Es mag verwunderlich erscheinen, aber tatsächlich gab es bis zur Rückkehr der Amnúrer nach Aren (bzw. kurz zuvor) keine Pferde auf den beiden „alten“ Kontinenten. Dies mag vor allem deswegen erstaunlich sein und falsch klingen, da es Reiterei auch schon vor der Zeitenwende gab und mit den Nemerern sogar schon während der Zeit Kaiser Essiaros’ ein Reitervolk existierte. Die Nemerer zu jener Zeit und in jener der Magierherrschaft hatten zwar keine Pferde, nutzten allerdings bereits das Gabelnashorn, den Eland und den gewaltigen Enivar, wenngleich erst nach der Machtübernahme durch die nemerischen Frauen letzterer so stark an Bedeutung zunehmen konnte.
Der Eland, eine Antilopenart, die wohl ursprünglich aus Nordilranuh stammt, war neben dem Esel das verbreitetste Reittier in Aren und Ilranuh, doch gerade für militärische Zwecke konnte er niemals die Bedeutung erlangen, welche das Pferd heute innehat – genauso wenig wie die großen Elche des Nordens, welche von einigen Elben und Menschen geritten wurden und immer noch werden. Oft genug hört man zudem davon, wie Zwerge auf wütenden Keilern in die Schlacht reiten und verheerende Schäden anrichten oder Orks auf riesigen Wölfen auf blutige Jagd gehen – dies sind allerdings wohl eher Märchen und Gerüchte.
Das Pferd, welches die Amnúrer auf dem westlichen Kontinent gefunden und domestiziert hatten, kam bereits kurz vor ihrer Rückkehr nach Aren, als die Amnúrer es im letzten Jahrhundert ihres Reiches schafften, Kontakt mit den Elben Alvaryns herzustellen und mit diesen Handel zu treiben. Als sie schließlich ihr Reich aufgeben mussten und nach Aren kamen, brachten sie ihre Pferde mit aufs Festland und eroberten vom Rücken dieser Tiere aus die Länder, die sie heute noch beherrschen. Die Pferde kamen auch bald in die Hände anderer Völker und verdrängte dort insbesondere bei der Obrigkeit alle anderen Reittiere. Und nicht nur aus ihren Ställen wurden die Vorgänger der Pferde verdrängt, sondern auch aus ihren Geschichtsbüchern: In nicht wenigen Texten, die sich mit der voramnúrischen Zeit befassen, werden Pferde erwähnt, obwohl es sie zu dieser Zeit an diesen Orten überhaupt nicht gab; wenn man also in solchen Geschichten und Abhandlungen das Wort „Pferd“ liest, so soll man es besser als Synonym für „Reittier“ ansehen und im Hinterkopf behalten, dass ein Pferd auch ein Esel, ein Eland oder sonst eine Kreatur sein kann.
Mythische Reittiere: Zwischen Fakt und Fiktion (Auszug)
„… alles verloren schien, brachen sie aus den grauen Wolken hervor: Die Pelandine kamen wie der Sturmwind vom Himmel herab, begleitet von den brüllenden Schreien ihrer Greifen …“ (Euras Nyrmedas: Daios Flammenfaust und die verderbten Kriegerinnen, 1975)
In den Museen stehen wir immer wieder staunend vor den Reliefdarstellungen von Greifenreitern, die gegen die Horden der Verderbnis kämpfen und obwohl wir wissen, dass die Greife vor dem dunklen Zeitalter noch zahlreich die Berge Echyriens bevölkerten, wir vielleicht sogar einmal die Greife im Zoo von Pellas bewundert haben: Wir halten diese Darstellungen für Ausgeburten der Phantasie.
Natürlich liegt der Gedanke nahe. Diese „Pelandine“, wie wir die Krieger des Ordens vom weißen Greifen gemeinhin nennen, lebten in einer Zeit, als die Kavallerie Arrovelosias noch auf Eseln in die Schlacht zog und nur wenige Elitetruppen auf Pferden. Berittene Krieger, die sogar durch die Luft reiten konnten, müssen da nur eine Wunschvorstellung gewesen sein.
