaus probiert hatte, aber ne danke.


"Die Philosophen sind wie Zahnärzte, die Löcher aufbohren, ohne sie füllen zu können."



Und zu "Moral vo nder Geschichte"
Ich lege keinen allzu großen Wert darauf ganz gezielt eine Moral zu fördern oder zu negieren.
Ich schreibe einfach und das ist genug.
Als menschliches und moralisches Wesen kann ich nicht aus meiner Haut, und es wird immer was moralisches abfärben, selbst, wenn ich gezielt versuchenwürde das zu unterlassen.

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