Die Bucht von Jamarra liegt sehr günstig, am südlichsten Zipfel von Nelander, dort wo die Westliche See ins Nebelmeer übergeht. Schon vor Beginn der Geschichtsschreibung gab es dort einige Fischerdörfer, die sich um den Obelisken herum niedergelassen hatten.
Laut der offiziellen Geschichtsschreibung wurde Jamarra durch die Ansiedlung mehrerer Wellen von Fashti-Siedlern gegründet, die aus dem Norden, genauer gesagt aus der Arnak, kamen. Historiker verknüpfen diese Siedlungswellen gerne mit der Großen Dürre von 823 und vergleichbaren Dürreperioden. Es stimmt sicher dass viele Menschen zu dieser Zeit nach Süden geflohen sind, um dem Verhungern zu entkommen. Heute noch erkennt man in Jamarra einen großen kulturellen Einfluss der ehemaligen Wüstenbewohner.
Ein noch wichtigerer Einfluss kommt jedoch aus dem Osten und aus dem Süden, auch wenn gerade einheimische Historiker darüber gerne Stillschweigen wahren. Im fünften Jahrhundert fiel Usbat im Delta der Valka ein und eroberte nach und nach weite Landstriche. Um eine unkontrollierte Ausbreitung dieser Barbaren in den Westen zuvor zu kommen, nahm Mitka die Bucht von Jamarra in Besitz.
Usbat reagierte darauf, indem sie eine enorme Flotte aufbauten, um den Seeweg zur Bucht abzuschneiden, unwissend, dass Mitka schon lange auch über den Landweg Zugang hatte. Es kam zu einer Pattsituation, die mehrere Jahrzehnte anhielt.
Erst mit dem Ausbruch der Pocken in Usbat änderte sich das Machtverhältnis deutlich. Gerade die usbatische Oberschicht wurde von der Seuche so schwer getroffen, dass sie ihre Besitzungen in Nelander aufgeben mussten. Sie reagierten allerdings nicht schnell genug und so kam es auch im heutigen Cir und in Jamarra zu Seuchenausbrüchen.
Viele Menschen deuteten die Seuche als einen Racheakt der Götter für ihre Verfehlungen und auch die Mitkaner zogen sich in den Norden zurück und überließen die Fischer in der Bucht sich selbst. Die Mitkaner kehrten nie wirklich zurück, da innere Unruhen das Reich in Aufruhr versetzten und der Grund für den Außenposten im Nebelmeer – Usbat – keine Gefahr mehr darstellte.
Während die Menschen auf dem Land dahingerafft wurden, gelang es einigen der usbatischen Freibeuter, zu überleben. Sie blieben auf ihren Schiffen und überfielen gelegentlich die Inseln des Nebelmeers, um sich mit Nahrung zu versorgen. Einige von ihnen scheinen schlussendlich beschlossen zu haben, ihre alte Mission wieder aufzunehmen und Jamarra zu erobern. Dies gelang ihnen mit nur geringer Gegenwehr, allerdings gab es keinen Herrn mehr, für den sie die Siedlungen in der Bucht übernehmen konnten.
Stattdessen beschlossen die ehemaligen Freibeuter, in eigener Regie zu handeln und bauten ihr eigenes, blühendes Reich auf. Sie begannen mit Überfällen auf die Seehandelswege, die sich gerade erst von der Krise erholt hatten. Die frühen Jamarrer sollen ihren Reichtum durch Piraterie, Sklavenhandel und noch andere unlautere Praktiken erworben haben, bevor einige der Mächtigen Piratenfürsten der Stadt erkannten, dass sie auch durch legalen Handel an Geld kommen konnten. Erst gegen Anfang des achten Jahrhunderts verliert sich der Ruf der Stadt als ein Piratennest. Die mächtigen Familien wenden sich zunehmend ehrbarem Handel zu und die aufblühende Metropole zieht nicht mehr nur Halsabschneider und Glücksritter an. Mehr und mehr findet man Gelehrte, die schließlich die berühmte Akademie gründen. Die älteste sekulare Ärzteschule des Kontinents entsteht nur wenig später.