Doch in den Ruinen von Pelandis finden wir tatsächlich Hinweise darauf, dass der „weiße Greif“ mehr als nur ein Wappentier der Vorgänger der Bewahrer gewesen ist. Einige Stallanlagen wirken nicht wie Esel- oder Pferdestallungen, sondern sind auf die Bedürfnisse dieser geflügelten Räuber zugeschnitten; ja, sogar ihr Kot wurde dort gefunden – und da die Greifen auch in jener Zeit nicht im Phalis heimisch waren, müssen sie dort hingebracht worden sein.
In den auf uns gekommenen Schriftquellen finden wir wiederum nur wenige Belege für die Greifenreiter. Nur wenige Zeilen deuten an, dass eine Domestizierung dieser Raubjäger tatsächlich versucht wurde, aber nicht gelang; dass vielmehr die Greifen aus ihren Nestern gestohlen und mühsam abgerichtet werden mussten. Doch wir finden keine Berichte über den Einsatz dieser Greifen. Handelte es sich doch nur um Haustiere? Maskottchen, vielleicht?
Ein neuer Fund auf einem spätantiken Schlachtfeld in Eneathia spricht für ihren Einsatz: Teile eines Greifenskeletts und einige Metallteile und Lederreste, die den Archäologen zufolge von einem Zaumzeug stammen müssen. Dies könnte der endgültige Beweis für die Existenz der Greifenreiter sein.
Wenn nun die „phantastischen“ Greifenreiter keine Fiktion, sondern Fakt sind, bestünde dann die Möglichkeit, dass die frühantiken Erseven auch tatsächlich auf Feuerdrachen in die Schlacht ritten? Dass der „Drachenritt“ der ersevischen Könige kein Ritual, keine propagandistische Darstellung, sondern ebenfalls etwas tatsächlich Geschehenes war? Hier fehlen uns hinreichende Funde, um dies zu belegen. Dennoch meine ich, wir sollten diese Möglichkeit nicht gänzlich ausschließen und als Phantasie abtun: Die Greifenreiter zeigen, dass die Antiken weit einfallsreicher und wagemutiger waren, als wir den Eselreitern heute zutrauen.
Betrachten wir die Tatsachen, dass die Gunubier und Demarer bereits in der Antike das Kamel abrichteten und die Okarer spätestens seit der Spätantike auf ihren Reitechsen in die Schlacht zogen, können wir nicht ganz ausschließen, dass die Zähmung eines Feuerdrachens unter Gewissen, den Greifen vielleicht nicht unähnlichen Umständen, möglich war: Immerhin handelt es sich bei diesen beiden Reittieren auch um Echsenartige.
@Elatan Mir gefällt, dass die Rückkehr der Amnurer auch in diesem, scheinbar eher unbedeutenden Gebiet, eine Wende einleitete; die möglichen Reittiere, die du aufzählst, sind interessant, aber besonders gefällt mir, dass typische "Klischeereittiere" in deiner Welt Phantasien existieren!
@Nharun: Ein überaus interessanter Beitrag. Ich frage mich, warum die Greifen denn heutzutage nicht mehr geritten werden bzw. wie es geschehen konnte, dass das Wissen hierüber zum Mythos wurde. Da kam bei mir irgendwie die Frage auf, ob dieser vermeintliche Beweis auf einem Schlachtfeld vielleicht doch falsch interpretiert wurde.
Tatsächlich! Aber wir nahmen es als Ersatzthema für ein anderes, sehr unpassendes Thema und dieses passte wenigstens zum Tagesthema und Inktober-Prompt ... und da das letzte Mal beim 54. Speedbasteln war und noch im alten Forum, können wir da mal ne Ausnahme machen
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