#1 Weltenbau, Weltenbasteln, Weltenwerken? von Nharun 02.03.2019 18:52

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Ich verwende die Begriffe "Weltenbau" und "Weltenbasteln" größtenteils synonym, bezeichne Projekte die gezielt eine Hintergrundwelt für etwas Anderes (einen bestimmten Roman, einen Film oder ein Computerspiel) aber eher als "Weltenbau", denn als "Weltenbasteln", weil letzteres dann doch eher die Assoziation des privaten, just-for-fun bei mir weckt.

Welche Begriffe für unser Hobby kennt ihr? Welche findet ihr gut, und warum? Welche benutzt ihr? Welche lehnt ihr ab und aus welchen Gründen?

#2 RE: Weltenbau, Weltenbasteln, Weltenwerken? von Artifex Nerracis 02.03.2019 20:38

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Ich kenne auch Weltenbau und Weltenbasteln, analog im Englischen worldbuilding. Ich benutze die Begriffe bauen, basteln, erkunden, entdecken, herausfinden. Ich mag Weltenbasteln als Begriff nicht, benutze ihn nur aus Gewohnheit. Die Gründe hatte ich irgendwo schon mal beschrieben: es klingt für mich so verniedlichend, abwertend, verharmlosend und hypsch-aber-nutzlos. Und das ist ein Stempel, den diese Tätigkeit meiner Meinung nach nicht verdient. Außerdem habe ich den Eindruck, dass man das Hobby anderen Leuten besser vorstellen kann, wenn man es nicht "basteln" nennt. Zumindest habe ich persönlich den Eindruck, etwas ernster genommen zu werden, wenn ich sage "ich erfinde/arbeite an einer fiktiven Welt" als "ich bastel eine Welt".

#3 RE: Weltenbau, Weltenbasteln, Weltenwerken? von Elatan 02.03.2019 22:39

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Recht schön finde ich den englischen Begriff conworld (constructed world) und demnach dann auch die "Berufsbezeichnung" Conworlder oder die Tätigkeit conworlding. Bei der Suche nach einem Namen für dieses Forum stellte ich auch eine eingedeutschte Variante, Konwelten, in den Raum, die mir selbst aber schon nicht besonders gefiel. Ich weiß nicht, wie es gewesen wäre, wenn das Weltenbastlerforum, durch das ich das erste Mal auf einen griffigen Begriff für die Tätigkeit des Erschaffens von fiktiven Welten stieß, nun das Konweltenforum gewesen wäre; vielleicht wäre dieser Begriff dann für mich ebenso selbstverständlich wie der des Weltenbastelns. Ich glaube, dass Weltenbau übrigens nicht nur von Nharun auf diese Weise benutzt wird und generell eher für das Kreieren kommerzieller Welten Gebrauch findet. Außerhalb des Kreises jener, die dieses Hobby mit mir teilen, spreche ich eigentlich nicht darüber, aber wenn ich es tu, dann spreche ich meist auch vom "Erschaffen" oder "Arbeiten an".

#4 RE: Weltenbau, Weltenbasteln, Weltenwerken? von Amanita 02.03.2019 23:01

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Ich bin eigentlich mit dem Begriff Weltenbasteln ganz zufrieden.
"World-Buidling" oder übersetzt Weltenbauen kenne ich auch eher als Bezeichnung für Hintergrundarbeit für kommerzielle Zwecke und nicht als Hobby an sich. "Con-Worlding" oder sowas gefällt mir jetzt überhaupt nicht, aber ich mag auch grundsätzlich keine Anglizismen, von Begriffen wie Computer, die sich wirklich eingebürgert haben, mal abgesehen.
Ehrlich gesagt denke ich mir, dass bei der Ablehnung des Worts Weltenbaseln, weil es nicht ernsthaft genug klingt, wieder diese anerzogene innere Stimme ins Spiel kommt.
Wie an anderer Stelle schon geschrieben, rede ich mit Personen, die sich nicht dafür interessieren gar nicht über das Thema und wenn doch, würde ich glaube ich das Wort "Ausdenken" nutzen. Das liegt aber auch daran, dass "Basteln" und "Bauen" für mich beide auch eine handwerkliche Komponente haben, die bei mir wegfällt, weil ich nicht malen, zeichnen, nähen oder dergleichen kann. Das Ganze spielt sich größtenteils erstmal in Gedanken, deswegen ausdenken ab und dann rein verbal.

#5 RE: Weltenbau, Weltenbasteln, Weltenwerken? von Elatan 02.03.2019 23:08

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Zitat von Amanita im Beitrag #4
"Con-Worlding" oder sowas gefällt mir jetzt überhaupt nicht, aber ich mag auch grundsätzlich keine Anglizismen, von Begriffen wie Computer, die sich wirklich eingebürgert haben, mal abgesehen.