Heutzutage hat Jamarra den Ruf einer weltoffenen Handelsmetropole. Man muss schon ein sehr eingefleischter Historiker sein, um die parallelen zwischen dem Rat der Fünf und den typischen Strukturen des organisierten Verbrechens zu erkennen. Sollte man mit dem Gedanken spielen, solche Erkenntnisse zu Papier zu bringen und zu verbreiten, sollte man das in großem Abstand von der Stadt machen.
@Teja: Also dieser geschichtliche Abriss hat mich wieder einmal angefixt und ich hoffe, bald mal das Buch lesen zu können. Das mit dem Rat der fünf erinnert mich an die New Yorker-Mafiafamilien und ich mag es, solche Ähnlichkeiten zu entdecken. Sehr schön, wie du eine so reiche Geschichte so kurz und knapp wiedergeben konntest!
Und hier sind meine Lobsbeeren, aus dem eigenen Garten, die waren leider erst jetzt reif:
@Chrontheon Die Polizei in diesem Land ist ja ganz schön inkompetent. @Nharun Da gehört einiges dazu, so eine Räuberbande gut organisiert zu halten! Beim Begriff Ogertes dachte ich auch sofort an Horger. Und dann lieferst du auch noch gleich ein ganzes Glossar mit. @Riothamus s Eine hübsche Anekdote, bei der ich gut verstehe, warum man sie in Kirra gerne totschweigen würde. @Elatan Kommissar Kornath ist ja ein ganz schön zynischer Typ. Es wäre schön gewesen, wenn das Opfer wenigstens erst ermordet und dann ausgeschlachtet wurde…
@Teja : Eine schöne historische Konstruktion, die spannend zu lesen ist. Gibt es da nicht einen Piratenfilm mit einem Rat von 5 Kapitänen? Und inwieweit ist die Geschichte außerhalb Jamarras bekannt? Und schließlich: Wie lautet denn die Alternativ-Geschichte, die Jamarra anbietet? Ja, viele Fragen, aber das zeigt nur, dass du realistisch gebastelt hast. Nicht von ungefähr gelten ja in der Altertumswissenschaft neue Quellen ohne neue Informationen und neue Fragen als verdächtig. Geschichte ist eben so umfangreich, dass immer weiter gefragt werden kann. Darum gibt es Extra-Lobsbeeren.
Zu meiner Bastelei:
Nun, das Reich von Kirra ist ja sehr speziell. Es darf niemand bezweifeln, dass Kirra und nur Kirra über die Inseln herrscht.
@Riothamus Die offizielle Geschichte lautet vermutlich, dass die Bucht nach und nach in mehreren Wellen besiedelt wurde und die Bewohner irgendwann angefangen haben, in großem Stil Handel zu treiben und damit sehr erfolgreich waren.
@Teja: Na das ist was, von organisierter Piraerie zum ehrbaren Handelsimperium. Ist vielleicht ein Teil des organisierten Verbrechens geblieben, das sich versteckt, indem es die Verbindungen geheim hält?
°'°'°'°'°'°'°'°'
Zitat von Nharun im Beitrag #15@Chrontheon Ein gewohnt gut geschriebener Dialog, dessen offen bleibende Fragen gut zur Thematik passen. Dafür hast du schon mal Lob verdient, aber eine Extraportion Lobsbeeren bekommst du für die "Narkuntelstämme", das ist so ein tolles Wort!
Danke! Bei den Narkuntelstäämen weiß ich aber auch nicht mehr, was ich mir gedacht hab. Noch weniger konnte ich allerdings glauben, dass ich den Boss "Ven" genannt hab ...
Zitat von Teja im Beitrag #18@Chrontheon Die Polizei in diesem Land ist ja ganz schön inkompetent.
Wie oben schon erwähnt, ist die Reichspolizei normalerweise besser. Nur am Unternehmen der Tiles scheint sie zu scheitern.
Zitat von Chrontheon im Beitrag #21 @Teja: Na das ist was, von organisierter Piraerie zum ehrbaren Handelsimperium. Ist vielleicht ein Teil des organisierten Verbrechens geblieben, das sich versteckt, indem es die Verbindungen geheim hält