Am Mittwoch wird, wie immer, um 19:45 Uhr im Discord eine Auswahl an Themen präsentiert, aus denen wir dann eines erwürfeln, das ab 20:15 Uhr bebastelt wird! Seid dabei!
Vor einiger Zeit sagte ein sentarischer Mönch, dass Kleidung das sei, was den Menschen vom Tier unterscheide, und gerne wird er immer noch zitiert, wenn einige Leute es gar zu bunt treiben. Es gibt allerdings auch nicht wenige, die sagen, es sei doch sehr dürftig, wenn nur ein paar Fetzen Stoff den Menschen vom Tier scheide.
Wie Nacktheit zu betrachten sei (oder besser nicht) ist eine Frage, auf man unzählige Antworten bekommt, wenn man Menschen, Elben, Zwerge oder all die anderen Wesen, die sich auf der Erde tummeln, fragt und da es viel zu ausschweifend werden würde, auf all diese unterschiedlichen Ansichten einzugehen, sollen nur einige Beispiele genannt werden.
In keinem der arenischen Länder gilt es als schicklich, überall nackt herumzulaufen. Jemand, der ohne Kleider über den Marktplatz einer thyonischen Stadt spazieren würde, würde wohl ausgelacht und ausgeschimpft werden und wohlmöglich entweder im Kerker landen, oder aber aufgrund der Störung der öffentlichen Ordnung aus der Stadt herausgeworfen werden. Andererseits aber ist Nacktheit im Badehaus oder auch an und in Gewässern während der warmen Jahreszeiten nichts tadelnswertes. Oft gilt: Wo kein Kläger, da kein Richter und Gesetze, die direkt gegen Nacktheit sind, findet man kaum und so ist es dann immer eine Frage, ob andere sich von einem Nackten belästigt fühlen oder nicht, und was eben die örtlichen Ordnungshüter zu der Angelegenheit sagen. Im Sentarismus selbst finden sich dann auch keine Verbote von Nacktheit, wohl aber Geschichten, die davon erzählen, wie Übeltäter bestraft werden, indem man sie nackt fortjagt. Dass also eine gewisse Scham mit Nacktheit einhergeht, ist durchaus zu erkennen und erklärt auch, neben ganz praktischen Gründen, warum man an heißen Sommertagen nicht einfach die Kleider liegen lässt und ohne sie hinausgeht. Da viele der Geschichten, die die Sentarier sich erzählen, wiederum aus den Seir Terínein stammen und damit von den Taten der Elben berichten, diese also Hauptfiguren jener großen Erzählungen sind, kann man sagen, dass diese Ansichten der Sentarier auch größtenteils mit denen der Elben übereinstimmen.
Erwähnenswert ist allerdings, dass einige Dinge, die nur am Rande in den Terínein wertfrei erwähnt werden, von den Sentariern viel später dann doch anders verstanden werden: So wird in einer Erzählung erwähnt, dass eine Fürstin oder Prinzessin Xuzails ihre Brüste nicht verdeckt hatte, wie es in ihrem Volk nicht ungewöhnlich war; dies sahen einige Sentarier als ein Zeichen für die Verkommenheit und Ungezügeltheit der Xuzailer und schließlich einen der Gründe dafür, dass die Alte Welt in Feuer und Finsternis unterging.
Eine völlig andere Ansicht vertraten allerdings die Anhänger einer Sekte, die in Merydien einige Dutzend (manch eine Quelle spricht von hunderten) Mitglieder hatte. Die Anhänger dieser friedfertigen Glaubensgemeinschaft, die daher auch nicht verfolgt wurde, vertraten die Meinung, der Mensch müsse zu seinen natürlichen Wurzeln zurückkehren, zu einer Zeit, bevor der Merohir Veren ihm gezeigt hatte, wie wie man unter anderem auch Kleidung fertige und sich in sie hülle. Sie wollten sich nicht über Tiere stellen und völlig im Einklang mit der Natur leben. Was aus dieser Sekte wurde, ist nicht bekannt; manch einer behauptet, der Winter kam und die Mitglieder seien schlicht erfroren oder hätten gemerkt, dass ein warmer Mantel und ein Feuer im Ofen eines Hauses doch nicht so schlecht seien.
In Gegenwart und Vergangenheit war der nackte menschliche Körper in den meisten Kulturen ein Ausdruck der Unversehrtheit von der Verderbnis und der athletische, nackte jugendliche Körper das Schönheitsideal, der mit Kleidung nur als modischer Akzent spärlich bedeckt wurde. Die wenigsten Kulturen kannten daher ein besonderes Schamgefühl oder tabuisierten Nacktheit außerhalb enger und teils sehr spezieller Grenzen.
Für die Kulturen des echyrischen Kulturkreises galt ein Mensch beispielsweise nur als nackt, wenn seine Eichel oder Schamlippen zu sehen waren; Männer die sich ihre Vorhaut mit einem Band (Gaygaphon) zusammenbanden wurden daher als bekleidet angesehen. Unter Männern gibt es eine gewisse Scham vor einer öffentlichen Erektion, die jedoch weniger mit der Erektion an sich, als vielmehr damit zusammenhängt, dass dabei die Eichel sichtbar wird.