Darum dachte ich auch über ein Eindeutschen nach; allerdings kam mir das dann doch sehr seltsam vor.

#6 RE: Weltenbau, Weltenbasteln, Weltenwerken? von Teja 02.03.2019 23:37

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Ich habe den Begriff "Weltenbasteln" überhaupt erst im entsprechenden Forum gehört. Ich weiß nicht einmal mehr, ob ich dafür vorher überhaupt einen Namen hatte. "Ausdenken" könnte es gewesen sein, weil ich damals auch keine Aufzeichnungen hatte und alles nur Tagträumerei war. Wenn ich hier von "Basteln" rede wissen halt alle, was gemeint ist, auch wenn ich den Begrifft nicht so 100%-ig passend finde. Die anderen genannten Begriffe gefallen mir aber auch nicht 100%-ig. Wenn ich so drüber nachdenke, sage ich eigentlich geistig eher "Ich entwerfe eine Welt".

#7 RE: Weltenbau, Weltenbasteln, Weltenwerken? von Riothamus 30.03.2020 08:05

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Was ich dafür verwende, hängt eher von meiner Stimmung und dem Gesprächspartner ab. Entwerfen, Konstruieren, Bauen und Basteln können da vorkommen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, welchen Ausdruck ich dafür zuerst hörte. Es könnte durchaus ein Text gewesen sein, bei dem sich Bauen und Basteln abwechselten. Bevor im Weltenbastlerforum darüber diskutiert wurde, habe ich mir eigentlich groß keine Gedanken darüber gemacht. Weltenbasteln ist eben gemütlicher, aber auch liebevoller als Weltenbau und das Entwerfen derselben eben weniger geschäftsmäßig.

Klar, in unserer Gesellschaft ist das, was nicht durch und durch nach Ernsthaftigkeit klingt, oft weniger angesehen. Aber ich brauche dabei ja nicht mitmachen. Ich kann den schönen Seiten des Lebens ihren Raum lassen. Und dementsprechend kann ich auch professioneller Vorgehen, wenn dies angezeigt ist. Ja, ich gebe zu, ich habe schon manchen Weinkenner mit einem "Letztlich muss er schmecken." aus dem Konzept gebracht. Aber wer das vergisst, der weiß nicht mehr, worum es bei Wein geht. Und da macht es eben einen Unterschied, wenn eine Welt bloß zum Broterwerb zusammengeschustert wird oder die Konstruktion auch als Kunst und Unterhaltung verstanden wird. So gesehn, kann das Hobby dem Professionellen Basteln auch überlegen sein. Das bringt uns dazu, dass mit unterschiedlichen Voraussetzungen gebastelt werden kann. Ein historischer Roman muss ab einem gewissen Punkt von der Geschichte abweichen. Dahn hat das gleich zu Anfang von 'Ein Kampf um Rom' klar gemacht, indem er an den beschriebenen Helden in der Szene, in der Hildebrand sie zum Wohl der Goten schwören lässt, ganz unterschiedliche Vorstellungen von der barbarischen Kleidung schilderte und Scheffel hat ebenfalls gleich am Anfang klar gemacht, dass sein 'Ekkehard' mit einer Portion Humor zu verstehen sei, indem er schrieb, dass das Licht im Dunkeln Zeitalter Mittelalter tatsächlich nicht so hell wie heute war. Und so können auch wir unsere Welten nicht bis ins letzte hinein korrekt entwerfen. Die Frage ist nur, ab wenn ein jeder Konstruktionsweltenkünstler von der Korrektheit abweichen möchte. Dies ist aber kein Bewertungskriterium. Was für die Fliesenwelt Rami passt, geht nicht für eine SciFi-Welt, die versucht die nahe Zukunft darzustellen oder wie Star Trek nicht im Gegensatz zu unserer Physik stehen möchte, aber deutlich weiter entwickelt sein will.

Und dies führt uns zu einer seltsamen Erscheinung. 'Professionell' gebaute Spielewelten oder eine Welt nur für eine Kurzgeschichte brauchen mitunter nur rudimentär ausgearbeitet sein und können unrealistischer und inkonsistenter sein, als das meiste, was wir basteln. Ja, die meist benutzte Definition von Don Markstein geht lediglich von Literatur aus, nicht von Modellen und Gedankenexperimenten. Es handelt sich beim 'professionellen' Weltenbau also gerade nicht um konsistente Entwürfe oder ingenieurmäßigen Konstruktion einer Welt. Wer also nicht nur Welten für nur jeweils einen Zweck entwirft und wenn dieser erreicht ist, aufhört oder wer versucht, seine Welten konsistent und mit (gewisser) Rücksicht auf die Wissenschaft zu konstruieren, wird eigentlich durch den Begriff "Weltenbau" in eine viel einfachere Kategorie eingeordnet. Ein Künstler ist kein Handwerker. Und genau so geht von unserem Entwerfen fiktiver Welten viel verloren, wenn es als Weltenbau bezeichnet wird.