Die Eichel- bzw. Vaginallippenscham ist und war in vielen Kulturen verbreitet und bedingt auch eine Scham vor öffentlichen sexuellen Akten.
Die meisten Kulturen sahen jedoch eine Bedeckung der Leistengegend oder gar des gesamten Unterkörpers als notwendig an, um nicht nackt zu sein. Wobei hier bisweilen auch freizügige Kleidungstücke aus Kordeln, Stoff- oder Lederstreifen zum Einsatz kamen.
Ein „Zuviel“ an Kleidung wurde immer skeptisch beäugt, wenn Witterung, Umstände oder Zeremonial sie nicht erforderlich machten; denn für den Betrachter schien der Träger stets im Verdacht irgendwelche verderbten Makel verbergen zu wollen. Die Durchdringung des Alltags mit Magie seit der Magischen Revolution führte außerdem dazu, dass Kleidung ihren Charakter als Schutz vor Witterung oder Gefahren noch weiter verlor und immer weniger Umstände ein Kleidungsgebot bedingen.
In vielen Kulturen quer durch die Zeiten gilt Körperkunst in Form von Tätowierungen, Skarifizierungen oder Körperschmuck als adäquate „Bekleidung“ und hat einen hohen modischen Stellenwert.
Obwohl Nacktheit durch ihre Allgegenwärtigkeit nicht stark sexualisiert ist, ist das was an Kleidung getragen wird oft daraus ausgelegt die Genitalien durch Schmuck oder Machart besonders zu betonen; Formen von Schamkapseln oder Penishülsen finden sich in vielen Epochen und Kulturen. Auch die weibliche Brust wird durch Kleidungsakzente, Schmuck, Tätowierungen oder Schminke besonders hervorgehoben.
Eine besondere Ausnahme bilden die Kulturen des Phanechischen Kulturkreises seit dem Mittelalter. Während in Antike und Klassik gerade der Oberkörper noch oft unbekleidet zur Schau gestellt wird, beginnen die Phanecher bereits im frühen Mittelalter vermehrt Tuniken und Roben zu tragen. Während die Tuniken (Sitra) zunächst noch ärmellos sein können und nur bis knapp über hüftlang sind, zu denen kurze, knielange Röcke (Scharrot) oder einfache Lendenschürze (Berife) getragen, werden Tunika (Setra) und Unterhose (Berife) bald zu einer reinen Unterkleidung (Trachta) über der eine Hose (Dschanna) und eine weitere Tunika (Hamut) bzw. ein Unterkleid (Scharife) getragen werden. Und selbst darüber trägt der Phanecher dann noch eine Robe (Mital) oder eine lange Jacke (Alastre) und die Phanecherin ein langes Gewandkleid (Taballa), die nur abgelegt werden, um zu arbeiten. Sich in der Unterkleidung zu zeigen, gilt bereits als „nackt sein“ (arusch), weshalb es außerhalb von Badehäusern meist mit Strafen belegt wird, sich außerhalb des eigenen Hauses nur in Unterkleidung zu zeigen. In den Badehäusern wird die normale Unterkleidung auch häufig gegen ein eigenes Badegewand (Schanna) getauscht, das einem knöchellangen Hemd ähnelt.
Im Kontrast dazu war es für die Phanecher aber üblich im Privaten nur in ihren Untergewändern oder sogar noch spärlicher bekleidet zu sein. In der mittelalterlichen Literatur finden sich daher viele Schriften, die betonen, dass man die Enge einer Freundschaft daran beurteilen könne, wie viel Haut man von seinen Freunden gesehen habe. In wohlhabenden Kreisen hatten die Privathäuser oft drei Bereiche, die sich anhand der Kleidung unterschieden: Einen „äußeren“ Bereich (Be‘it) in dem man sich vollbekleidet aufhielt; einen „inneren“ Bereich (Ba‘ut), in dem man in Unterkleidung unterwegs war und einen „intimen“ Bereich (Harum), indem man sich sogar nackt aufhalten konnte. Dieser intime Bereich war oft der engsten Familien und engsten Freunden vorbehalten, weswegen „zum intimen Bereich“ (Schaharim) einer Person zu gehören auch ein Ausdruck von Macht und Einfluss war und die Schaherim einen informellen elitären Personenkreis um einflussreiche oder berühmte Personen bildeten (~Cliqe, Entourage).
Die Gründe, warum ausgerechnet die mittelalterlichen Phanecher eine solche Scham vor öffentlicher Nacktheit (Bakkal) entwickelten, ist bis heute in der Forschung umstritten. Im Mittelalter führte sie sicherlich zu einer weiteren Abgrenzung des Dscha'ilisitschen Osten vom Asiranistischen Westen, obwohl die Dscha'ila selbst keinerlei Kleidungsvorschriften macht. Möglicherweise war das "Mehr" an Kleidung jedoch dem Ausdruckswunsch der Dscha'ilisten geschuldet, die durch wechselnde, opulente Kleidung ihrem heiligen Individualismus Ausdruck verleihen wollten.
@Nharun: Ich finde es immer sehr beeindruckend, dass du hier überaus „echt“ wirkende Beiträge lieferst; wenn man das einem „Uneingeweihten“ geben würde, würde er unter Umständen denken, du beschriebest hier reale historische Kulturen.
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