Was ist nun mit dem Basteln? Ja, viele Hausfrauen-Basteleien sind echte Kunst, wie auch einige purer Kitsch oder gar nicht zu gebrauchen sind. Die Abneigung gegen den Begriff mag darauf beruhen, dass jeder Basteln kann und schon Kindergarten-Kinder basteln. Was ist schlimm daran, wenn man keine Elite bilden will? Ja, im Altertum hätte man das Basteln vielleicht dem edlen otium, der edlen Ruhe beigesellt. Gerade das Basteln wäre also eine angemessene und ehrende Tätigkeit für alle Snobs gewesen. Und heute ist es sowohl das Einüben wichtiger Fähigkeiten als auch die Möglichkeit für Kreativität irgendwo zwischen Handwerksordnung und Kunst und mehr als das ist es ein Ausdrucksform der Individualität für Personenkreise, denen dies sonst verschlossen wäre. Denken wir an die Bücher von Davidis, nach denen noch meine Großmütter das Kochen und die Hausarbeit lernten. Es ging darin auch darum, Frauen aufzuzeigen, wie sie trotz ihrer festgelegten Rolle dennoch bei ihrer Tätigkeit als Hausfrau Nischen finden konnten, sich wenigstens ein bisschen zu verwirklichen. Dies ist in der heutigen Zeit ein geringeres Problem, aber es zeigt die Wichtigkeit des Bastelns in einer Zeit, die von jedem und jeder Individualität fordert, selten aber nur diese Individualität wirklich zulässt. Es erfüllt in der heutigen Zeit also drei für die Gesellschaft wichtige Funktionen und mit Blick auf das Altertum können wir es (auch) als kreativ schaffendes Hobby definieren. Es ist also nichts, über das der Informierte abfällig reden sollte. Aber es bedeutet eben immer noch Hobby.

Kommen wir zu den weniger benutzten Begriffen. Weltenkonstruktion klingt dann natürlich wie etwas, was meinem größenwahnsinnigen Wissenschaftler über die Lippen kommen könnte, daher klingt Konwelten für mich weniger wie Denglisch, dafür aber leicht bedrohlich. Für andere klingt Konstruktion nach Technik und Mathematik. Und damit ruft es bei einem Großteil unserer Bevölkerung negative Gefühle hervor. Weltenerschaffung oder dergleichen würde von vielen als Blasphemie und -wahrscheinlich auch von einigen Atheisten- als Anmaßung verstanden. Fiktive Kosmogonie würde mir ja gefallen. Es klingt dabei auch eher Mythologie als Religion an. Doch dank der Kosmonauten klingt es eher nach Ostblockwissenschaft und fällt damit auch unter den Naturwissenschaftsverdacht. Weltentwurf oder Weltenentwurf. Das hört sich für eine Welt schön geisteswisseschaftlich und elegant an. Weltenentwerfen kommt dann aber recht unbeholfen daher. Entwurf von Welten also? Sprachlich korrekt, nicht unelegant aber unmodern lang? Ich finde also auch hier keinen wirklich passenden, angenehmen und schönen Begriff.

Nun, wir kennen das ja von anderen Bereichen, für die es Homonyme gibt. Es kommt nicht nur auf die Tätigkeit an oder darauf, wie der darin tätige sie sieht. Es geht auch um das Umfeld und die Situation, in dem davon gesprochen wird. In einem Hobby-Forum finde ich Weltenbasteln angenehm. Wenn uns die FAZ jemals interviewen sollte, wäre es sicher gut, Begriffe wie Weltenbau, Weltentwurf und Weltenkonstruktion einzubauen. Damit können die Leser etwas anfangen und die Tätigkeit als nützlich empfinden. 'Fiktive Kosmogonie' könnte dabei am Rande auch bemüht werden, passte aber wohl besser in andere Zeitschriften. Da bei einem Nischenhobby und einer Nischentätigkeit in jedem Fall Erklärungen gegeben werden müssen, ist dies meiner Ansicht nach nicht weiter problematisch.

Natürlich können wir einen neuen Begriff prägen: Orbikultur, Kosmokultur (wegen kosmopolitisch wohl nicht mit Wissenschaft konnotiert), Weltenkultur. (Vielleicht auch mit -technik oder -fiktion.)

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